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Brückenschlag Band 19, 2003

Leseprobe

Monika Ritter

Liebe ist, wenn es wehtut

...Bei vielen Verhaltensweisen, mit denen ich jetzt, mit 49 Jahren, mir selbst im Weg stand, konnte ich die Spur zurück bis hin in meine Kindheit zurück verfolgen. In vielen Fällen stellten sich selbstzerstörerische Muster als plausible Folgen von Kindheitserlebnissen und deren – freilich nicht sehr hilfreiche – Verarbeitung dar. Dann wieder beschrieb ich Kindheitserinnerungen, bei denen ich jetzt, aus der Distanz sagte:
„Wer sich so einem Kind gegenüber verhält, der kann nicht ganz normal sein.“
Ich schrieb ein Erlebnis nieder, das immer wieder in meinem Gedächtnis auftauchte:
Ich war noch sehr klein, als ich mit meinen Eltern ins Freibad ging. Sie zeigten mir zwei Becken und sagten, dass ich in das erste gehen dürfte. In das zweite Becken dürfte ich nicht gehen, weil das Wasser dort „tief“ sei. Dann ließen sie mich allein.
Ich war zu klein, um die Bedeutung des Begriffes „tiefes Wasser“ zu verstehen. Ich wusste nicht, was das war, und dass das gefährlich war. Ich sah nur, dass das Wasser in dem „tiefen“ Becken viel intensiver blau war, als das in dem erlaubten. Das Dunkelblau sah so viel schöner aus als das Hellblau! Deshalb kletterte ich in das „tiefe“ Becken hinein – und versank zu meinem Schrecken wie ein Stein. Eine Schwimmerin hatte mich beobachtet und zog mich innerhalb von Sekunden an die Wasseroberfläche. Sie half mir aus dem Becken heraus.
Bisher hatte ich meine Eltern stets in Schutz genommen, wenn ich an die Geschichte dachte. Bei einer Vielzahl von Geschwistern war es einfach unmöglich, jedes von ihnen pausenlos zu beaufsichtigen, hatte ich mir immer gesagt. Doch jetzt fiel mir ein: Wenn ich noch zu klein war, um den Begriff „tiefes Wasser“ zu verstehen, dann waren meine beiden jüngsten Geschwister, Barbara und Udo, noch nicht geboren. Dann waren wir nur drei Geschwister, die zu beaufsichtigen waren. Heiner musste um die acht Jahre gewesen sein und brauchte sicherlich keine intensive Aufsicht mehr. Norbert musste ein Baby gewesen sein, das womöglich noch nicht laufen konnte. Aber das Wichtigste war: Ich war meinen Eltern nicht etwa unbemerkt davongelaufen, nein. Sie hatten mir, der Zwei- bis Dreijährigen, im Freibad Instruktionen erteilt – und mich dann vorsätzlich allein gelassen.
Was das bedeutete, damit wollte ich mich nicht befassen. Aber ich wusste: Ich wäre niemals willens oder fähig gewesen, meine eigene Tochter in dem Alter im Schwimmbad allein zu lassen.
Ich beschrieb Episoden, die mich besonders geschmerzt hatten.
Eine davon will ich als Beispiel hier erwähnen:
Meine Eltern verkündeten vor meiner Erstkommunion, dass ich von meinen Taufpaten weder Armbanduhr noch Goldkreuz bekommen würde – wie es Brauch in der Gegend war –, weil diese „zu teuer“ für mich seien. Der Grund konnte, das fühlte ich, nur in meiner Person liegen, denn meine Paten waren nicht arm und unsere Familie bekam häufiger Gaben aus der Verwandtschaft. Das tat sehr weh, denn diese Geschenke bedeuteten damals, in den immer noch nicht üppigen Zeiten Anfang der sechziger Jahre, nicht nur den materiellen Höhepunkt der Feier: Sie wurden jahrelang mit Stolz gezeigt und getragen wie Auszeichnungen oder Initiationssymbole. Aber ich würde keines davon tragen können.
Ich bekam Zweifel, ob ich ein Gebetbuch bekommen würde, wie es ebenfalls Brauch war. Aber ich konnte nicht über meine Zweifel mit meinen Eltern sprechen. Wenn ich den Mut aufbrachte, einen Wunsch zu äußern, wurde ich oft bestraft: Der Wunsch wurde mit verletzenden Bemerkungen von ätzender Schärfe abgelehnt und das löste im Inneren ein grausames Inferno an Scham- und Schuldgefühlen aus. (Wer behauptete, mehr als Nein sagen könne ein Gegenüber nicht zu einer Bitte, der hatte ja keine Ahnung ...) Deshalb wagte ich nicht zu fragen: „Bekomme ich ein Gebetbuch?“ Ich bekam Angst bei der Vorstellung, dass jeder das Fehlen des Buches während des Festgottesdienstes würde bemerken können – und ich wäre auf diese Weise öffentlich stigmatisiert und ausgegrenzt aus der Gemeinschaft der anderen Kommunionskinder. Die Panik wurde schlimmer und schlimmer, bis ich es nicht mehr aushielt. In meiner Not schlich ich mich am Vorabend der Erstkommunion heimlich zum Pfarrhaus und weinte der Pfarrhelferin meine Verzweiflung vor, welche mir ein Gebetbuch im Notfall versprach.
Tausende von Kränkungen dieser Art, manche schlimmer, manche weniger schlimm. Das war nur eine Schätzung. Aber ein anderer Schmerz ließ sich nicht in einer Zahl wiedergeben: Es war nur ein einziger, aber der schlimmste. Er zog sich von meinem ersten Atemzug an durch meine Kindheit und Jugend:
Das Elend des Kindes, das spürt: Seine Bedürfnisse und sein natürlicher Raumbedarf, und seien sie noch so existenziell, werden grundsätzlich als Zumutung oder störend betrachtet – von der eigenen Mutter. Es lernt, dass es für alles und jedes, was es bekommt, der Mutter einen Preis bezahlen muss (Unterwürfigkeit, Dankbarkeitsbekundungen, Anpassung, Gegenleistung, etc.). Es lernt: Je mehr es seine Bedürfnisse unterdrückt – was bis hin zur Stuhlverstopfung und Harnverhaltung geht – desto weniger stört es, desto eher wird es von der Mutter geduldet. Und die Mutter spricht von Liebe, und das Kind spürt Kälte. Und die Liebe der Mutter führt dazu, dass das Kind Schmerzen erleidet. Ein fatales Muster ist gebahnt: Liebe ist, wenn es wehtut.
Dieses Elend ist nicht in Worte zu beschreiben, weil die Worte dafür nicht da sind.
Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass sicherlich jeder Mensch in seiner Kindheit den einen oder anderen Tiefpunkt erlebt hat, den seine Eltern verursacht haben. Solche Erlebnisse sind, bildlich gesehen, aber wie Löcher, die unvermittelt in einer normalen Landschaft auftreten.
Meine Erlebnisse dagegen reihten sich, eines nach dem anderen, zu einer einzigen, schrecklich tiefen und nie aufhörenden Talsohle.

(Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Romanmanuskript der Autorin mit dem Titel „Wenn der Albtraum Leben heißt“.)



Cornelia Haser

Eine Seele hat sich verflogen

Fabian ist ein ungewolltes Kind. Als seine Mutter im sechsten Monat schwanger war, wollte sein Vater ihn der Mutter „aus dem Bauch treten“. Sie war Prostituierte, er Zuhälter. In der Schwangerschaft hat sich Fabian nicht optimal entwickelt – zu großer Kopf, Verdacht auf Down-Syndrom, Komplikationen... Er kam viele Wochen zu früh und musste ein halbes Jahr im Krankenhaus bleiben. Er ist der Dritte von vier Geschwistern – jedes Kind von einem anderen Erzeuger.
Fabians Familie ist genervt von ihm. Er redet viel, braucht sehr viel Aufmerksamkeit. Nachts geistert er herum. Er hat die Diagnose ADS bekommen. Die Aufmerksamkeit, die Fabian braucht, kann ihm keiner geben.

Vor der ersten Begegnung mit Fabian bekomme ich folgende Akteninformationen:
Fabian ist aggressiv, intrigant, er lügt, quält Tiere, geistert nachts umher, schreit laut beim Reden, spricht permanent, denkt laut, isst schlecht, schläft nachts wenig, weckt seine Geschwister auf, ist fernsehsüchtig...

Dann bin ich das erste Mal bei Fabians Familie zu Besuch. Fabian setzt sich auf meinen Schoß und lässt sich von mir umarmen. Er entspannt sich spürbar, lässt die Arme hängen, lehnt sich an.
Fabian hat schöne, glitzernde Augen und wirkt auf mich ausgesprochen pfiffig.
Er hat Charme.
Ich beobachte Blicke zwischen Mutter und Sohn. Er muss oft und lange um eine kleine Süßigkeit betteln.
Augen der Mutter: finster, streng und hart – sie sagen „Nein“ zu Fabian. Sie muss ihm wie eine „böse Hexe“ vorkommen.
Augen von Fabian: Er hält diesem Blick stand und versucht, keine Angst zu zeigen.
Was für ein Stress!
Seine Geschwister sagen zu mir, Fabian sei „krank im Kopf“. Er war auch schon oft weg von zu Hause, in Langzeitkuren, Kinderheimen usw. – eine Odyssee.
Fabian ist ein ungewolltes Kind.

Kinobesuch mit Fabian und seinen beiden älteren Geschwistern.
Fabian ohne Ritalin: Er redet den gesamten Film über (laut), stellt viele gute Fragen, kann mitdenken und mitfühlen, er bleibt die ganze Zeit sitzen, verfolgt die Handlung des Films aufmerksam und begreift die Botschaft. Seine Geschwister zappeln durchs Kino und fragen ständig, wie spät es sei.

Fabian schließt Freundschaft mit mir, weil er spürt, dass ich ihn so nett finde und so hübsch und intelligent. Er braucht eine konstante, liebende Bezugsperson, die ich ihm jedoch nicht sein kann – wenn überhaupt, nur zeitweise. Ich habe im Zuge der Sozialpädagogischen Familienhilfe nur zwei Kontakte in der Woche mit Fabians Familie.

Auf einem Kinderausflug fragt Fabian mich während eines prasselnden Regengusses, ob ich „mal was Warmes“ habe. Nichts mehr ist trocken in dem Unwetter, das uns überrascht hat – alle sind nass bis auf die Haut. Fabian glaubt wohl, ich könne Wunder vollbringen, weil ich zugewandt und aufmerksam sein kann.
Dann fragt er: „Kann ich an Deine Hand?“

Ich versuche, seine Mutter davon zu überzeugen, ihn loszulassen. Damit er eine dauerhaft zugewandte Person erlebt, die zu ihm hält und ihn fördern kann. Das sage ich der Mutter jedoch nicht, damit sie sich nicht gekränkt fühlt.
Sie will es noch mit Ritalin probieren – ihr „letzter Versuch“. Wenn das nicht „klappt“, soll er für immer „weg“ – zu Pflegeeltern.

Beim zweiten Kinobesuch steht Fabian unter Ritalin. Er ist ganz ruhig, fast in sich zusammengesackt – alles scheint an ihm vorbeizuziehen. Er stellt keine Fragen mehr, blickt still auf die große Leinwand, lehnt sich bei mir an.
Auch zu Hause ist er ruhiger. Er will in seiner Familie bleiben, darum muss er Drogen nehmen. In vier Wochen soll er eingeschult werden.

Wie lange soll Fabian so weiterleben?
Ich habe mal gehört, Kinder würden sich ihre Familie aussuchen.
Fabians Seele muss sich wohl verflogen haben. Was will er denn da lernen, frage ich mich. Hat er sich das denn vorgenommen, unter so widrigen Umständen eine „Persönlichkeit“ zu werden. Und eine Persönlichkeit ist er ohne Zweifel – und zwar eine ganz andere, als in den Akten steht.
Von einer Urlaubsreise am Strand bringe ich ihm Feuersteine mit, weil er sich einmal dafür interessiert hat.
Für seine Geschwister habe ich – um gerecht zu sein – auch Feuersteine gesammelt. Ich glaube jedoch, dass sie sich nicht so sehr dafür interessieren werden.

Manchmal ist es nicht leicht, sich um verirrte Seelen zu kümmern.

Auf der Einschulungsfeier mache ich Fotos von Fabian und seiner Familie. Er sitzt zart und hell zwischen den anderen Erstklässlern und hält sich an seiner großen bunten Schultüte fest. Fabian lächelt ins Bild. Fast wie ein kleiner Engel – nur irgendwie abwesend.


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