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BrĂĽckenschlag Band 8, 1992

Leseprobe

Barbara Becker

Zwei Pfund Grau

Milch sollte sie holen, zwei Liter Milch, ein Pfund Mehl und, wenn es gab, Margarine. Ja, Margarine wäre gut. In der Kleidertasche fühlte sie die Lebensmittelkarte, und das Geld klimperte lustig, wenn es gegen ihren Kieselstein stieß. Ein Zweimarkstück hatte ihr die Mutter gegeben. Zwei Mark, zwei Liter Milch, ein Pfund Mehl und Margarine, zwei Mark, zwei Liter Milch und Mehl und Margarine, zwei Pfund Mehl, ein Liter Milch, zwei Mark und Margarine, zwei Liter Mehl, ein Pfund Milch und ein Liter Margarine. Sie begann zu hüpfen, tanzte den Weg entlang, vorbei an den Büschen, dem Hollunder, an der Koppel entlang. Da war das Gatter, das große, an dem sie so gern kletterte. Zwei Pfund Mehl, ein Liter Margarine, zwei Mark. Sie blieb stehen, zählte die Latten, faßte die zweite Sprosse von oben mit beiden Händen, auf die Plätze – fertig – los! sie sprang. Und gleich auf die dritte Sprosse. Noch einmal: eins – zwei – drei! und wieder: die dritte Sprosse! und ein drittes Mal! Wenn das doch jemand sehen könnte!
Jetzt kletterte sie durch die Latten, hin und zurück und wieder hin und zurück. Balancieren wollte sie auch noch. Zwei Liter Milch, zwei Pfund Mehl, ach, schnell zum Kaufmann. Und Margarine, wenn es welche gab. Sie griff in die Kleidertasche, fühlte die Lebensmittelkarte und das Geld? Wo war das Geld? Sie griff tiefer, tastete die Tasche ab, auch die linke, und noch mal, die Fingernägel gruben sich in die Naht, Sand und Staub, nur Sand und Staub. Sie drehte sich um, langsam, mühte sich zurück, zwang ihre Schritte. Die Sonne schien immer noch, es war warm, ja schon heiß, zu heiß. Der Weg weitete sich, wurde breit und breiter, grauer Kies, Furchen starr getrocknet, Büsche und Häuser verschwammen mit Hitze, Sand und Staub zu heißem Grau, und nichts klimperte in der Tasche. Zwei Pfund Staub, ein Liter Sand, ein Pfund Sonne und keine Mark, zwei Pfund Grau und ohne Margarine, Sand und Weg.
„Mutter, ich habe das Geld verloren.“
Mutters Gesicht grau gefurcht. „Wo?“
„Am Gatter.“
„Dann hol es!“
Und die Hände greifen ins Grün, die Finger kämmen das Gras, die Handflächen fühlen Steine, Blätter, Stengel, die Finger spüren Steine, Erde, Blätter, Holz; Sand drückt unter die Fingernägel, Steine, Gras, Erde, Steine und da, das Glatte, Runde, das Geldstück, zwei Mark für zwei Liter Milch, ein Pfund Mehl und, wenn es gibt, Margarine.


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