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Helfende Berufe im Markt-Doping

Leseprobe

1. Wir Profi-Helfer werden durch das Markt-Doping zu Gesundheitsvernichtern dressiert.

Aufforderungen zum gesunden Leben, uns noch gesünder, noch fitter zu machen, umzingeln uns von allen Seiten. Sie dringen aus Fernsehen, Radio, Internet oder von den Werbeflächen der U-Bahn auf uns ein, und selbst in der Familie oder unter Freunden sind sie das beliebteste Gesprächsthema. Sie klingen plausibel. Aber es sind so verwirrend viele und unterschiedliche Aufforderungen. Wir wissen nicht, wo uns der Kopf steht und womit wir anfangen sollen.
In solchen Situationen hat es sich für uns Menschen immer schon bewährt, erst mal drei Schritte zurückzutreten, all diese Appelle und Versprechungen eine Zeitlang dahingestellt sein zu lassen, sie einzuklammern und sich zu fragen: Was ist denn meine eigene Erfahrung in meiner alltäglichen Lebenswelt mit Gesundheit; wann und wie bin ich gesund, fühle ich mich gesund? Philosophen nennen das: die phänomenologische Haltung einnehmen. Insofern haben alle Menschen die Neigung, in verwirrenden Situationen Philosophen zu sein.
Das Ergebnis einer solchen Übung ist überraschend und spannend.
Das fängt schon damit an, dass sich „Gesundheit“ weitgehend der Definierbarkeit entzieht, wenn man einmal von der Formel der WHO vom „vollständigen Wohlbefinden“ absieht, die einen so umfassenden Anspruch hat, dass sie letztlich nichtssagend ist. Sprachgeschichtlich (etymologisch) hat „gesund“ mit geschwind, stark, streng, hart, klug zu tun; und „vital“ ist ein Mensch, wenn er sich als lebenskräftig, lebensvoll, wendig, munter, unternehmenslustig, mit einem Wort als lebendig darstellt. Beides verweist auf den Stil meines gelebten Lebens – in den drei Dimensionen, in denen ich mich verausgaben kann: der körperlichen und geistigen Leistung, der genuss- und lustvollen Kreativität sowie der Liebe und Sorge für Andere. Muss es daher nicht genauso viele Gesundheiten geben, wie es Menschen gibt?
Aber schon die Frage nach der Gesundheit kann diese beeinträchtigen, vertreiben oder zerstören, wie dies auch für andere Widerfahrnisse gilt, beispielsweise für Vertrauen, Liebe und Gnade, für den Schlaf oder die Sättigung. Man kann es nicht scharf genug voneinander trennen: Natürlich können wir real unendlich viel für unsere Gesundheit tun; das hat aber kaum, oft sogar gar nichts damit zu tun, ob und in welchem Maß wir uns als gesund empfinden – allein Letzteres zählt. So kann das Paradox zustande kommen: Je mehr ich für meine Gesundheit tue, je gesundheitsbewusster ich lebe, desto weniger gesund fühle ich mich, desto weniger gesund bin ich. Niemand kann Gesundheit absichtsvoll herstellen. Sie zieht sich – wie der Schlaf – bei meinem Zugriff wie in ein Schneckenhaus zurück. Sie kann nur als sich Entziehende da sein, als Abwesende anwesend. Sie muss sich ergeben, kann sich mir nur geben. Man denkt, man könne mit Werten, die wissenschaftlich durchaus korrekt sind, einen allgemeingültigen Gesundheitsplan aufstellen. Aber es gibt für jeden Menschen einen nur ihm angemessenen Lebensstil, sodass, wenn er sein Verhalten der wissenschaftlichen Verallgemeinerung anpasst, das Gegenteil von Gesundheit herausspringt. Was für alle statistisch gilt, lässt sich auf den einzelnen Menschen nicht ohne Zwischenstufen anwenden. Der braucht möglicherweise auch seine Fehlernährung, Trink- oder Rauchgewohnheiten, um seinen Lebensstil zu verwirklichen. Zudem wirkt gerade die Verschiedenheit der Lebensstile auch für die Gesellschaft stabilisierend. Leicht nachvollziehbar dürfte es sein, dass Gesundheit nicht ein Ziel, sondern nur ein Mittel zum Leben sein kann, ein Lebensmittel. Erhebt man sie zum Ziel – in allen Umfragen gilt sie ja längst als der höchste Wert –, dann verkehrt sie sich ins Gegenteil; ganz abgesehen davon, dass sich auch Zukunft der Planung entzieht. Denn wenn wir nur auf Sicherheit aus sind und keine Risiken eingehen wollen. Sind wir nichtfrei.
Gesundheit ist nicht machbar, nicht herstellbar, stellt sich vielmehr selbst her, kommt wie ein Geschenk von anderswo her, vergleichbar dem berühmten Satz von Arthur Rimbaud: „Das wahre Leben ist anderswo.“ So gibt es – nach dem schon erwähnten Gadamer – Gesundheit nur als „verborgene“, als den Zustand, in dem der Mensch vergisst, dass er gesund ist, als „selbstvergessenes Weggegebensein“ an den Anderen oder an das Andere seiner privaten beruflichen und gesellschaftlichen Lebensvollzüge. Dies nimmt Bezug darauf, dass der Mensch als weltoffenes, nicht festgestelltes Lebewesen im Vollzug seines Lebens sich wegzugeben, außer sich zu sein, sich zu verausgaben hat.
So ähnlich auch der philosophische Anthropologe Helmuth Plessner2 schon 1928, der heute eine Renaissance erlebt: Ihm zufolge lebt der Mensch zur Hälfte wie das Tier: zentrisch, instinktgesteuert aus seinem Zentrum heraus eignet es sich die ihm nützliche Umwelt an; man könnte auch sagen: betriebwirtschaftlich, selbstbestimmt. Aber zur anderen Hälfte lebt der Mensch gerade umgekehrt: exzentrisch von einem ihm Äußeren, Anderen her reflektiert er sein Tun als sein eigener Zuschauer und lässt sich zudem von einem ihm Anderen her bestimmen, braucht daher auch Bedeutung für Andere.
Er hat auf Anderes zu antworten, das er so ver-antwortet. Etwas flapsig und übertrieben ausgedrückt: Wo schon Gesundheit draufsteht, kann Gesundheit nicht drin sein; ein permanent gesundheitsbewusstes Leben ist totes Leben, da es mit mit einem „selbstvergessenem Weggegebensein“ nicht vereinbar ist, weshalb eine Gesellschaft, die viel über ihre Gesundheit nachdenkt, in keiner Weise gesund oder vital sein kann. Sie wäre im Wettbewerb mit anderen Gesellschaften im Hinblick auf die Trias der drei oben erwähnten Lebensstil-Dimensionen Leistungsfähigkeit, Lebenslust und Verantwortungsbereitschaft unterlegen. Das ist die „Gesundheitsfalle“ in ihrer allgemeinsten Form, die man – im Unterschied zur Gesundheit selbst – sehr wohl definieren kann: Eine Gesellschaft, die Gesundheit zu ihrem höchsten Wert erklärt, treibt als Gesundheitsgesellschaft mit Hilfe ihres Gesundheitssystems sich selbst die Gesundheit aus. Anders ausgedrückt: ein Krankheitsbewältigungssystem, das als Gesundheitssystem sich immer nur grenzenlos steigern will, wird zur Gesundheitsvernichtungsmaschine.

Damit komme ich auf „Krankheit“ zu sprechen. Und in der Tat: wenn ich – ernsthaft – krank bin, ist es erst mal vorbei mit meinem „Weggegebensein“, bin ich nicht mehr dem Anderen ausgesetzt, sondern auf mich zurückgeworfen, bei mir selbst, selbstbezogen. Jetzt ist es für mich lebenswichtig, mich meiner grauen
Großhirnrindenzellen zu bedienen, bin ich krankheitsbewusst – ob auch gesundheitsbewusst, wird sich zeigen. Jedenfalls ist es die Krankheit, die mich darin beeinträchtigt oder es mir unmöglich macht, mich meiner Gesundheit zu bedienen.

Nun galt seit alters her der Erfahrungslehrsatz für Ärzte: Die Natur (des Patienten) heilt, der Arzt unterstützt sie dabei nur. Damit ist seit Beginn der Moderne, seit 200 Jahren, also auch mit Beginn des Siegeszugs der wissenschaftlichen Medizin Schluss. Begeistert von ihren Erfolgen mit Skalpell, Antibiotika, Transplantation und genetischer Programmierung, glauben die Ärzte seither, dass sie selbst es sind, die heilen. Sie vergessen, dass Therapie immer noch Pflegen, Beistehen bedeutet. Natürlich ist die Medizin dabei nur ein Symptom des allgemeinen Rationalisierungsaufschwungs der Moderne, der dazu führte, dass wir in Selbstüberschätzung die Gesundheit für ständig steigerbar erklärten, weil wir die Natur für restlos beherrschbar halten. Denn seit wir uns mit der Säkularisierung, der Aufklärung und der Moderne von Abhängigkeit und aller Transzendenz befreien (von der Aristokratie und der Kirche, von der Familie und der Nachbarschaft, von Gott und der Natur), und alles, was das Andere ist, nur noch als Aneignungsobjekt wahrnehmen können, haben wir zwar allen Anlass, uns über den grandiosen Zugewinn an Freiheit, Selbstbestimmung, Verfügbarkeit und Reichtum dieser Eroberungsfeldzüge zu freuen, in denen der Mensch sich zunehmend an die Stelle der Natur, des Schicksals oder Gottes setzt. Dennoch fangen wir offenbar allmählich an, auch für die Nebenwirkungen dieses Fortschrittprozesses ein Gespür zu bekommen, weshalb wir jetzt zu so etwas wie einer Aufklärung über die Aufklärung oder zu einer zweiten Aufklärung aufgerufen sind, widerwillig genug, weil unsere immer auch berechtigte Fortschrittsbegeisterung uns weiterhin leitet.
Hinsichtlich der Gesundheitsfalle sind es vor allem vier Denkfehler, denen wir Profi-Helfer uns nur allzu gern ausliefern. Einmal denken wir gern, die Krankheitsbekämpfung selbst würde uns gesund machen, während sie in Wirklichkeit nur die Beihilfe dafür leistet, es ermöglicht, dass Gesundsein sich uns ergibt. Zum anderen sind wir ja nicht nur ausnahmsweise, sondern eher dauerhaft in Auseinandersetzung mit irgendwelchen Erkrankungen oder Behinderungen, sodass Gesundheit diesbezüglich nur heißen kann, mit unseren Krankheiten leben zu lernen. Friedrich Nietzsche schrieb: „Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen.“ Hier könnte man meinen, dass es für Nietzsche zwar ein Zuviel, aber auch ein Zuwenig an Leiden gebe, was ihn daran hindere, Wesentliches zu tun, das heißt gesund zu sein. Drittens gaukeln wir uns gern vor, die Profis könnten uns unsere Gesundheit wiedergeben. Damit attestieren wir uns Lernunfähigkeit, was die Wiederholungsgefahr erhöht. Denn nach einer Krankheit, die wirklich diesen Namen verdient, ist niemand von uns mehr der, der er vorher war. Die Krankheitserfahrung hat ihn verändert, zu einem anderen gemacht, er wird eine andere Gesundheit haben – sowohl körperlich (was das Immunsystem angeht) als auch biografisch. Die Krankheit ist vielleicht als lückenlose Kausalkette zu erklären; sie ist mir aber auch widerfahren, sodass ich sie jetzt zu be- und verantworten, sie teils zu beeinflussen, teils hinzunehmen und dies auch noch zu unterscheiden habe, um über diese Erfahrung meinen Lebensstil weiterzuentwickeln. Viertens schließlich kann selbst der Sieg über eine Krankheit, auch ein erfolgreiches Präventionsprogramm, ungewollt die Gesundheit dauerhaft beeinträchtigen, wenn nämlich eine hypochondrische Überaufmerksamkeit auf das Selbst und nicht „selbstvergessenes Weggegebensein“ das Ergebnis ist, wenn man Gesundheit für einen Stoff hält, den man nicht als Gabe zu empfangen hat, sondern sich aneignen und immer mehr davon haben will. François La Rochefoucauld: „Eine allzu gesunde Lebensweise ist in sich schon eine Krankheit.“
Eine der Gesundheit des Kranken dienende Behandlung muss daher immer beide Weisen des auch leiblichen Außersichseins, der Exzentrizität (Plessner) des Hilfsbedürftigen als Ziel haben: einmal die – woran wir eher denken – Aktivierung des Leibes im Sinne von Selbsterhaltung, Genussfähigkeit, Aneignung und Verfügbarmachung von Anderem, von Selbst- und Weltkontrolle. Zum anderen aber auch die – woran wir weniger denken – Passivierung seines Leibes im Sinne von leiblich-sinnlicher, seelischer, emotionaler, leidenschaftlicher, dispositiv-charakterlicher Öffnung, Verwundbarkeit, Empfänglichkeit, Gastlichkeit für den Anderen und das Andere, bis der Mensch sich vom Antlitz des ihm Anderen neu berühren und befehlen lässt.
All dies sind erste Schritte auf dem Weg der Wiedervermenschlichung von uns Profi-Helfern, damit wir uns der Gesundheitsfalle entledigen können. Aber machen wir uns nichts vor: weit attraktiver ist für uns bis auf weiteres – ob als Profi oder als Patient – die Gesundheitsfalle selbst. Der französische Philosoph Pascal Bruckner beschreibt in „Ich leide, also bin ich – die Krankheit der Moderne“ die Angst von uns heutigen Menschen vor Abhängigkeit, vor dem „Außen“, vor Transzendenz so: „Wir neigen dazu, uns als Opfer äußerer widriger Umstände selbst zu bemitleiden (Selbst-Viktimisierung) und bevorzugen die Rolle des jammernden, elenden, missgelaunten Kleinkinds (Selbst-Infantilisierung). Je weniger wir riskieren, außer sich zu sein, sich Anderem hinzugeben und daran wirklich zu leiden, desto mehr vermuten wir, an uns selbst zu leiden, woher auch die Neigung kommt, bei Schwierigkeiten Medikamente einzunehmen und jegliches Unbehagen durch Tabletten auszuschalten oder Beruhigungsmittel zu Allheilmitteln zu machen.“ Die Selbsteinmauerung des Einzelnen in seine für abschließbar gehaltene Innenwelt wird zum „Paradox eines Egoismus, der das Ego noch umbringen wird, weil er es um jeden Preis bewahren und vor jeglicher Unbill schützen will. Der Beweis: je weiter sich Sicherheit ausbreitet, desto größer wird das Bedürfnis, sich gegen eine vielgestaltige Feindlichkeit zu wehren, die von überall her kommen kann. Je weniger er sich der Gefahr ausliefert, desto mehr glaubt der Mensch von heute sich von ihr bedroht. Die Angst vor Krankheit hat mit der Zeit zu einem Aufschwung der Wissenschaft geführt, der Fortschritt in der Medizin erzeugt geradezu eine irrationale Angst vor jeder Art von Krankheit, bis wir anfangen, unter unserer Gesundheit zu leiden.“ In der Medizin wächst „die imaginäre Gefahr, während wir die echten Gefahren immer mehr in den Griff bekommen. Jenseits einer gewissen Schwelle wandeln sich die Instrumente unserer Befreiung in Hilfsmittel unserer Erniedrigung. Wir erleben das Ende der großen Befreiungsrevolte … Die Forderung nach Autonomie verkommt zu einer heftigen Suche nach Hilfe. … Wer Herr seiner selbst und der Welt sein wollte, wird Sklave seiner eigenen Ängste, hat keine andere Kraftquelle mehr als den Hilferuf und lebt nur noch, indem er sich auf die verschiedensten Arten von Krücken stützt.“ Damit werden wir uns noch intensiver im zweiten Kapitel beschäftigen.
Vorher müssen wir aber noch herausfinden, wie es dazu gekommen ist, dass wir Profi-Helfer heute selbst zu den prominentesten Opfern unserer eigenen Denkfehler, Krankheiten besiegen und Gesundheit herstellen zu können, geworden sind. Die fortschrittsbegeisterten Ärzte ließen sich nämlich dazu verführen, den Kern ihres ureigenen Auftrags, die Sorge und die Verantwortung für den Einzelnen, zurückzustellen zugunsten von Vorsorgeprogrammen, mit deren Hilfe die Gesundheit der Gesamtgesellschaft viel nachhaltiger verbessert werden könnte. Was sich im Einzelfall, zum Beispiel im Impfwesen, bewährt hatte, sollte für die Bekämpfung aller Krankheiten und der Perfektionierung der Gesundheit aller verallgemeinert werden – mit dem Ziel einer leidensfreien Gesundheitsgesellschaft, in der jeder Bürger das Gesundheitssystem mit der Erwartung verknüpft, ihm gegenüber ein einklagbares Recht auf Gesundheit zu haben. Der amerikanische Medizinethiker Warren T. Reich hat in einem unveröffentlichten Vortrag in Freiburg am 12. Oktober 1997 aus Anlass des 50. Jahrestages des Nürnberger Ärzteprozesses unter dem Titel „Verrat an der Fürsorge“ nachgewiesen, dass die Nazi-Mediziner die Ersten waren, die eine leidensfreie Gesundheitsgesellschaft verwirklichen wollten, indem sie das, was zu ihrer Zeit wissenschaftlich als Gesundheit galt, standardisierten und über geeignete Programme für die gesamte Bevölkerung verbindlich machten. Reich klagt uns Profi-Helfer an, dass wir bis heute nicht hinreichend bereit waren, aus dem totalitären Verfahren der Nazi-Medizin unsere eigene Perversionskrise zu erkennen, dass man vielmehr heute in den USA und auf der ganzen Welt weiterhin von diesem Verfahren begeistert sei, wobei heute nur das, was wissenschaftlich als Gesundheit gilt, anders standardisiert wird.
Wie faszinierend ist aber auch der Gedanke, dass die mühselige Suche nach der Pathogenese, der Entstehung und Entwicklung einer Krankheit, zunehmend ersetzt werden könne durch die Herstellung der Gesundheit, die „Salutogenese“ für alle. Nur dass jetzt die Vertreter anderer Wissenschaften mit Recht sagen, dass die Medizin als Wissenschaft zwar für die Pathogenese geeignet sei, nicht jedoch für die Salutogenese, eben weil sie eine individuozentrische Erfahrungswissenschaft sei, ungeeignet für Gesellschaftsprogramme. Es können dies die Vertreter von Wissenschaften wie Soziologie, Psychologie, Wirtschaftswissenschaften und Jurisprudenz sein – kurz: die neue Zunft der Gesundheitswissenschaftler. Deshalb spielt die Medizin, spielen die Ärzte in den diversen Gesundheitsreformen der letzten zehn Jahre immer weniger eine Rolle, sind mehr Objekte von Planspielen der Systemforscher. Schon die Benutzung des Wortes „Krankheit“ wird am liebsten vermieden, weshalb eben das Krankheitsbewältigungssystem „Gesundheitssystem“ heißt. Aber auch Krankenkassen nennen sich „Gesundheitskassen“. Und selbst die Krankenschwester heißt nach der neuen Berufsordnung „Gesundheits- und Krankenpflegerin“ – auf heißen Wunsch ihrer eigenen Berufsverbände; man will ja den Anschluss an die profitable Gesundheitsfalle nicht verlieren.
Auch wenn die Ärzte als Krankheitswissenschaftler mit dem Verrat an der Sorge für die Krankheit des Einzelnen zugunsten der Vorsorge für die Gesundheit aller angefangen haben, können die Gesundheitswissenschaftler dieses Spiel (wobei hier die Theorie top-down methodisch die Erfahrung bottom-up schlägt) viel überzeugender spielen. Hier sind die Ärzte inzwischen rettungslos abgehängt. An ihnen vorbei wird das Gesundheitssystem im Einklang mit Politik und Wirtschaft zunehmend expertokratisch formalisiert – aber auch dies mit gefährlichen Folgen für alle: Erstens wird mehr als früher im direkten Durchgriff, ohne die „Rüttelstrecke“ der Erfahrung, aus der Theorie ein Gesetz; zweitens werden ziemlich willkürlich aus der internationalen Diskussion einzelne Versatzstücke ausgewählt; drittens unhistorisch und unkritisch mit eindimensionaler Gewissheit unserem eigenen Medizinsystem aufgepfropft; dabei wird viertens ignoriert, dass die helfenden Berufe für den Umgang mit komplexen, nicht-standardisierbaren Situationen geschaffen sind und ihre gesellschaftsstabilisierende Rolle nur bei Gewährleistung beträchtlicher Eigendynamik spielen können; was fünftens in einer sich individualisierenden Gesellschaft besonders wichtig wäre; sodass sechstens paradoxerweise das Hilfesystem immer perfekter, formal-rationaler wird, zugleich aber immer krankmachender, weil vor lauter Rationalisierungsbegeisterung der Kern professioneller Hilfe-Tätigkeit, nämlich die freie Verantwortung für den jeweils einzelnen Anderen, als altmodisch gleich mit wegrationalisiert wird.
Ähnlich wird übrigens das Schul- und Bildungssystem im Sinne betriebswirtschaftlicher Rationalität perfektioniert, nur zugleich von seinem Kern freier pädagogischer Verantwortung des Lehrers entleert, etwa mit PISA als Folge.
Wem wann die Schuld an dem Paradoxon gegeben wurde, dass mit der Verbesserung des Hilfesystems die Bewertung der eigenen Gesundheit schlechter wird , lässt sich ganz gut an der Entwicklung der Medizinkritik Ivan Illichs ablesen. 1975 hatte er deswegen noch vor allem die Medizin angeklagt, Ende der achtziger Jahre mehr die Erwartungshaltung und Individualisierung der Bevölkerung, während er heute vor allem den markt-orientierten systemwissenschaftlichen Experten das insgesamt unbefriedigende Ergebnis vorwirft.
Spaßeshalber hat der Psychiater Manfred Lütz unser aller völlig überzogene Heilserwartungen an die Gesundheit als Religionsersatz beschrieben: „Wenn heute überhaupt etwas auf dem Altar steht, angebetet und mit allerhand schweißtreibenden Sühneopfern bedacht wird, so ist es die Gesundheit. Unsere Vorfahren bauten Kathedralen, wir bauen Kliniken. Unsere Vorfahren machten Kniebeugen, wir machen Rumpfbeugen. Unsere Vorfahren retteten ihre Seele, wir retten unsere Figur. Es fehlt auch nicht an Protagonisten: selbsternannten Päpsten, ergebenen Gläubigen, Hohepriestern des Wohlergehens, Zuchtmeistern, Asketen, Heiligen, Inquisitoren. Keine Frage, wir haben eine neue Religion: die Gesundheitsreligion.“ Dazu passt der wissenschaftliche Schwachsinn, der immer wieder durch alle Gazetten ging, dass – natürlich statistisch signifikant – Gebete für die Gesundheit gut seien.
Was kann uns aus solchem Taumel erwecken? Was kann uns – gesundheits-besoffen – wieder nüchtern machen? Was kann uns Profi-Helfer aus der Gesundheitsfalle befreien, die ja auch nur eine, wenn auch wichtige Spielart der „Fortschrittsfalle“ ist. Geeignet scheint mir hierfür zunächst eine Formulierung des Internisten Klaus Dietrich Bock, deren Schlichtheit geradezu provozieren mag: „Krankheit lässt sich allgemein, überindividuell definieren als Störung der Lebensfunktionen, die sich in großer, aber gut beschreibbarer Vielfalt manifestieren kann. Gesundheit dagegen ist verborgen (Gadamer), eine positive Definition ist nicht möglich. Sie ist das ‚Schweigen der Organe’ einschließlich des unmerklichen Tätigseins von Geist und Seele. Wir werden ihrer – objektiv und subjektiv – erst gewahr, wenn sie abhanden kommt. Das geschieht durch Krankheit, und so sollten wir es bei der negativen Definition von Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit belassen.“ Das gilt freilich nicht für die chronischKranken, wie wir noch sehen werden.
Das letzte Wort zu diesem meinem ersten Kapitel, in dem es erst mal nur um unsere Grundhaltung als Profi-Helfer wie als Bürger geht, soll noch einmal Gadamer haben: „Was ist Wohlsein, wenn es nicht genau dies ist, dass man nicht auf es hingerichtet ist, sondern unbehindert offen und bereit ist für alles, … sich so wegzugeben und das Andere ganz da-sein zu lassen.“

(Die Fußnoten zu diesem ersten Kapitel finden Sie im Buch.)


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