Suche:     
Sachbücher/Erfahrungen

Diana Jordan

Das Marionetten-Dasein ist vorbei

Mein Leben mit der Missbrauchvergangenheit

Mit einem Nachwort von Irene Johns (Deutscher Kinderschutzbund)

ISBN 978-3-940636-16-4
184 Seiten, 2011
Preis 14,80 EUR
zzgl. Versandkosten, inkl. 7,00 % MWSt
in den Warenkorb  in den Warenkorb
  
 
  Leseprobe  Leseprobe    Rezensionen  Rezensionen  

Über das Buch

Als ich klein war, wurde mir gesagt: „Steig nie zu einem fremden Mann ins Auto.”
Und wenn ich alleine zu Hause war, hieß es: „Lass niemanden in die Wohnung.”
Wieso hat mir eigentlich niemand gesagt: „Lass dir niemals zwischen die Beine fassen und nie sexuell belästigen.”
Steig nie zu einem fremden Mann ins Auto! Aber was ist mit den Männern, die mir nicht fremd sind? Was ist mit dem Stiefvater oder dem Onkel der Familie?
Ich bin 50 Jahre alt und blicke auf eine Vergangenheit zurück, die noch heute mein Leben prägt. Aber ich kann inzwischen recht gut damit leben. Nur um das sagen zu können, musste ich viel dafür tun, was verdammt noch mal wirklich schwer war. Vom Frauennotruf über eine Psychotherapeutin, bis hin zur psychiatrischen Tagesklinik habe ich alles durch. Viele Gespräche, Tränen, Gefühlschaos und Suizidgedanken liegen hinter mir. Heute kann ich behaupten, ich habe das hinter mir gelassen, auch wenn mich manche Gedanken und inneren Bilder ab und zu wieder einholen. Sie sind da und auch gleich wieder weg.
Mit diesem Buch möchte ich, so gut es geht, all das erzählen, was mich Stück für Stück nach vorne gebracht hat. Meine Sichtweise hat sich verändert, in Bezug auf meine Kinder, auf mich selbst und auf das Leben im Allgemeinen.

So beginnt Diana Jordan ihren eindrucksvollen und sehr gut zu lesenden Bericht darüber, wie sie ihrem Gefühl, von anderen bedrängt und gelenkt zu werden, auf den Grund ging und zu einem selbstbestimmten Leben aufbrach. Heute sagt sie: Das Marionetten-Dasein ist vorbei! und will andere Betroffene mit ihrem Buch ermutigen, sich ebenfalls auf den Weg zu machen.


Mut zu haben, ist nach wie vor nötig
Nachwort von Irene Johns
(Leiterin des Kinderschutz-Zentrums Kiel und Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein)


Diana Jordan hat es geschafft, trotz ihrer leidvollen Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt in ihrer Kindheit und den schwerwiegenden Folgen einen neuen Weg für sich und ihre Kinder zu finden. Das ist beeindruckend, anrührend und kann anderen Mut machen. Sie zeigt viel Mut und Kraft, sich mit den schmerzlichen Gefühlen der Erfahrung des sexuellen Missbrauchs auseinanderzusetzen.
Was die Autorin beschreibt, entspricht leider auch den Erfahrungen aus der praktischen Kinderschutzarbeit und den Erkenntnissen der Forschung.
Etwa drei Viertel der sexuell missbrauchten Kinder und Jugendlichen sind Mädchen, etwa ein Viertel sind Jungen. Bei Misshandlungsbeginn ist der überwiegende Teil der Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren.
Der größte Teil der Misshandler stammt aus dem familiären oder sozialen Umfeld der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Der Anteil der Fremdtäter ist demgegenüber relativ gering.
Beim Vorgehen sprechen wir von Täterstrategien. Die Missbraucher planen und gestalten die sexuellen Übergriffe zunächst häufig als unverfängliche spielerische Situation. Dabei werden scheinbar zufällig intime Körperregionen des Kindes berührt. Oder der Missbraucher nimmt sich viel Zeit für das Kind, sucht seine Nähe, beschenkt und umsorgt es. Die Täter binden das Kind über diese Strategien und indem sie es zum Mitwisser eines „Geheimnisses“ machen oder durch Gewaltandrohung. So auch bei der Autorin: „Wenn du es deiner Mutter sagst, streite ich alles ab und dir glaubt sowieso niemand“, sagt der Bekannte ihrer Eltern, der sie sexuell missbraucht – und sie schweigt. Gelingt es den Tätern, eine enge Bindung zu dem Kind herzustellen, verhalten die Kinder sich oft lange still und vertrauen sich niemandem an. Sexueller Missbrauch ist eine der stärksten Grenzverletzungen, die ein Kind erfahren kann. Das Kind macht die Erfahrung von großer Hilflosigkeit, von Ungeschütztsein und Verwirrung. Kann in dieser Situation der nicht misshandelnde Elternteil oder die nicht misshandelnden Eltern dem Kind keine Orientierung und schützende Beziehung anbieten, so wird die Situation, wie im Falle der Autorin, für das Kind vollends ausweglos und verwirrend. Es greift, um überleben zu können, zu einer Reihe von psychischen Auswegen, die letztlich dem Kind die Basis für eine positive Lebensgestaltung entziehen.
Die Folgen und Bewältigungsmöglichkeiten für betroffene Kinder und Jugendliche sind abhängig vom Alter der Betroffenen bei Misshandlungsbeginn, von der Dauer, Häufigkeit und Intensität der Handlungen, der Beziehung zu der misshandelnden Person – hier dem Stiefvater und einem Bekannten ihrer Eltern –, dem Einsatz von Gewalt, Zwang und Drohungen, dem subjektiven Erleben des Kindes sowie den Reaktionen des Umfeldes auf eine Eröffnung.
Traumatisierungen sind zu erwarten, wenn die Beziehung zwischen Opfer und Täter sehr nah ist, der Täter Zwang oder Gewalt anwendet, es zu massiven sexuellen Übergriffen, wie Vergewaltigung oder Genitalmanipulationen kommt, die sexuellen Übergriffe wiederholt oder über einen langen Zeitraum stattfinden und das Kind bei Misshandlungsbeginn noch sehr jung ist. Mögliche unmittelbare Folgen nach dem Missbrauch können u. a. das wiederholte Erleben bzw. die Wiederherstellung des traumatischen Ereignisses in der Gegenwart sein, sog. Flashbacks, d. h. Rückblenden auf das Ereignis, Albträume und Reinszenierungen. Hält dieser retraumatisierende Zustand an, brauchen die Kinder möglichst sofort therapeutische Unterstützung. Andere Folgen können sich in Gefühlen wie Verwirrung, Hilflosigkeit, Scham oder Wut und Angst äußern. Bei Kindern können Distanzlosigkeit, ein sexualisiertes Verhalten oder eine sexualisierte Sprache Folgen einer erlebten sexuellen Gewalt sein.
Im Jugendalter sehen wir als Folgen häufig Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, Störungen in der Aufnahme von Beziehungen, Substanzmissbrauch und dissoziales Verhalten. Bei sexueller Gewalt erstrecken sich die Auswirkungen von Auffälligkeiten im Sozial- und Sexualverhalten bis hin zu psychosomatischen und psychiatrischen Symptomen. Als Langzeitfolgen dieser Kindheitstraumen hat man Depressionen, Schlafstörungen, Ängste, geringes Selbstwertgefühl, psychosomatische Beschwerden, soziale Probleme bis hin zur Dissoziation festgestellt.

Es gibt keine spezifischen Verhaltensauffälligkeiten, die eindeutig auf sexuelle Gewalt hinweisen. Die geschilderten Folgen können grundsätzlich auch durch andere Belastungen hervorgerufen sein. Zudem zeigen viele sexuell missbrauchte Kinder (zunächst) keine Symptome ihrer gestörten Entwicklung. Eindeutige Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch sind körperliche Befunde wie der Nachweis von Spermien, Spermienflüssigkeit, ausgeprägte anale oder vaginale Verletzungen, eine Schwangerschaft, Fotos bzw. Videos. Diese Befunde liegen jedoch in den seltensten Fällen vor. Dennoch: Wenn ein Kind sich auffällig verändert, sehr aggressiv wird oder im Gegenteil sich völlig zurückzieht, sollten wir dem nachgehen und herausfinden, was das Kind belastet. Im Falle des Verdachts des sexuellen Missbrauchs ist es ratsam, professionelle Unterstützung zu suchen, denn Erwachsene reagieren häufig emotional belastet und verunsichert, wenn Kinder über sexuelle Gewalt berichten. Heftige Reaktionen von Bezugspersonen können dazu führen, dass Kinder Aussagen zurücknehmen oder keine weiteren Angaben machen wollen. Kinderschutz-Zentren und Fachberatungsstellen bieten in diesen Fällen Beratungen und therapeutische Unterstützung für Kinder und ggf. Eltern an. Auch Fachleute, wie ErzieherInnen, LehrerInnen und andere Professionelle aus dem Umfeld von Kindern, können sich beraten lassen, wenn sie sexuelle Gewalt bei einem Kind vermuten. In diesem Fall wird Thema der Fachberatung sein, wie der Schutz des Kindes und die weitere Hilfe gewährleistet werden können.

Frau Jordan hat als Kind keine Hilfe erhalten, war mit ihrem Leid völlig allein und hat als Jugendliche und spätere Erwachsene in ihrer Partnerschaft, in der Beziehung mit ihren Kindern vieles von dem erlitten, was als Folgen beschrieben worden ist. In der Zeit, als die Autorin ein Kind war, sowie in der Zeit, als sie eine junge Erwachsene wurde – also bis Mitte der Achtzigerjahre –, war sexuelle Gewalt gegen Kinder in Deutschland noch ein Tabuthema. Es fehlten Einrichtungen, die mit Kindern nach erlebter sexueller Gewalt arbeiteten. Konzepte und Berichte über die Arbeit mit betroffenen Kindern lagen nicht vor. Erst seit Mitte der Achtzigerjahre befassen sich die Kinderschutz-Zentren in Deutschland sowie andere Institutionen mit dem Thema „Hilfen bei sexueller Kindesmisshandlung“.

Umso beeindruckender ist der Weg, den die Autorin als Erwachsene zwar mit therapeutischer Unterstützung, aber vielfach auch auf sich allein gestellt, geht, um für sich selbst und ihre Kinder positive Entwicklungen möglich zu machen. Beeindruckend ist hier in der Schilderung der Autorin, wie sie den Prozess der Nachbeelterung beschreibt. Sie greift Hinweise aus der Therapie auf und wendet sich ihrem „inneren Kind“ zu. Sie empfindet Mitleid, macht „Sara“ Mut, wenn neue Dinge auf sie zukommen, gibt ihr die Gewissheit, dass sie sie schützt und auf sie „aufpasst“, tröstet und hilft ihr, ihre Ängste zu bewältigen. Sie macht all das, was ihre Mutter oder eine andere Elternperson hätte tun sollen. Denn durch den sexuellen Missbrauch sind die Kinder in ihrem Innersten zutiefst verwirrt. Sie glauben, sie hätten die sexuelle Misshandlung verhindern können, sie seien schuld, schlecht usw. Um dieses aus ihrer Sicht schlechte Kind in Schach zu halten und mit dieser vermeintlichen Schuld leben zu können, internalisieren sie ein strafendes kritisches Eltern-Ich, was sie gegen sich oder andere richten. Die Folge davon kann sein, dass Kinder auf der einen Seite unfähig sind, Aufgaben, die ihrem Alter entsprechen, zu erfüllen, und auf der anderen Seite ein pseudoreifes Verhalten zeigen. Das heißt in gewisser Weise überspringen sie eine Phase ihrer Kindheit. Dieses auszugleichen nennt man Nachbeelterung. Die Autorin beschreibt sehr eindrücklich, wie unter der Erlaubnis und dem Schutz der „Großen“ sie der „Kleinen“ und damit auch der heute erwachsenen Frau ermöglicht, ihr Verhalten zu verändern mit der Ergebnis, dass die Autorin im Rückblick auf ihre Zeit in der Klinik schreibt: „Egal, was noch kommt, es fühlt sich heute so an, dass ich es schaffen werde.“

Ein Buch, das Mut macht. Und Mut zu haben, ist nach wie vor nötig, denn die Zahl von sexuellen Misshandlungen ist immer noch hoch. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes liegt die Zahl der bekannt gewordenen angezeigten Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern 2010 bundesweit bei 11.867. Aber sowohl bei sexuellem Missbrauch in der Familie als auch im sozialen Umfeld muss nach wie vor von einem hohen Dunkelfeld ausgegangen werden. Doch anders als in der Kindheit der Autorin gibt es heute ein deutlich gewachsenes öffentliches und fachliches Bewusstsein für das Thema „Sexuelle Gewalt gegen Kinder in Familien und im weiteren sozialen Umfeld“. Und es gibt ein breiteres fachliches Verständnis sowie eine qualifizierte Praxis von Beratung und Therapie. Es gibt klare fachliche Standards in der Hilfepraxis im Umgang mit Kindern bei sexueller Gewalt. Hinsichtlich strafrechtlicher Rahmenbedingungen und der Verfahren des institutionellen Umgangs mit kindlichen Opfern des sexuellen Missbrauchs, wie Zeugenbegleitung, Videoaufzeichnung, polizeilicher Vernehmung gibt es zahlreiche Verbesserungen. Und es gibt heute aktuelle Debatten zum Thema des sexuellen Missbrauchs und klare politische Forderungen, wie sie zuletzt im Mai 2011 in dem Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann, vorgelegt worden sind. Dieser Abschlussbericht fordert zum Beispiel, das Angebot der Hilfen für Opfer sexuellen Missbrauchs auszuweiten, Angebote der Prävention zu verstärken, Fachkräfte in den Institutionen in die Lage zu versetzen, zu erkennen, wenn Kinder stark belastet sind und ein Verdacht auf sexuellen Missbrauch besteht, und entsprechend zu handeln, eine Ausweitung der Verjährungsfristen, die Einrichtung von unabhängigen Ombudsstellen, an die sich Betroffene wenden können, die in Institutionen Opfer von (sexueller) Gewalt geworden sind, u.a.m.

Aber auch heute noch wird kaum ein anderes Thema so emotional und kontrovers diskutiert wie die sexuelle Gewalt gegen Kinder – in der Öffentlichkeit wie in Fachkreisen. Sexueller Kindesmissbrauch verunsichert nicht nur die Gesellschaft, sondern auch Fachkräfte. Dabei verlangt gerade diese Problematik, dass wir uns nicht emotional überfluten lassen. Vor allem dürfen wir die Kinder nicht aus dem Blick verlieren. Zum Teil bestehen nach wie vor große Unsicherheiten, mit Kindern über schwierige Dinge zu sprechen. Kinder brauchen, um sich anzuvertrauen, ein emotional verfügbares und belastbares Gegenüber, das ihnen ruhig zuhören und Schlimmes aushalten kann. Denn Kinder erzählen und offenbaren nur so viel von dem, was sie beschäftigt, wie ihre Bezugspersonen aufnehmen, aushalten, sehen und verstehen können und wollen.

Ich danke der Autorin für ihre Offenheit, mit der sie ihren Lebensweg beschreibt. Wir müssen alles tun, um Kinder vor sexueller und körperlicher Gewalt zu schützen und betroffenen Kindern zu ermöglichen, ihre leidvollen Erfahrungen zu verarbeiten, um positive Entwicklungen nehmen zu können.


Weitere Informationen sowie Kinderschutz-Zentren und Fachberatungsstellen vor Ort finden Sie unter:
www.kinderschutz-zentren.org
www.dksb.de



Inhaltsverzeichnis

Vorab ... 9
Dieser Tag ... 11
Wann es genau anfing, weiß ich nicht mehr ... 13
Gelegenheit ... 16
1997 ... 21
Das Märchen von der traurigen Traurigkeit ... 29
Ist es Mut? ... 33
Das Marionetten-Dasein ... 35
In bester Gesellschaft ... 43
Der Brief, den ich nach meinem Aufenthalt an die Klinik schrieb ... 46
Sara und ich ... 49
Wenn alles zu viel wird – die Bestandsaufnahme ... 51
Was noch zu viel war ... 56
Der rote Faden ... 58
Meine Erklärung der Selbstachtung ... 64
Der Brief an die Klinik aus der Sicht von heute ... 67
Die Maske des Lächelns ... 69
Musiktherapie ... 70
Viele Tränen ... 73
Übungen zum Umgang mit dem inneren Kind ... 75
Späte Erkenntnisse ... 78
Meine Tochter ... 82
Freundin ... 86
Arme Leute ... 88
Camping ... 89
Motorrad fahren ... 94
Wichtige Menschen ... 101
Wichtige Menschen 2 ... 104
Was denken andere über uns? ... 106
Meine Mutter ... 110
Brief an meine Mutter ... 118
Meine Wut und ich ... 120
Das Böse nebenan ... 123
Vorbilder ... 125
Gleiches mit Gleichem vergelten? ... 129
Depression ... 134
Tantrische Wünsche ... 139
Was mir noch geholfen hat ... 142
ROMPC in Aktion ... 147
Wie lebt es sich damit? ... 148
Dinge, über die ich mich freuen kann ... 162
Was ich mir wünsche ... 163
Ich habe mein Bestes gegeben ... 165
Danke ... 167
Schlussgedanken ... 169
Hilfreiche Internetseiten ... 173
Nachwort von Irene Johns (Deutscher Kinderschutzbund) ... 175


zurück  zurück