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Das Marionetten-Dasein ist vorbei

Rezensionen

Ute Thomsen in: Eppendorfer 5/2012:
„Gib niemals auf. Du hast nur dieses eine Leben“
Aus dem Leben einer Frau mit Missbrauchvergangenheit

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Zumindest muss die kleine Diana das geglaubt haben. Die inzwischen erwachsene Diana Jordan, die unter diesem Pseudonym das Buch „Das Marionetten-Dasein ist vorbei – Mein Leben mit der Missbrauchvergangenheit“ geschrieben hat, nennt dies als Grund dafür, sich niemandem anvertraut zu haben. Stattdessen hat sie schwerwiegende Demütigungen und Kränkungen viele Jahre verdrängt: vom Stiefvater und anderen Männern ab dem Alter von etwa neun Jahren sexuell missbraucht, von der Mutter ungeliebt und abgelehnt. „Mein Selbstwertgefühl war absolut im Keller, das heißt eigentlich gab es keins … Ein dickes Kind ohne viel Grips und nichts wert.“ Diana hat gelernt, aus ihrem Körper auszusteigen, um das Martyrium zu überleben.
Irgendwann hat der Verdrängungsmechanismus offenbar seine Wirkung verloren. Als ihre drei Kinder groß genug sind, hat sie Zeit, sich um sich selbst zu kümmern, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Besuch der psychiatrischen Tagesklinik, Therapien, Suizidabsichten, missglückte Beziehungen, Schwierigkeiten mit der eigenen Sexualität – die Autorin beschreibt detailliert, wie sie sich mühsam durch ihre erlebten Kränkungen kämpft. Zeichnet ihren Weg nach, der sie langsam aus dem Dunkel ins Licht, mit therapeutischer Unterstützung zu Selbstliebe, Selbstachtung und Selbstbewusstsein führt. Besonders Klopfakupunktur habe ihr sehr geholfen – und die musikalische Begleitung von Herbert Grönemeyer.
„Heute weiß ich, dass in den vielen Schmerzen und schlechten Erfahrungen auch etwas Gutes gesteckt hat“, schreibt die Autorin. Sie hat sich neuen Lebensmut erkämpft. „Gib niemals auf. Du hast nur dieses eine Leben“, lautet ihr Mut machendes Motto.

Christine Theml in: Nicht ohne uns
Das Marionetten-Dasein ist vorbei
Der Paranus-Verlag in Neumünster hat wieder das Buch einer Betroffenen herausgegeben, diesmal einer jetzt 50-jährigen Frau, die in ihrer Kindheit mit großer Regelmäßigkeit gleich von zwei Männern missbraucht wurde, dem Stiefvater und einem Freund der Familie.
Das Thema ist zurzeit sehr in den Medien präsent, es aber so nah von einer Betroffenen zu erfahren, ist noch eine andere Sache. Das Besondere dieses Buches ist die Beschreibung des Weges, den Diana Jordan geht, nachdem alle Kraft für die Bewältigung des Alltags mit drei Kindern ihr nach und nach abhanden gekommen war.
Der erste Ausweg war Selbstmord, gegen den sie sich aber der Kinder wegen entschied. Der nächste Ausweg wird zum Weg in ein gesundes Leben. Er beginnt mit einer therapeutischen Begleitung, dann einem mehrwöchigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Tagesklinik und führt schließlich in einen neuen Alltag, den Diana Jordan als erwachsenen verantwortliche Frau und Mutter dreier herangewachsener Kinder nun bewältigt. Natürlich ist solch ein Weg mühsam und braucht viele verschiedene Teilwege.
"Viele Gespräche, Tränen, Gefühlschaos und Suizidgedanken liegen hinter mir. Heute kann ich behaupten, ich habe das hinter mir gelassen, auch wenn mich manche Gedanken und inneren Bilder ab und zu wieder einholen." (S. 9)
Wahrscheinlich ist eine wichtige Voraussetzung für dieses Gelingen, dass sie vom Missbrauch wusste. Sie half sich zwar mit dem Abspalten ihrer Gefühle, aber sie verdrängte das Geschehen nicht vollkommen. Als sie in die Pubertät kam, wurden die Überfälle weniger, aber der seelische Schaden genügte, um ihr einen normalen Umgang mit Männern unmöglich zu machen. Trotzdem ließ sie sich auf Beziehungen ein, brachte drei Kinder zur Welt, litt aber sehr unter den ständigen Wechselbädern ihrer Gefühle.
Als eine Therapeutin sie auf ihr inneres Kind aufmerksam machte, die Autorin nennt dieses Kind Sara, bekam sie einen ersten wichtigen Zugang zum Umgang mit ihren Defiziten. Das verängstigte, ungeschützte Kind von früher war noch in ihr. Am Beispiel einiger Dialoge zwischen der 50-jährigen Diana und der 7-jährigen Sara, ein und derselben Person, kann der Leser nachvollziehen, was gemeint ist. Diana spürte noch die Unsicherheiten, die Schmerzen und Ängste des Kindes, obwohl die Erwachsene nun ein anderes Leben führte. Nun kümmerte sich die Erwachsene um das Kind in ihr, gab ihm Schutz und Sicherheit und allmählich wich die vorher so quälende und unverständliche Spannung (oder wie man es sonst nennen will).
Die Autorin berichtet immer wieder von der Geduld, die sie auf ihrem Weg zu Heilung aufbringen, von der Zeit, die sie sich für sich selbst nehmen musste, um mit ihren Defiziten umzugehen. Bücher, Musik, Therapien begleiten sie. Von all dem erfährt der Leser.
Unter der Ăśberschrift "Ich habe mein Bestes gegeben" begrĂĽndet Diana Jordan noch einmal all die MĂĽhe, die sie beim Schreiben hatte: "Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich mir alles von der Seele schreiben und meinen Kopf frei bekommen wollte. Denn die Zeilen, die ich hier aufgeschrieben habe, gehen mir schon sehr lange im Kopf herum. Und schlieĂźlich habe ich mich hingesetzt und alles noch einmal 'erlebt'.
Beim Schreiben bin ich gefühlsmäßig noch einmal in die verschiedenen Zeiten der Vergangenheit gewandert – was mich mal zum Weinen, mal zum Nachdenken gebracht hat. Aber all das war und ist in Ordnung. Gefühle sind dazu da, wahrgenommen zu werden. Sonst beginnen sie ein verzwicktes Eigenleben zu inszenieren." (S. 165)
Genau das hatte Diana Jordan ja erlebt. Das Buch ist ein gut nachvollziehbarer Bericht ĂĽber all das, was die Autorin getan hat, um ein selbstverantwortlicher Mensch zu werden, der die schlimmen Erfahrungen verarbeiten konnte und nicht in Trotz, Wut und Anklage stecken geblieben ist.
Allerdings drängt sie, dass unsere Gesetzgebung sich ändern muss und für Sexualstraftäter keine Verjährungsfristen gelten dürfen. Sie fügen den Opfern lebenslanges großes Leid zu, das nicht verjähren kann. Und sie möchte Mut machen zum aufrechten Gang.
Diana Jordan reift sogar so weit, dass sie ihre in eine Drogensucht geratene Tochter auf dem Weg aus der Sucht begleiten und trotz des Wissens um viele Fehler, die ihr im Familienleben geschehen sind, nun mit Stolz auf sich und ihre drei Kinder schauen kann, die die schwierige Lebensschule fĂĽr ihre Zukunft nutzen konnten.
Das Gelingen dieses Buches – und hier dankt die Autorin dem Verleger und dem Lektor Hartwig Hansen – hängt aber unmittelbar mit der großen Wahrheitsliebe der Diana Jordan zusammen. Sie beschönigt nichts. Das ist eine große Leistung. Vielleicht geht ihr Wunsch in Erfüllung, und dieses Buch bekommt einen Schneeballeffekt.


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