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BrĂĽckenschlag Band 6, 1990

Leseprobe

Anna-Maria Pawlowna

Meine Krankheit

Vor 21 Jahren fing alles an: ein Jahr vor dem Abitur flippte ich aus und landete zum ersten Mal in einer Psychiatrie.
Damals wohnte ich noch bei meinen Eltern: und sie waren so liebevoll um mich besorgt, daß es mir gelang, mein Abitur auf einer anderen Schule nachzuholen – als wäre nie etwas gewesen.
Ich wurde wieder völlig gesund und erlebte rauschhaft glückliche Jahre: ich studierte an zwei Universitäten und unternahm weite Auslandsreisen nach England, Frankreich, Italien ... – Ich hatte tausend Freunde, Freundinnen und Bekannte; von morgens bis abends war meine Zeit mit glücklichen Tätigkeiten und Erlebnissen ausgefüllt.
Es ging mir so gut, daß ich meinte, keine Psychopharmaka mehr nehmen zu müssen; und ich setzte sie einfach ab, ohne einen Arzt zu fragen. Was folgte, war zunächst eine paradiesisch schöne Zeit der Befreiung und ungeheuer intensiven Sinneswahrnehmungen. Ich hatte die wunderbarsten Erlebnisse; es war, als sei ich schon in der Welt der Seligen; in der vierten Dimension. Aber diese Eindrücke steigerten sich so sehr, daß sie zu Halluzinationen wurden. Ich wurde wieder krank.
Immer wieder versuchte ich, hartnäckig, die Tabletten loszuwerden; aber jedes Mal erfolgte ein erneuter Krankenhausaufenthalt. Schließlich bekam ich gesagt, die Krankheit sei bei mir „chronisch“.
In gewisser Hinsicht bin ich durch die Krankheit „behindert“: ich bin, äußerlich gesehen, nicht mehr so „belastbar“ wie früher. Ich brauche viel Ruhe und Entspannung; mache alles langsam – aber dafür auch gründlich. Im Gegensatz zu der Hektik meiner Umwelt habe ich ein bedächtiges Arbeitstempo; und es fragt sich wirklich, was von beiden besser ist. Mir scheint, daß die moderne hektische Betriebsamkeit, vor allem in den Großstädten, nur dazu führt, daß die Menschen nichts mehr genau und eindringlich wahrnehmen, sondern ein „uneigentliches“ Schein-Leben führen – ohne jegliche konkreten und bewußten Ergebnisse (abgesehen von dem dicken Gehalt).
Äußerlich gesehen bin ich erfolglos geblieben; im Lebenskampf unterlegen – da mir der Absprung vom Studium in den Beruf – jedenfalls was die Finanzen betrifft – nicht gelungen ist. Ich lebe von der Sozialhilfe und habe zeitweise schwer mit meiner Krankheit zu kämpfen.
Aber ich habe gerade durch meine Krankheit den Ausbruch geschafft aus der Blindheit und Taubheit und Gottesferne des modernen Lebens in unserer Zeit.
Meine Krankheit begann damit, dass ich in einer Nacht Gott begegnete. Seitdem hat er mich gefĂĽhrt und geleitet und beschĂĽtzt in allen Schwierigkeiten und in aller Not. Niemals verlieĂź er mich.
Seine VerheiĂźung gibt meinem Leben den Sinn; ich glaube, daĂź alles gut werden wird.
Die Krankheit hat ihren Sinn und Zweck – wie alles auf Erden. Sie führt dazu, daß wir das Leben bewußter genießen und gestalten lernen: daß wir das Wesentliche und Gute erkennen lernen.
Meine Krankheit ist manchmal eine schwere Last. Aber mein Gott hilft mir täglich, sie zu tragen; und Er verwandelt die Bürde in Seligkeit.


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