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Höllenqual oder Himmelsgabe?

Leseprobe

Hartwig Hansen

Vorwort: Zwischen den Polen

Stellen Sie sich bitte einmal folgende Situation vor: Sie führen ein Alltagsgespräch mit einem Ihnen seit Langem bekannten Menschen. Neben Ihnen sitzt eine weitere Person und flüstert Ihnen fortlaufend irritierende und auch verletzende Sätze ins Ohr, wie zum Beispiel "Du hast doch keine Ahnung, so dumm wie du bist." oder "Sieh dich vor! Wir sorgen dafür, dass du deine Strafe bekommst. Du bist an allem schuld!"
Sie versuchen, das Gespräch trotzdem fortzuführen. Das ist jedoch enorm schwierig. Sie fühlen sich abgelenkt, konfus und auch besorgt. Sie haben das Empfinden, die Kontrolle über Denken und Sprechen zu verlieren, werden fahrig und sprunghaft, ängstlich und ärgerlich. Was soll das alles?!

Der britische Stimmenhörer-Selbsthilfe-Aktivist Ron Coleman1 schlug dieses Experiment – eine dritte Person stört einen "normalen" Dialog – seinen Seminarteilnehmern vor, um das Erleben des Stimmenhörens unmittelbar nachvollziehbar zu machen.
Irene Stratenwerth und Thomas Bock beschreiben es eindrücklich in ihrem Buch "Stimmen hören"2.

Nun stellen wir uns vor, wie es weitergehen könnte. Sie denken sich: Was für eine verstörende Erfahrung?! Soll ich meinem Gesprächspartner davon berichten oder hält der mich dann für verrückt? Sie entscheiden sich dafür, es vorläufig für sich zu behalten, und wenden sich ein paar Tage später an einen Spezialisten. Der hört Ihnen – im besten Falle – zu und weist Sie in freundlich-gesetzten Worten darauf hin, dass Ihre Stimme ein Zeichen für eine mehr oder weniger schwerwiegende Erkrankung ist, das müsse beobachtet werden. Und der Spezialist macht Ihnen den Vorschlag, die Stimme (oder sind es mehrere?) mithilfe von Medikamenten wegzumachen.
Mittlerweile – Sie haben in den letzten Tagen keine Ruhe mehr gefunden – sind Sie froh über diesen Vorschlag und lassen sich darauf ein.

Das ist wiederum ein "normales" Szenario: Wer Stimmen hört – so die Lehrmeinung –, muss behandelt werden. Im Zweifel in der Psychiatrie und mit Psychopharmaka, mit denen die Stimmen mal verschwinden, mal bleiben und mitunter auch schlimmer werden können. Und dann?

Der oben zitierte Ron Coleman hat jahrelange Psychiatrieerfahrung gesammelt und erzählt von seinem "Wendepunkt-Erlebnis", als er – zuerst widerwillig – zum Treffen des Stimmenhörernetzwerks in Manchester geht. "Das Erste, was mir dort erzählt wurde, war: Deine Stimmen sind eine Realität, denn du hörst sie. Das war das allererste Mal, dass mich jemand ermutigt hat, auf meine Stimmen zu hören. Alle anderen haben gesagt: Vergiss es, hör nicht hin, es sind Halluzinationen. Das war ein echter Wendepunkt. Mir wurde zugestanden, meine Erfahrung als zu mir gehörig zu betrachten. Ich konnte zum ersten Mal über die Stimmen reden, ohne dass sie als Teil einer Krankheit gesehen wurden. Sie wurden als Teile von mir verstanden, als Folge der Ereignisse in meiner Lebensgeschichte."3

Im Zuge der Arbeit an diesem Buch wurde ich Zeuge eines ähnliches Vorgangs, der mich verblüffte, ärgerlich machte und gleichzeitig freute. Um noch ein paar Sätze zu präzisieren, gingen ein Autor und ich seinen Buchbeitrag im Gespräch noch einmal Absatz für Absatz durch und ich stellte Fragen wie: "Was sagen denn die Stimmen genau?" – "Was haben Sie gedacht, als sie das erste Mal auftraten, woher sie kommen?" und: "Hat Sie jemand schon mal danach gefragt, was die Stimmen zu Ihnen sagen, was sie von Ihnen wollen?"
Mein Gesprächspartner zeigte sich überrascht und antwortete: "Nein, noch nie."
"Es hat Sie in über zehn Jahren Stimmenhör-Erfahrung mit diversen Psychiatrieaufenthalten noch nie jemand gefragt, was Ihre Stimmen sagen?" Ich konnte es kaum glauben. Was ist bloß los in unser ach so fortschrittlichen Psychiatrie?
Nach einer kurzen Pause fragte ich: "Und wie ist das jetzt für Sie, dass wir das heute so genau besprechen?"
Die Antwort entspannte mich wieder, denn sie lautete: "Sehr befreiend!"

Offenbar liegt in der bewussten Auseinandersetzung mit der Erfahrung des Stimmenhörens, mit der Frage: "Was wollen mir meine Stimmen sagen?", eine echte Chance und viel Potenzial.
Die Autorinnen und Autoren dieses Buches werden davon berichten.
Ursprünglich hatte Andreas Gehrke die Idee, es zu verwirklichen. Er veröffentlichte bereits vor zwölf Jahren seinen Erfahrungsbericht "Aufbruch aus dem Angstkäfig"4 im Paranus Verlag und erhielt eine enorme Resonanz darauf– unter anderem auf einer ausgiebigen Lesereise durch Deutschland. Ihn hatte der Sammelband "Der Sinn meiner Psychose"5 überzeugt und inspiriert, etwas Ähnliches für die Stimmen hörenden Menschen zu verwirklichen.
Seit Mitte der 1990er-Jahre hat sich viel getan in Bezug auf die Erforschung des Stimmenhörens sowie in der Selbsthilfe, der Vernetzung und Begleitung. Das deutsche Netzwerk Stimmenhören6 wurde 1997 gegründet. Inter Voice7 gilt heute als internationale Dachorganisation. Namen wie der erwähnte Ron Coleman8, Marius Romme und Sandra Escher9, Hannelore Klafki10, Thomas Bock und Irene Stratenwerth11 sowie Joachim Schnackenburg u.a. vom efc-Institut12 stehen heute für diese positive Entwicklung für mehr Verständnis, für eine differenzierte Betrachtung des Phänomens Stimmenhören und für die erfolgreiche Begleitung sowie die Ausbildung zu dieser Begleitung von Stimmen hörenden Menschen.
Im Zentrum dieses Wandlungsprozesses stehen die vier Begriffe: Hinhören, Zuhören, Ernstnehmen, Integrieren. Und das gilt einerseits für die Stimmen selbst und andererseits für die Menschen, die diese Stimmen hören.
Darum haben wir die Anregung von Andreas Gehrke gerne aufgenommen und den Vorstand des Netzwerk Stimmenhören in Berlin gefragt, ob er das Anliegen dieses Sammelbandes mit einem Aufruf unterstützen würde. Frank Dahmen vom Netzwerk-Vorstand nahm dies dankenswerterweise energisch in die Hand und veröffentlichte unseren Schreibaufruf u.a. im Kleinen Stimmenhörer-Journal.

Um hier nun kurz Anliegen und Absicht dieses Buches zu illustrieren, möchte ich die zentralen Fragen aus dem Schreibaufruf zitieren:

– Wie kamen die Stimmen in mein Leben? In welcher Situation lebte ich damals?
– Worüber erzählten / erzählen die Stimmen?
– Wie habe ich sie gedeutet und was bedeuten sie mir heute?
– Wie habe ich herausgefunden, was sie "mir sagen wollen"? Hatten / haben sie eine "Botschaft"?
– Wie hat sich mein Leben durch die Stimmen verändert? (Rückzug, neue Begegnungen, neue
Achtsamkeit?)
– Gibt es für mich einen Grund oder einen "Sinn" für mein Stimmenhören in meinem persönlichen
Leben? Wie habe ich dies erkannt?
– Wer oder was hat mir auf meinem Weg geholfen?
– Was ist mir besonders wichtig im Umgang mit meiner Stimmenhörer-Erfahrung?
– Wie geht es mir heute mit alldem?
Der Umgang mit den Stimmen, die persönlichen Lebenswege und auch die Ziele des Einzelnen sind sehr unterschiedlich. Das Gleiche gilt für die Inhalte, die die Stimmen vermitteln. Nicht alle Stimmen sind gefährlich oder bedrohlich. Vieles scheint von einem konstruktiven Umgang mit ihnen abzuhängen und wie es gelingt, sie in sein Leben zu integrieren.
In psychiatrischen Einrichtungen wird das Stimmenhören in der Regel immer noch als unumkehrbare "Krankheit" (meist mit Medikamenten) behandelt und viele Menschen berichten, dass sie sich dort nicht gut aufgehoben und verstanden fühlen.
Umso wichtiger scheint es, die individuellen Erfahrungen zusammenzutragen. Jede Erfahrung hilft, sich mit dem Stimmenhören konstruktiv auseinanderzusetzen.
Wir sind überzeugt, dass ein solcher Sammelband dazu beitragen kann und wird, alte Doktrinen weiter aufzuweichen und moderne Unterstützungsangebote zu entwickeln und umzusetzen.
Sind Sie dabei? Wir würden uns sehr freuen!

Hartwig Hansen (Herausgeber) Frank Dahmen (Vorstand Netzwerk Stimmenhören)


Neben den zahlreichen inspirierenden Beiträgen, die hier veröffentlicht werden konnten, gab es auch ein paar wenige Absagen, u.a. die folgende:

Sehr geehrter Herr Hansen,
vielen Dank für Ihren Schreibaufruf. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht für Ihr Buch schreiben möchte. Meine Stimmen sind leider durchweg negativ. Sie bestehen aus Beschimpfungen und Beleidigungen. Eine intensivere Auseinandersetzung mit den Stimmen wäre zu schmerzlich. Außerdem habe ich beim Umgang mit ihnen bisher keine andere Alternative gefunden als das Herkömmliche, also Medikamente und Klinikaufenthalte, mit mäßigem bis keinem Erfolg.
Ich wünsche Ihnen bei der Verwirklichung Ihres Projektes viel Erfolg!

Von einer Mutter erreichte mich eine weitere interessante Rückmeldung. Anstelle ihres Sohnes schreibt sie:

Sehr geehrter Herr Hansen,
mein Sohn hat einige Argumente geäußert, die gegen seine Teilnahme am Buch sprechen.
Er ist gerade 20 geworden und kann sich nicht daran erinnern, je keine Stimmen gehört zu haben. Erst mit dem Einstieg in die Pubertät wurde ihm klar, dass alle anderen offenbar "stimmenlos" sind und da wurde dann alles etwas schwieriger ... Eine sehr nervenaufreibende Zeit für die Familie begann, aber schlussendlich war W. noch immer das gleiche Kind, der gleiche Bruder ... und wir akzeptierten das Stimmenhören als Teil seiner Persönlichkeit. Es gab keinen Grund, nach einer Diagnose oder Therapie zu suchen, und die Starthilfe bekamen wir von den Menschen beim Berliner Netzwerk Stimmenhören. Aber es war (und ist) natürlich nicht sofort alles gut, ICH hatte große Angst ... und sie überfüllt mich immer wieder ...!
Haben wir bisher alles richtig gemacht, werden wir in Zukunft alles richtig machen? Nein, bestimmt nicht! Aber wir machen es, so gut wir können. Und ich denke, W. "wächst" in eine aufgeschlossenere, tolerantere Zeit hinein, was wir auch Ihnen und der Arbeit Ihres Verlages zu verdanken haben!
W. meint, er hätte nicht die "richtigen" Antworten auf Ihre Fragen. Er hat gerade sein Abi in der Tasche und wohin ihn sein Weg führt, ist noch ganz ungewiss. Alles fängt gerade erst an.
Der Stigmatisierung die Stirn zu bieten, verlangt nicht nur den Stimmenhörern, sondern auch den Familien und Freunden eine Menge Kraft und Nervenstärke ab. Auch wenn wir W.s Stimmen nicht hören, sind sie doch auch Teil unseres Lebens geworden, haben uns vielleicht auch verändert. Wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen, sitzen mit ihnen am Tisch, verteidigen und erklären sie zuweilen ... oder wir versuchen es wenigstens. Aber nicht an jedem Tag – zum Glück ...
Mit freundlichen Grüßen!

Diese Antworten und auch die Texte in diesem Buch machen deutlich: Einfach ist das alles nicht und vor allem nicht mit "Schwarz-Weiß-Schablonen" zu erklären und zu handhaben.
Umso wichtiger scheint mir und uns der unvoreingenommene Blick, die Bereitschaft, genau hinzuhören und hinzusehen, im Gespräch und offen zu bleiben für die mögliche Erkenntnis: Vielleicht ist doch alles noch ganz anders.

Insofern ist der pointierte Buchtitel Höllenqual oder Himmelsgabe? auch nur ein Vorschlag, um das Feld der möglichen Erfahrungen abzustecken.
Die meisten Menschen, die die Erfahrung des Stimmenhörens gemacht haben – und auch die, die in diesem Buch darüber berichten –, werden sagen: "Ja, Höllenqual und Himmelsgeschenk – das sind die beiden Pole als Möglichkeiten." Aber meistens würden sie wohl ergänzen: "... und dazwischen ist alles möglich – wie bei mir!"

Ich danke herzlich allen Menschen, die die Teilnahme an diesem Buch ernsthaft geprüft haben, und allen, die sich dann bereit erklärt und daran gemacht haben, über ihre persönliche Stimmenhör-Erfahrung öffentlich zu berichten. Einige haben das unter ihrem wirklichen Namen gemacht, andere haben ein Pseudonym gewählt. Wer Kontakt zu einzelnen Beteiligten aufnehmen möchte, wende sich bitte an mich.
Ich danke Andreas Gehrke für seine "Anschub-Idee" und dem Vorstand des Netzwerk Stimmenhörens, Berlin, – und hier vor allem Frank Dahmen – für die engagierte Unterstützung und Kooperation.

Und nun kann's losgehen mit einer hoffentlich anregenden, zum besseren Verständnis beitragenden, ermutigenden, stimmenreichen Lektüre!

Fußnoten:
1 www.roncolemanvoices.co.uk
2 Irene Stratenwerth / Thomas Bock: Stimmen hören – Botschaften aus der inneren Welt. Hamburg, Kabel Verlag, 1998, S. 212 f. (leider nur noch antiquarisch erhältlich)
3 a.a.O. S. 21
4 Andreas Gehrke: Aufbruch aus dem Angstkäfig – Ein Stimmenhörer berichtet. Paranus Verlag, 3. Auflage 2014
5 Hartwig Hansen (Hg.): Der Sinn meiner Psychose – Zwanzig Frauen und Männer berichten. Paranus Verlag, 2. Auflage 2014
6 www.stimmenhoeren.de
7 www.intervoiceonline.org
8 Ron Coleman, Marc Smith: Stimmenhören verstehen und bewältigen: Arbeitshilfe 14 (übersetzt von Monika Hoffmann). Köln, Psychiatrie Verlag, 4. Auflage 2014
9 Marius Romme, Sandra Escher: Stimmenhören verstehen: Der Leitfaden zur Arbeit mit Stimmenhörern. Köln, Psychiatrie Verlag, 2. Auflage 2013
Sandra Escher, Marius Romme, Ingo Runte (Hg.): Die Stimmen und ich: Hilfen für jugendliche Stimmenhörer und ihre Eltern. Köln, Balance Buch + Medien Verlag, 2014
10 Hannelore Klafki: Meine Stimmen – Quälgeister und Schutzengel: Texte einer engagierten Stimmenhörerin. Berlin, Peter Lehmann Antipsychiatrie Verlag, 2006
11 siehe Fußnote 2
12 www.efc-institut.de (heißt experience focussed counselling)


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