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Aufbruch aus dem Angstkäfig

Rezensionen

Ingo Wabnik in: Klinke:
Andreas Gehrke hat mit seinem Buch ein Werk geschaffen, das seinesgleichen sucht. Es kann als Standardwerk gesehen werden und gibt doch dem Leser Raum, sich seine eigenen Gedanken zu machen.

Lutz Debus in: Dr. med. Mabuse:
In den nun endlich zahlreicher werdenden veröffentlichten Berichten von Psychiatrieerfahrenen nimmt dieses Buch eine Sonderrolle ein. Psychiatrische Versorgung kommt nur am Rande vor. Dadurch ist dieses Buch auch keine Abrechnung mit der Psychiatrie. Es unterscheidet Stimmenhören von psychotischem Erleben, beides kann einander bedingen, aber auch voneinander getrennt sein. Nicht jeder Stimmenhörer ist krank, obgleich Stimmen kränken können. Seine Stimmen begreift Gehrke als Ventil seines überfüllten Unterbewussten und somit als Pfadfinder für Selbsterfahrungsprozesse.

pro mente sana aktuell:
Dieses Buch ist für Stimmenhörende ein ermutigender Erfahrungsbericht. Angehörige und Fachleute vermittelt es eindrucksvolle Einblicke in ein stimmenreiches Leben. Mit schmunzelnder Ernsthaftigkeit schafft der Autor Verständnis für die schier übermenschliche Anstrengung, die es braucht, den Ausgang aus den Sphären einer anderen Welt zu finden – und es darf gelacht werden.

Arnhild Köpcke in: Sozialpsychiatrische Informationen:
Andreas Gehrke nimmt uns in seinem autobiografischen Text mit auf die Reise durch ein wahres Inferno des Stimmenhörens, das sich immer wieder zu psychotischen Schüben verdichtet. Eingespannt zwischen Himmel und Hölle, umgeben und bedrängt von Teufeln und Hexen, ringt er seit zehn Jahren mit den Mächten, die ihn bestürmen. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. (...) Die Wende in seiner langen Leidenszeit bringt die Einsicht, dass durch "bewusste eigene Veränderung das Licht am Ende des Tunnels sichtbar wird". Und so gelang es ihm, den Käfig der Angst zu verlassen und sich zu emanzipieren von dem, was nicht mit seinem Inneren übereinstimmte.
Das Buch macht allen psychosekranken Stimmenhörern Mut, sich nicht aufzugeben, sondern sich nach einem neuen Lebenssinn auf den Weg zu machen. Es ist ein trostreiches Buch, das uns gemahnt, dass wir trotz schlimmer Krankheit noch einen Ausweg finden können und auf Selbstheilungskräfte und Selbsthilfe vertrauen können.

Christiane Wiedstruck in: Zeitschrift Psychiatrie-Erfahrener:
Der Autor schildert sehr anschaulich, wie er Stimmen erlebt und wie er darauf reagiert hat. Als Leser kann man gut nachvollziehen, wie es einem Stimmenhörer in seinem Innenleben ergeht.
Im zweiten Teil des Buches beschreibt Andreas Gehrke, wie er lernte, mit den Stimmen umzugehen, dass sie ihn nicht länger belasteten. Er setzte sich mit seinen bisherigen Einstellungen auseinander und konfrontierte sich mit für ihn problematischen Haltungen. Er wurde daraufhin gelassener und lernte, sich und seine soziale Umwelt eher positiv zu sehen und zu verzeihen. Durch diese innere "Sanierung" kam es zu einer deutlichen Verbesserung seines inneren psychischen Zustandes.
Besonders bemerkenswert finde ich, dass der Autor diese seelische Veränderung aus eigener Kraft ohne Hilfe einer Psychotherapie bewältigte. (...) Der Autor macht mit seinem Buch Hoffnung, dass man sich aus einer als desolat empfundenen psychischen Situation mit eigenen Kräften befreien kann. Deshalb kann man als Leser viel aus diesem Buch gewinnen und vielleicht einige Erkenntnisse auch auf sich selbst anwenden.

Gerald Köhn in: Gegenwind:
Allen, die über die klassische Psychiatrie hinaus einen alternativen Zugang zum Stimmenhören suchen, ist dieses Buch zu empfehlen. Und jeder, der mal in die vertrackte Situation eines Stimmenhörers blicken möchte bzw. nicht versteht, warum ein Stimmenhörer merkwürdige, ja selbstschädigende Verhaltensweisen (Isolation) an den Tag legt, wird sich von diesem einzigartigen Buch angesprochen fühlen.

Dieter Winzig in: Platanen-Blätter:
Nicht nur Stimmenhörer sollten das Buch lesen. Auch Menschen mit Depressionen u.a. psychischen Krankheitsbildern finden sich darin wieder. Es ist eine Art Anleitung, um Stimmen, Depressionen u.ä. hinter sich zu lassen. Deshalb sollten 12,80 Euro nicht zu viel sein.

Sabine Kühner in: Buschtrommel:
Für mich als nicht Stimmenhörende ist das Fazit dieses bemerkenswerten Buches, dass es ganz wichtig ist, den Stimmen einen Sinn zu geben. Zu lernen, konstruktiv mit ihnen umzugehen und immer wieder zu versuchen, die Kraft aufzubringen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Seelenpresse:
Im Beschreiben der Stimmen in seinem Buch gelang es Gehrke letztendlich, sich so weit von seinen Stimmen zu distanzieren, dass sie keine Macht mehr über ihn hatten, sondern zu wertvollen inneren Gesprächspartnern wurden. Somit wurde er wieder "Herr im eigenen Haus".

Sibylle Prins in: Sozialpsychiatrische Informationen:
Vorab eine private Bemerkung: es liegt eine gewisse (gewollte?) Ironie von Seiten der Redaktion darin, ein Psychose-Erfahrene, die in ihren Psychosen Stimmen hört, die ihr vom lieben Gott höchstpersönlich oder aber von zahlreichen Engeln und Heiligen zu kommen scheinen, um die Besprechung eines Buches zu bitten, in dem der Autor von seinen Stimmenhörerfahrungen berichtet, wobei er es überwiegend mit durchaus religiös gefärbten Teufeln aller Art, Hexen und ähnlichen Figuren zu tun hat. Während der Lektüre des ersten Teils des Buches von Andreas Gehrke, "Aufbruch aus dem Angstkäfig – ein Stimmenhörer berichtet” (Paranus-Verlag), kam mich des öfteren die Lust an, mich mit dem Autor zusammenzusetzen und ein wenig über die jeweiligen “Sprecher” zu fachsimpeln, die trotz ihrer gegensätzlichen religiösen Verortung u.a. eine ausgesprochen autoritäre Art, mit ihren Hörern umzugehen, gemeinsam haben – die Gegenwehr dagegen ist übrigens für den Autor der erste Schritt zu seiner Befreiung.
In diesem ersten Teil schildert Andres Gehrke in sehr plastischer, fast schon belletristischer Art seine Erlebnisse mit den Stimmen über fast anderthalb Jahrzehnte , was immer wieder in psychotischen Schüben und Klinikeinweisungen mündete.
Im Vorwort spricht der Autor davon, er wolle die Leser auf eine Reise mitnehmen – tatsächlich habe ich mich an Reisebeschreibungen erinnert gefühlt, in denen etwa ein Aufenthalt in einem fremden Land oder Kulturkreis erzählt wird. Die Darstellung der Stimmenwelt als eine “verborgene Welt”, die ihre eigene Gesetze und Verbote – zum Beispiel das Verbot, über die Stimmen und die Erlebnisse mit ihnen mit anderen Menschen aus der realen Welt zu sprechen – finde ich ansprechend und kann sicherlich auch von vielen anderen Menschen mit ähnlichen Erlebnissen nachvollzogen werden. Für nichtbetroffene Leser/innen wird m.E. deutlich, welchen ungeheuren und eindringlichen Realitätscharakter solche Phänomene für die Betroffenen haben. Etwas anderes wird auch noch deutlich: ich habe mir in der Psychiatrie öfter den Satz anhören müssen “Diese Stimmen, das sind Ihre eigenen Gedanken, die laut werden”.
Andreas Gehrke geht im zweiten und dritten Teil seines Buches ausführlich und anregend auf den wahren und einigermaßen komplizierten Kern dieses Satzes ein – das Buch zeigte mir jedoch wieder einmal auf, warum dieser Satz, wenn er nur so banal und oberflächlich dahingesagt und nicht vertieft wird, für Betroffene nicht hilfreich sein kann, sie oft gar nicht erst erreicht.
Klar wird auch, weshalb eine psychiatrische Behandlung, die sich mit den Stimmen und den Inhalten des Stimmenhörens nicht auseinandersetzt, oder besser: den stimmenhörenden Menschen nicht zur Auseinandersetzung anregt, anleitet, sondern nur auf Psychopharmakagaben setzt, die Symptome zwar zurückdrängen kann, die zugrundeliegenden Probleme aber eigentlich perpetuiert.
Den Autor führte das Stimmenhören zunächst einmal in eine fast ausweglose Situation: da ist nur noch die Angst: Angst vor den grausamen Drohungen der Stimmen, Angst vor den Mitmenschen, Angst den Mitmenschen zu schaden, Angst vor dem Tod- und auch vor dem Leben? Im zweiten Teil seines Buches wird nämlich über die Überwindung dieser Ausweglosigkeit erzählt, und es wird klar – der Käfig bestand nicht nur aus dem Gefangensein in bedrohlichen Stimmenhörerlebnissen, sondern auch in Lebensentwurf und Selbstgestaltung. Der geschilderte “Aufbruch” hat viel mit der Bearbeitung von Kränkungen zu tun: Kränkungen, die von außen an ihn herankamen, aber auch Kränkungen, die er selbst anderen zugefügt hatte, Kränkungen gegen sich selbst- ja, sogar Kränkungen, die er den Stimmen zufügte. Denn der Autor wird nicht nur überwiegend frei von Stimmenhör-Erlebnissen, er findet auch ein neues Verhältnis zu seinen Stimmen. Doppeldeutig könnte man formulieren: “er hört jetzt auf seine Stimmen”, zumindest setzt er sich intensiv mit ihrem möglichen Sinn und Bedeutung auseinander, versucht, ihre eigentliche Botschaft ergründen. Und wird dabei fündig, auch wenn er sich an einer Stelle für die Offenheit und das Fließende, wenig Greifbare seiner Ergebnisse entschuldigt – mir war das eher sympathisch. Er erlebt eine grundlegende Wandlung seiner selbst, nicht unwesentlich unterstützt durch seine Kontakte und sein Engagement im “Netzwerk Stimmenhören”.
Anfangs bekam ich beim Lesen dieses Wandlungsprozesses einen kleinen Schrecken: würde der Autor die Selbsterkenntnis als einziges und allgemeingültiges Allheilmittel für alle Probleme anpreisen? Nun, er setzt eine realistische Selbstbetrachtung und die Wiederübernahme der Verantwortung für sich selbst durchaus an die erste Stelle, nennt seine persönliche Veränderung eine “sanfte Selbstheilung” - aber so einfach, wie ich zunächst befürchtet hatte, macht er es sich keineswegs. Er macht es sich nirgendwo zu einfach, manchmal schon fast zu schwer. Das schadet aber nichts, denn so werden Themen zumindest angesprochen, die in anderen Erfahrungsberichten oft fehlen: Umgang mit Größenideen, die eigenen Verfehlungen im Umgang mit Mitmenschen (und sich selbst), Fragen auch nach etwaiger Schuld und Wiedergutmachung. Schön und wichtig auch ein Kapitel, in dem die Rolle der Angehörigen gewürdigt wird und für diese Hinweise zum Umgang mit stimmenhörenden Menschen gegeben werden.
Im dritten Teil des Buches wird dann das Stimmenhören und die Verarbeitung dieses Phänomens eher theoretisch reflektiert und Wünsche für verbesserte psychiatrische Behandlung formuliert – wobei der Autor dieses “Stimmenhören” nicht per se und von vornherein als Krankheit definiert sehen will. Jedenfalls, ein Buch, das gleichermaßen wichtig und geeignet ist für Menschen, die selbst Stimmenhör-Erfahrung haben, wie auch für jene, die mit Stimmenhörern zusammenleben oder mit ihnen zu tun haben. Ein Nachsatz: An einer Stelle ermutigt Andreas Gehrke andere Stimmenhörer ausdrücklich, ihre Erfahrungen ebenfalls aufzuschreiben. Auch dazu macht dieses Buch Lust!


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