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Konstanze Koenning (Hgin)

Spät kommt ihr...

Gütersloher Wege mit Langzeitpatienten

ISBN 3-926278-03-X
226 Seiten
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Über das Buch

Vorwort:

"Spät kommt ihr, doch ihr kommt." So könnten die Patienten, aber auch die Schwestern und Pfleger von psychiatrischen Langzeitstationen zu uns, den Reformern und akademischen Mitarbeitern, sagen. Wir wissen nicht, ob sie in Anlehnung an das Schiller'sche Zitat fortfahren würden: "Der lange Weg entschuldigt Euer Säumen." Da sie aber immer schon geduldiger mit uns waren als wir mit ihnen, dürfen wir vielleicht mit ihrer Milde rechnen. "Spät kommt ihr.." könnte auch eine Gemeinde zu den Menschen sagen, die nach oft jahrzehntelangem Aufenthalt aus der Psychiatrie zurückkehren.

Von Wegen, die hinführen zu psychiatrischen Langzeitpatienten - zu den Unheilbaren- und vonWegen, die mit ihnen gemeinsam im Krankenhaus und aus diesem heraus gegangen werden können, berichtet dieses Buch.

Langzeitpatienten leben im Abseits der Gesellschaft und im Dunkel der Psychiatrie. Bislang sind Reformen an ihnen vorbei- und oft auf ihre Kosten gegangen. Als Manipulationsmasse etwa dienten sie zum Ausgleich konjunktureller Schwankungen, zum Verl egen und Verschieben. Unter dem Nationalsozialismus waren sie die ersten, die vernichtet wurden - und dies durchaus mit reformerischem Eifer: "Alles für die Heilbaren, der Gnadentod für die Unheilbaren", so hieß die Maxime. Die Verkleinerung der Großkrankenhäuser Ende der 60er Jahre war nur durch ihre
massenhafte Verlegung in private Heime möglich. Die gegenwärtige Praxis der gemeindepsychiatrischen Reform droht, wieder die chronisch Kranken und Unheilbaren zu vernachlässigen. Sie geht, wie alle Bestrebungen zur Veränderung in der Psychiatrie in den letzten 150 Jahren, von den Bedürfnissen der Heilbaren aus. In den Krankenhäusern verstecken wir die Unheilbaren gerne in abseitigen Stationen, wir betreiben die "besseren" Stationen materiell und personell auf ihre Kosten. Die derzeitige gesundheitspolitische Diskussion über die Umwandlung von Langzeitbereichen psychiatrischer Krankenhäuser in Pflegebereiche zeigt deutlich die Gefahr, daß Langzeitpatienten wieder einmal aus der Reichweite psychiatrischer Reformen herausfallen sollen. Aber auch ambulante und teilstationäre gemeindenahe Einrichtungen neigen dazu, zuungunsten der Schwerstgestörten, Unbequemen zu selektieren. Dazu kommt, daß wir in den Gemeinden die Menschen, die seit Jahren in der Psychiatrie leben, aus unserem Bewußtsein gründlich verdrängt haben.
Auf der anderen Seite erinnern wir uns langsam wieder der Lang zeitpatienten. Wissenschaftliche Untersuchnngen über Lebensläufe in der Psychiatrie (Bleuler. Ciompi, Huber, Hartmann), der erschütterte Glaube an unbegrenztes Wachstum und Naturbeherrschung, die kritische Betrachtung der Enquete, das Erkennen der Grenzen therapeutischer Möglichkeiten mögen dazu beigetragen haben. Es ist sicher kein Zufall, daß die psychiatrisch Tätigen sich gleichzeitig der Geschichte der Psychiatrie erinnern und damit begonnen haben, ihre unheilvolle Rolle in der Nazizeit aufzuarbei ten.

Mit dem Erinnern ist verbunden. daß die Skepsis gegenüber unserem alltäglichen Handeln wächst und wachzuhalten ist. Dies war mit ein Grund für die Enstehung dieses Buches.

In den letzten sechs Jahren haben sich Mitarbeiter aller Berufsgrup pen im Landeskrankenhaus Gütersloh bemüht, neue Wege mit Langzeitpatienten zu gehen. Sie So-sein zu lassen, mit ihnen ihre Bedürfnissse zu entdecken, die psychiatrische Landschaft so zu gestalten, daß Orte entstehen, wo sie zu Hause sein können. Wir haben feststellen müssen, daß unser aus der Akut-Psychiatrie stammendes Wissen wenig hilfreich für den Umgang mit Langzeit patienten ist. Mühsam haben wir erfahren, was es heißen kann, sich auf lange Zeit einzulassen und wie notwendig es als Voraussetzung allen Handelns ist, den Menschen, die in der Institution künstlich geschichtslos wurden, ihre Geschichte wiederzugeben. Das heißt, ihre Krankengeschichte in eine Lebensgeschichte umzuformulieren, sie zu rehistorisieren. Wir haben entdeckt, daß es bei Menschen, die 10, 20 und mehr Jahre in der Anstalt verbracht haben, nicht in erster Linie darum gehen kann, diese zu verändern (zu therapieren und rehabilitieren, sondern daß wir die Lebensbedin gungen, den Kontext, ändern müssen. Oder, wie wir gerne sagen: Die Landschaft ist zu gestalten.
Hierbei geht es um die Herstellung eines lebendigen Klimas, um die Bereitstellung von Wahlmöglich keiten, die Beschaffung von Wohnraum und Arbeit. Wir haben auch die Idee, daß wir von der Arbeit im Langzeitbereich lernen können für die Arbeit im Akut-Bereich, etwa unsere therapeuti sche Ungeduld zu zügeln. Schließlich haben wir auch gelernt, daß das Krankenhaus sich für die in den Heimen lebenden ehemaligen Patienten verantwortlich zu fühlen hat.


So sind in Gütersloh mittlerweile etwa 200 Langzeitpatienten (das sind ungefähr die Hälfte aller im Krankenhaus lebenden Langzeit patienten) in freiere Wohnformen entlassen worden. Viele sind allein oder zu zweit in eigene Wohnungen gezogen, manche in Wohngruppen. Etliche dieser Menschen leben nun schon seit 3-5 Jahren draußen. In der Gemeinde sind eine Selbsthilfefirma, zwei Zuverdienst-Firmen mit Tagesstättencharakter und der Verlag Jakob van Hoddis, der dieses Buch herausbringt, entstanden. Sowohl im Krankenhaus als auch in den betroffenen Gemeinden hat sich vieles geändert. Man kann nun daran glauben, daß auch ein Mensch, der 30 Jahre hospitalisiert war, draußen leben kann. Das war anfangs nicht so; da war viel Mut, Vertrauensvorschuß und Optimismus von unserer Seite vonnöten.

Vor drei Jahren haben sich einige von uns zu regelmäßigen Gesprä chen zusammengefunden, um uns über den gemeinsamen Alltag hinaus zu verständigen, Zweifel zu besprechen (die im täglichen "Kampf" um die Gangbarkeit unserer Wege keinen Platz mehr fanden), die Bedingungen unseres Handelns zu diskutieren und uns Rechenschaft über unser Tun zu geben. Ergebnis dieser Gespräche ist das vorliegende Buch. Es will Lesebuch sein, in dem aber auch das Bemühen um die Herstellung einer gemeinsamen Geschichte sichtbar wird. Der Leser wird dies an gelegentlichen Wiederholun gen und an der, trotz aller Eigenarten, gemeinsamen Sprache wiederfinden. Etwas aus dem Rahmen fällt der Beitrag von C. Schwöppe / D. Christ, er wurde anläßlich einer Fortbildungsver anstaltung verfaßt, gefiel uns aber so gut und war uns so wichtig, daß wir ihn mitaufgenommen haben.

Wir haben unsere Beiträge in eine solche Reihenfolge gebracht, daß der Leser sich nach Einstimmung durch eine "Überlebens-Ge schichte" mit der Landschafts- und Klimagestaltung auseinandersetzen kann (Umgang mit Krankenhaus, Stationen und Mitarbei tern), um sich dann bei der spannenden Schilderung eines Jugoslawienurlaubs mit Langzeitpatienten zu erholen. Es folgen dann Beiträge zum Wohnen (im Krankenhaus, in der Gemeinde, im Heim) und Arbeiten; zum Schluß geht es um die Frage, was denn ärztliche Tätigkeit im Langzeitbereich heißen kann.

Konstanze Koenning

Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7
Heiner Cordes: Erich Z. - eine Langzeitkarriere ... 11
Konstanze Koenning: Das Polster des Krankenhauses ... 21
UIli Lewe: Ach, zwei Seelen wohnten in meiner Brust ... 45
Klaus Dörner: Keine Zeit zum Spinnen ... 69
Hildegard Weigand: Rückkehr in die Heimatgemeinde - eine Zwischenbilanz ... 103
Claudia Schwöppe / Dieter Christ: Noch bin ich hier - die Wohngruppeim Krankenhaus ... 147
Christine Teller: Heim - eine Heimat? ... 175
Klaus Dörner: Von der veranstalteten zur gelebten Zeit ... 185
Karl Beine: Ach, schon wieder ein Neuer - Hausarzt im Langzeitbereich ... 211

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