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BrĂĽckenschlag Band 26, 2010

Leseprobe

Jens Clausen

Wenn du Abschied nimmst und aufbrichst …

Wenn du Abschied nimmst und aufbrichst, wenn du gehst, weil du fort musst, dem Alltag zu entfliehen, ungebunden dich zu fühlen, dann trittst du heraus aus deinem Netz, das dich sonst stützt und schützt, aber auch zusammenschnürt, einengt. Und plötzlich, noch gar nicht fort, aber doch entschlossen genug, der Welt um dich herum, in die du hinein geboren wurdest oder hinein gewachsen bist, den Rücken zu kehren, spürst du, wie die Umgebung klein wird und alt. Das Leben in deiner vertrauten Welt, es fühlt sich abgelebt an, verbraucht, etwas krank sogar. Du kannst nicht mehr finden, wonach du suchst, hier jedenfalls nicht. Und so gehst du.
Vielleicht, dass noch einer „Bleib doch!“ ruft. Vielleicht, dass dich jemand zum Zug begleiten möchte, zum Flughafen. Oder anbietet, dir Brote zu schmieren, beim Packen zu helfen, ein Stück des Weges mitzukommen. Das alles willst du nicht. Auf gar keinen Fall. Du willst fort, dein Entschluss steht fest, das Vergangene ist vollendet, abgeschlossen, das Neue wartet, du erwartest Neues, an Altes willst du gar nicht mehr denken. Aufbrechen willst du, und zwar allein, weil etwas in dir aufgebrochen ist, etwas, das man Sehnsucht nennen kann oder Fernweh – Erwartung mit und ohne Ziel.

Natürlich hast du ein Ziel. Lange schon. Seit gestern erst, vielleicht. Vorgestellt hast du es dir, ausgemalt, durchgespielt. Hast das Prickeln gespürt und auch die leichte Bangigkeit: Denn dunkel taucht vor dir etwas auf: der Tunnel der Einsamkeit. Du ahnst: Man kann sich verlieren, auflösen – was etwas ganz anderes ist als loslösen. Aber Angst macht dir das nicht, du suchst ihn ja, diesen Schmerz, diesen Schnitt. Mag sein, dass er andere verletzt. Du weißt, für dich muss es sein.
Ein Blick noch in die Gesichter derer, die bleiben. Für gewöhnlich waren sie dir nah und vertraut. Jetzt schiebt sich eine Fremdheit zwischen euch, nicht unwiderruflich, aber für den Moment doch einschneidend. Wie am Krankenbett, wenn alles gesagt ist und einer in sein Kissen sinkt, während der andere aufsteht, weil nur er die Freiheit hat, aufzubrechen, wohin er will.
Dein Traum aus der letzten Nacht fällt dir ein: Du bist am Meer. Du hörst das Meer. Du riechst das Meer. Doch du kannst es nicht sehen. Dünen sind um dich herum. Sand, der sich auftürmt, immer mehr, immer höher. Der Blick ist verbaut, der Durchgang verwehrt. Du willst, aber du kommst nicht zum Meer. Eine rote Katze taucht auf, sie läuft von hier nach dort und auf dich zu. Eine Katze. Oder ein Eichhörnchen? Ein Hase? Das Tier wandelt sich in jedem Moment. Und springt in Zickzacklinien vor dir her. Schon hast du das Meer vergessen. Die Dünen sind jetzt Berge. Dunkel ist es inzwischen. Das Tier ist nun ein Hund, ein schwarzer, knurrender Hund. Du wachst auf. Etwas in dir spürt, ohne es zu wissen, dass Weggehen auch eine Frage von Leben und Sterben ist.

Benommen wanderst du durch die Wohnung. Dein kleines Reich. Wirst du zurückkommen? Gestern noch schien es so leicht, alles zurückzulassen. Den Schreibtisch. Die Bücher. Die Teekanne. Du setzt Wasser auf. Schaust auf den Hof vor deinem Fenster. Müllmänner wuchten herum. Eine magere Frau wirft Zeitungen in die Briefkästen. Deine ist abbestellt. Seit heute. War das eine gute Idee?
Du könntest auch bleiben. Ganz ruhig den Tag beginnen, anders als sonst, wenn dich die Anforderungen umschlossen, den Atem nahmen, wenn du raus musstest aufs Fahrrad, bei Wind und Wetter. Heute könntest du bleiben. Keinem etwas erzählen. Einfach den Tag vorbeigehen lassen. Aber du willst fort. Du musst fort, musst abstreifen, was noch an dir hängt, außen und innen. Sonst kannst du nicht gehen. Sonst wirst du nicht gehen. Also los. Aufbruch. Fast wie am Hafen: die letzten Haltetaue lösen. Du wirst schon nicht am Eisberg zerschellen. Dein stolzes Schiff wird dich tragen, du wirst dich tragen.

Als Kathrin ging, das war vor einem Jahr, da musstest du die Taue kappen, musstest am Ende noch für Tempo sorgen. Denn sie vergaß sich in ihrer Trödelei. Bis sie hektisch, fast panisch, der entschwundenen Zeit gewahr werdend, das Haus verließ. Als sie ging, blieb keine Zeit, sich in die Augen zu schauen. Gereizt, empfindlich ging sie, zuletzt schien sie ihre Papiere verlegt zu haben, den Pass, das Flugticket, was auch immer. Vom Flughafen aus rief sie an, entschuldigte sich, weinte sogar. Du musstest sie trösten. Absurd war das, denn eigentlich warst du untröstlich. Doch der, der bleibt, kriegt niemals Trost. Er hat ja alles. Er behält ja alles. Fast alles.

Doch nun gehst du. Du hast deine Papiere. Sie sind da, wo du sie brauchst. Der Rucksack ist gepackt. Der Müll ist entsorgt, der Kühlschrank leer. Nur Tee ist noch da. Du gießt das Wasser auf. An diesem Ort zum letzten Mal. Fürs Erste jedenfalls. Kurz hattest du überlegt, eine Party zu geben, ein Abschiedsessen mit Freunden. Die Freunde hätten dich zum Flughafen gebracht, mit Sekt und so. Doch du wolltest nicht. Nicht diese zwei Gefühle auf einmal spüren, Spannung und Betrübnis, Freude und Angst, Glück und Pein.
„She’s leaving home” von Lennon/McCartney fällt dir ein: „Silently closing the bedroom door. Stepping outside she ist free …“ Wenn die anderen erwachen, finden sie nichts als einen Zettel auf dem Küchentisch. „By the time I get to Phoenix” heißt es in einem anderen Song. Immer geht es um das Abschied ohne Adieu. Auch dir scheint es leichter, allein zu gehen, am frühen Morgen. Die Tür hinter dir zuzuziehen und loszuwandern, so geradeaus wie möglich, durch die Stille der Stadt. Nur dem Pochen der eigenen Schritte zuzuhören, dem Wiegen des Rucksacks, dem Atem der Stadt. Eine Stadt, die fast noch schläft, ihren Träumen nachhängt, langsam erwacht, in Wolken gehüllt, die sich röten und öffnen dem Licht. Keiner sieht dich, keiner hält dich auf. Das willst du genießen, diesen Moment des Aufbruchs, wenn erste Busse vorbeirollen und ihre Rücklichter Streifen werfen auf den nassen Asphalt. Schon bald wird alles belebt sein. Jeder wird seinen Weg gehen, seinen üblichen. Nur du trittst heraus dem Trott.
So hoffst du jedenfalls. Und jetzt, da du wirklich gehst, kannst du dich selbst beobachten. Niemand schaut dir zu, niemand sitzt hinter nassen Scheiben, niemand fragt nach dir, jetzt jedenfalls noch nicht. Schrecklich wäre es, in diesem Augenblick einen zu treffen, einer der fragt: „Wo willst du denn hin?“ Du hast ein Ziel, du könntest es nennen, aber eigentlich ist es das nicht. Dir geht es ums Gehen. Nie bist du bewusster gegangen als hier und jetzt. Jeder einzelne Schritt ist dir wichtig. Du bist ganz bei dir und doch auch von dir losgelöst, da und nicht da, bedeutsam und völlig unbedeutend. Es ist dir egal. Etwas in dir ist aufgebrochen. Dem musst du nur folgen.


Erinnerung
(an einen gemeinsam zurĂĽckgelegten Weg )

Ein rascher Blick ĂĽber meine Schulter
zeigt mir,
wie kaltes Wasser
deine Fußstapfen tilgt –
so, wie du von meiner Seite
verschwunden bist.

Später einmal,
wenn ich mit größerem Abstand
deiner gedenken kann,
werde ich mir Zeit nehmen,
in Ruhe zu trauern
um Gewesenes
und Versäumtes.

Doch jetzt
gehe ich einfach weiter.

Seltsam,
dass ich ohne deine Begleitung
den rauen Wind stärker spüre
als je zuvor ...

Maren Farwick



Fremd

Das Haus ist fremd geworden – die Zeit, in der
es ein Wohnplatz war, ist vorbei.
Auch die Erlebnisse sind fremd – die Wärme der
Erinnerung vergeht.
Es sind einige Schritte, die von der alten Wohnstube
zur anderen führen – die Fremdheit berührt,
mich nicht – wie einen Hut, den man auf einen
Haken hängt, ist das alte Haus.

Hartmut Selle


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