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Gastfreundschaft

Leseprobe

Die RĂŒckkehr von einer Randposition – in der Psychiatrie oder zu Hause hinter den Gardinen – in eine Position gesellschaftlicher Beteiligung ist ohne gesellschaftliche „Anpassungen“ nicht möglich. Um diese Anpassung zu fördern, fĂŒhrten die Forscher Zeelen und Van Weeghel den Begriff „Kwartiermaken“ ein. Kwartiermaken geht von einer aktiven Hinwendung zu den WĂŒnschen und Möglichkeiten der Zielgruppe aus. Aber es ist schwierig, Menschen zu rehabilitieren, ihnen ihre WĂŒrde wiederzugeben, wenn die Umgebung nicht mitarbeitet, wenn die UmstĂ€nde nicht förderlich sind und immer wieder Ausgrenzung verursachen. Die Interessen der Betroffenen mĂŒssen immer wieder aufs Neue artikuliert und vertreten werden.
Der Projektleiter (Kwartiermaker) ist hierbei derjenige, der alles ankurbelt, der Katalysator, der Motivierende, der Inspirierende, der Vermittler oder Makler, der Netzwerkentwickler und der Kampagnenleiter. Er oder sie setzt Integration deutlich sichtbar auf die Tagesordnung, ĂŒberall dort, wo er oder sie das, im Auftrag der Zielgruppe, fĂŒr notwendig hĂ€lt.
(aus dem ursprĂŒnglichen Antrag des Projektes Kwartiermaken)


Vorwort von Robin Boerma

Sollte es das Ziel der psychosozialen Versorgung sein, Psychiatrie-Erfahrene in einer einseitigen Bewegung an die gesellschaftlichen Systeme anzupassen, um an der Gesellschaft teilhaben zu dĂŒrfen? Muss sich nicht eher auch die Gesellschaft bewegen, sich öffnen und Kwartiere, d.h. RĂ€ume, fĂŒr jeden bereitstellen, wie Doortje Kal es in ihrem Buch erfrischend darlegt? Doortje Kals Buch habe ich auf einem Amsterdamer Kongress zum Austausch der AnsĂ€tze in der Sozialpsychiatrie in den Niederlanden und Deutschland kennengelernt. Ich war sehr angetan davon, endlich ein Buch zu finden, das, durch den Titel neugierig gemacht, die chronisch psychisch kranken Menschen so belĂ€sst, wie sie sind.
In Abgrenzung zum klassischen medizinischen Modell muss es das Prinzip der sozialpsychiatrischen Arbeit mit chronisch psychisch kranken Menschen sein, jeden Einzelnen in seinen FĂ€higkeiten und Ressourcen zu stĂ€rken. Oft kann der chronisch psychisch Kranke nicht geheilt werden und passt nicht in klassische Reha-Maßnahmen. Aber dennoch sollte es unser aller Bestreben sein, dass auch er oder sie ein Platz in der Gemeinde bekommt. Ich arbeite viel mit chronisch kranken Menschen und versuche, mit ihr oder ihm eine passende Wohnmöglichkeit in einer „normalen“ Wohngegend zu finden. Wir versuchen eine sinnvolle BeschĂ€ftigung oder TĂ€tigkeit zu finden, so dass jeder sich notwendig und wohl fĂŒhlen kann. FortwĂ€hrend bemĂŒhen wir uns um eine enge Abstimmung mit der Familie, den Vermietern, den Nachbarn, den Kommunen und den SozialĂ€mtern. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche Psychiatrie-Erfahrene, die in Wohnheimen scheiterten, sehr wohl in einer eigenen Wohnung mit abgestimmter Begleitung leben konnten.
Das hier vorliegende Buch Kwartiermaken, ein Konzept, das Ende der 90er Jahre in den Niederlanden entwickelt wurde, bietet theoretisch und praktisch eine Antwort fĂŒr die Kernfragen unseres Umgangs mit psychiatrischen Patienten. Kwartiermaken bedeutet die Förderung eines gesellschaftlichen Klimas, in welchem (mehr) Möglichkeiten fĂŒr Psychiatie-Erfahrene und viele Andere, die mit denselben Mechanismen der Ausgrenzung kĂ€mpfen, entstehen. Denn die RĂŒckkehr von einer Randposition – in der Institution oder Zuhause bei den GrĂŒnpflanzen – zu einer Position mitten in der Gesellschaft, ist ohne gesellschaftliche Anpassungen nicht möglich. Die Gesellschaft muss daran arbeiten, Raum fĂŒr das Abweichende zu schaffen.
Kwartiermaken ist das Arbeiten an Gastfreundschaft. Gastfreundschaft bedeutet eigentlich, einen Fremden willkommen zu heißen, ohne ihn zu kennen. In ihrem Buch ist Doortje Kal theoretisch und praktisch auf der Suche danach, wie eine Ethik entstehen kann, die zu Respekt und bĂŒrgerschaftlichem Engagement fĂŒr das Anderssein des Anderen anregt. Diese Änderung bezieht sich nicht nur auf die Einrichtungen der psychosozialen Versorgung, sondern betrifft jeden einzelnen BĂŒrger der Gesellschaft, aber auch die Behörden, die Gemeinden, das Land und den Staat. Damit ergĂ€nzt dieses Konzept die dringend notwendige Wiederbelebung des Zusammenspiels zwischen Familie, Nachbarschaft und Kommune im regen Austausch mit Staat, Gesellschaft und Wirtschaft.
Doortje Kal beschreibt den Kwartiermaker als denjenigen, der alles ankurbelt, als den Katalysator, den Motivierenden den Inspirierenden, den Vermittler oder Makler, den Netzwerkentwickler und den KampagnefĂŒhrer. Der Kwartiermaker regt stĂ€ndig und ĂŒberall dort, wo er oder sie das, unter anderem durch die Hinweise der Zielgruppe, fĂŒr notwendig hĂ€lt, dazu an, Möglichkeiten zu schaffen, Psychiatrie-Erfahrene zu beteiligen.
In ihrem Buch beschreibt Doortje Kal, dass das Streben nach einer Normalisierung des Anderen eine Spannung hervorruft, die sie nach Lyotard als Widerstreit bezeichnet. Dabei ist es sehr wichtig, dass das Anderssein des Anderen als Anderssein benannt und kategorisiert wird, denn das Negieren des Andersseins holt die Betroffenen nicht weg von der Randposition. Auf die Kategorisierung kann verzichtet werden, wenn Raum geschaffen wurde, in dem der Andere sich als Anderer zeigen kann.
Neben der Theorie beschreibt Doortje Kal konkrete Projekte wie den Freundschaftsdienst, bei dem sich ein ,normaler‘ BĂŒrger ehrenamtlich um einen chronisch psychisch Kranken kĂŒmmert, wobei es nicht um eine Therapie geht, sondern darum, mit diesem FreizeitaktivitĂ€ten zu unternehmen, wie ins Kino gehen, Essen gehen, Fußballspiele im Stadion ansehen und dergleichen.
Im vorliegenden Buch werden auch zwei Projekte in Amsterdam und Zoetermeer vorgestellt, bei denen die jeweilige Gemeinde eine Sachbearbeiterin fĂŒr Kwartiermaken einstellte. Diese arbeitet als Vermittlerin zwischen chronisch psychisch Kranken (,Fremden‘) und den BĂŒrgern (,Gastgebern‘). Das kann auch bei einem Chor, einer Musikgruppe, einer Theatergruppe oder einem Sportverein geschehen. Spannend ist auch die Beschreibung der prĂ€sentischen Verfahrensweise, bei der der Profi den Alltag und das Wohl des Klienten in den Mittelpunkt stellt und die positive Seite eines alternativen und marginalen Lebensstils sucht. Dabei soll jeder Kontakt darauf ausgerichtet sein, den Eigenwert und das Selbstbild zu stĂ€rken. Das Selbstvertrauen wĂ€chst dadurch, indem man jemandem seine eigenen Möglichkeiten erfahren und spĂŒren lĂ€sst, dass er oder sie dazugehört (die Bedeutung von Empowerment). Dabei legt der PrĂ€senztĂ€tige ein großes Interesse fĂŒr die Geschichten des Klienten an den Tag, ohne sich darin zu verlieren.
Kwartiermaken ist in den Niederlanden ein Begriff geworden, der auf kommunaler, regionaler und nationaler Ebene umgesetzt wird. In den letzten Jahren sind in vielen StĂ€dten, wie zum Beispiel in Amsterdam und Zoetermeer, aber auch in Utrecht und Scheveningen, Kwartiermaken-Projekte entstanden und immer mehr Gemeinden stellen einen Kwartiermaker ein. Ich wĂŒrde mir wĂŒnschen, dass sich das Prinzip des Kwartiermakens, das in den Niederlanden inzwischen auf staatlicher Ebene und in der psychosozialen Szene zu einem festen Begriff geworden ist und das bei einem Kwartiermakerfestival im April 2005 mehr als 600 Besucher anlockte, auch in Deutschland auf politischer Ebene durchsetzt. Hierbei geht es nicht darum, dass jeder die ganze Welt zu verĂ€ndern versucht, sondern um die LebensqualitĂ€t im Stadtviertel oder im Quartier. Wer möchte nicht gern gastfreundschaftlich sein?

Robin Boerma, im Oktober 2005
(SozialpÀdagoge, Johanniter-Krankenhaus Geesthacht)


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