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Nur wer gut fĂĽr sich sorgt, kann fĂĽr andere sorgen

Leseprobe

Vorwort
Laut Statistischem Bundesamt (www.destatis.de) übten 2005 insgesamt 2,2 Millionen Beschäftigte einen Gesundheitsdienstberuf aus. Mit 9,7 Pflegepersonen je 1.000 Einwohner ist die Anzahl des Pflegepersonals in Deutschland sogar etwas höher als in vergleichbaren Industrieländern Europas.
1995 waren von den 2,3 Millionen Erwerbstätigen in Gesundheitsdienstberufen (Arztpraxen, Apotheken, stationärer Sektor) 47,8% (=1,09 Millionen) in Pflegeberufen tätig. Der Frauenanteil in den Pflegeberufen lag bei 79%.
Die Verweildauer der Krankenhauspatientinnen und -patienten in Deutschland ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Sie sank von 14 Tagen im Jahr 1991 auf einen neuen Tiefststand von 8,3 Tagen im Jahr 2007 (Peter Weigl, Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes in der Pressemitteilung Nr. 473 vom 10.12.2008). Ob und wie diese Zahlen Rückschlüsse auf die Qualität der Pflege im Krankenhaus oder gar auf das Wohlbefinden der Pflegenden zulassen – dazu nimmt keiner der an den Statistiken beteiligten Experten Stellung.
Aus einer Studie des Instituts zur Erforschung sozialer Chancen (ISO), für die bundesweit 4012 Beschäftigte zwischen 18 und 65 Jahren befragt wurden, ging hervor, dass 73% der in der Pflege Beschäftigten unter Zeitdruck länger am Arbeitsplatz bleiben. Auch die Antworten auf weitere Fragen sind besorgniserregend: 62% verzichten dann auf Pausen. 35% verkürzen nach eigener Einschätzung auf riskante Weise die Arbeitsschritte, wenn es eng wird, und 16% nehmen sogar Arbeit mit nach Hause.
Personen, die privat einen Menschen pflegen, sind, sofern die zu Pflegenden mit im Haushalt leben, immer – rund um die Uhr und ohne Pause – im Arbeitseinsatz.
Sowohl für die beruflich wie für die privat Pflegenden sind Pausen nicht frei gestaltete Lebenszeit, sondern lediglich Verschnaufpausen, und dafür bezahlt der eigene Körper oft mit massiven Erschöpfungszuständen und schweren Erkrankungen.

Die Geschichte der weiblichen Krankenpflege ist eine Geschichte der UnterdrĂĽckung und Ausbeutung, verknĂĽpft mit einer hohen moralischen, sittlichen und emotionalen Erwartungshaltung an die Frau.
Dabei wird die Pflegende auf einen Sockel gestellt, auf dem sie wie eine Heilige höchsten inneren Lohn erhält und gleichzeitig in einen tiefen Abgrund geschleudert wird. Dort ist Pflege eine frauentypische und nur minimal entlohnte Tätigkeit oder, wenn es sich um die Pflege von Angehörigen handelt, eine „Selbstverständlichkeit“, auch wenn inzwischen wieder vermehrt Männer in diesem Bereich arbeiten. Gleichzeitig wird der pflegenden Person suggeriert, dass sie eine wichtige medizinische Tätigkeit ausführt und dass sie eine Vielzahl von gesellschaftlichen Erwartungen zu erfüllen hat.
Oft bleiben den Pflegenden gar nicht die Möglichkeit und der Rahmen, sich ein eigenes persönliches und berufliches Selbstbild aufzubauen. Das berufliche und persönliche Selbstbild wird so nicht zu einem selbst bestimmten, sondern zu einem von außen diktierten. Für die im privaten Umfeld pflegende Person bedeutet Pflege sogar oft, sich zu verlieren in der Pflege und dabei das eigene Selbst zu verleugnen oder aufzugeben.
Weder hat die pflegende Person in unserer Gesellschaft ausreichend Raum, um ĂĽber ihr eigenes Erleben in der Pflege zu sprechen, noch bekommt sie fĂĽr ihre Leistungen die gesellschaftliche Anerkennung, die sie verdient.

Pflege ist heute ein lohnendes Geschäft, aber nicht für die Menschen, die andere pflegen. Von ihnen wird immer mehr verlangt, und sie sind einer Vielzahl an Belastungen ausgesetzt. Was neben einer gerechteren Entlohnung dringend fehlt, ist eine Entlastung und eine bessere Unterstützung in der positiven und bewussten Gefühlsregulierung der Pflegenden.
Es ist an der Zeit, dass ein Umbruch stattfindet im Bewusstsein der Pflegenden. Es ist Zeit für die Pflegenden, hinzuschauen und die eigenen Gefühle und Grenzen ernst zu nehmen. Manchmal ist es für Pflegende nicht mehr möglich, weiterhin diese Arbeit zu verrichten, und in solchen Momenten ist es wichtig, nicht weiterhin zu funktionieren, sondern herauszufinden, welche Alternativen es gibt. Es geht in unserem Leben nicht darum zu funktionieren! Es geht darum zu LEBEN!

Es wird Zeit, auch in der Pflege neue Wege zu gehen, die frei sind von den Vorgaben, die die „Gesellschaft“ den Pflegenden gibt.
Es ist an der Zeit, Unaussprechliches auszusprechen, sich ein positives Selbstbild aufzubauen und dafür zu sorgen, dass es nicht nur den Gepflegten besser geht, sondern auch den Pflegepersonen. Dabei möchte dieses Buch eine Unterstützung sein!


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