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Brückenschlag Band 28, 2012

Rezensionen

Astrid Delcamp in: Soziale Psychiatrie:
Leben wir in einer Suchtkultur?
„Sucht ist ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung der Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums“ (Salloch-Vogel, S. 103).
Der vorliegende Band 28 des „Brückenschlags“ widmet sich den Süchten nach Alkohol, Arbeiten, Computerspielen, Drogen, Essen, Glücksspiel, Internet, Kaffee, Nichtessen, Medikamenten, Nikotin, PC, Sammeln, Sex, Spielen im Netz, Schokolade. Leben wir in einer Suchtkultur? Antworten auf diese Frage geben persönliche Erfahrungsberichte, wissenschaftliche Texte, Bilder, BOB-Comics, Gedichte, Geschichten und literarische Essays. Vielfältige Sichtweisen zum Thema werden beschrieben. Therapie –und Lösungswege, persönliche Erfahrungen, ermutigende Geschichten, aber auch Ratlosigkeit werden von den Autorinnen und Autoren geschildert.
Deutungs – und Erklärungsmuster zur Alkoholsucht und Anregungen zu deren Behandlung gibt Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel, während Arnhild Köpcke in ihrem Gedicht „Valpolicella“ den begossenen Seelenschmerz…im Abgrund süchtiger Gier“ verdeutlicht (S. 100 ff.).
Stark berührt war ich von den erschütternden Auszügen aus dem Buchmanuskript „ Mein lieber Johannes“. Burkhard Großmann erzählt in dem Text „Eine verschluckte Seele“ von seinem Sohn, der an PC-Spielsucht und Borderline litt.
In den „wissenschaftlichen“ Beiträgen beschreiben Jürgen Schiedeck und Martin Stahlmann die „Sucht 2.0“ mit dem „Aholic“ als neue Sozialfigur“ in einer flüchtigen“ Moderne, in der soziale Netzwerke zum zentralen Lebensraum werden. „Workaholics“, „shopaholics“, „sexaholics“, „tanaholics“ (Bräunungssüchtige), „cellaholics“ (Handysüchtige), „netaholics“, „ webaholics“ oder „connectaholics“…Stoffungebundene Verhaltensabhängigkeiten haben in der Multioptionsgesellschaft mit ihren sozialen und technischen Errungenschaften stark zugenommen. Das war mir nicht so bewusst und hat mich dazu angeregt, meine Handy – und Internetgewohnheiten zu überprüfen. Bin ich vielleicht schon ein „cellconnectworkaholic“?
Mich haben insbesondere die Texte rund ums Nikotin angesprochen, da ich vor 82 Tagen mit dem Rauchen aufgehört habe. Besonders gefallen mir der Text von Gabriele Iris Haag „Rauchen – Nein danke!“ Sie beschreibt ihren Rückfall in einer Art und Weise, die ich aus eigener Erfahrung sehr gut nachempfinden kann – wie oft habe ich Ähnliches gedacht und gefühlt. Besonders klasse fand ich nach ihrem Schlusswort „Ich will das Rauchen einfach hinter mir lassen und weitergehen in eine gesündere, suchtfreie und unabhängige Zukunft“ auch das BOB – Comic (S.148).
Gut gefallen haben mir die grauen Kästchen, in denen statistische Angaben zu den einzelnen Themenbereichen gegeben werden. Im Jahr 2009 wurden 22775000000 Euro für Zigaretten ausgegeben (S. 148), und der deutsche Staat nahm 13356000000 Euro an Tabaksteuer ein (S. 156). Der Gesamtwerbeaufwand für alkoholische Getränke betrug 471000000 Euro (S.97), der Gesamtumsatz auf dem Glücksspielmarkt betrug 23961800000 Euro (S.61). Insgesamt hat mich dieser „Brückenschlag“ nachdenklich gestimmt. Die Antwort auf die Frage ob wir in einer Suchtkultur leben, scheint „Ja“ zu sein – aber vielleicht ist es auch nur die Vielfalt der Süchte geballt in einem Band dargestellt, die diesen Eindruck vermittelt.
Der 28. „Brückenschlag“ enthält zahlreiche Anregungen, Adressen, Informationen und Erklärungen. Es leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die Suche nach mehr, mehr und immer mehr facettenreich zu betrachten. Mein Tipp: unbedingt lesen und weiterempfehlen!

Fünf-Sterne-Rezension von Ursula Talke, Berlin, auf amazon.de:
Eine bizarre Mischung
aus Bildern, Gedichten, Erfahrungsberichten aus der Innen- oder Angehörigenperspektive und professionellen Beiträgen, durchzogen von kurzen Fakten – alles zum Thema Sucht und was damit zusammenhängen könnte ... stellt dieser Brückenschlag dar.
Interessant, erschütternd, ernüchternd, neugierig machend – je nachdem, welches Kapitel man erwischt.
Der Leser erfährt von Süchten, von denen er vielleicht nichts ahnte – und ertappt sich – Hand aufs Herz – sicherlich bei einer Selbstanalyse – wie ist das mit meinem PC? Und wie geh ich mit meinem Handy um?
Jürgen Schiedeck und Martin Stahlmann beschreiben in ihrem Artikel zu Beginn des Buches den "Aholic" als neue Sozialfigur – süchtig nach allem Möglichen, ohne dass man nicht mehr leben kann. Ein in-den-Spiegel schaun für jeden Zeitgenossen – es gibt wohl niemanden, der von gar nichts betroffen ist ...
Besonders beeindruckt hat mich die phantasievolle Beschreibung der Essstörungen, sehr betroffen gemacht die offene und ehrliche Erzählung des Vaters, dessen Sohn sich das Leben nahm in seiner Computersucht. Dass es eine Internetsexsucht gibt hatte ich bisher nicht gewusst, von der Messie-Problematik hatte ich in dieser Form keine Ahnung. Ein Buch, das einläd zum Weiterfragen, Weiterforschen – zum Teil sind die Beiträge mit Literaturangaben, Internetadressen und Hinweisen auf Selbsthilfegruppen versehen. Abgerundet wird es mit einigen Rezensionen – was wäre der Paranus Verlag, wenn seine Mitarbeiter selber gar nichts schreiben würden!?
Aufgrund der bleibenden Aktualität gehört dieser Band eigentlich in so ziemlich alle erwachsenen und erwachsen werdenden Hände – denn die Sucht und Drogenproblematik ist ein Thema, von dem wohl niemand in seinem Leben in irgendeiner Form völlig unberührt bleibt.
Ich wünsche ihm viele Leser!


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