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Rede von Dorothea Buck auf der Gedenkveranstaltung des Aktionskreises "T4 Opfer nicht vergessen" am 6. September 2008 in Berlin

 


Auf Initiative des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener (BPE e.V.) haben sich zahlreiche Verb├Ąnde und Organisationen zusammengeschlossen, um jeweils am ersten Samstag im September den Opfern der "Euthanasie" und Zwangssterilisation zu gedenken. Am Ort der damaligen zur "Reichskanzlei" in Berlin geh├Ârenden Dienststelle in der Tiergartenstra├če 4, die im Juli 1939 eingerichtet wurde und die planm├Ą├čige T├Âtung von kranken und behinderten Menschen organsisierte, befindet sich eine Bronzeplatte, die an die Opfer erinnert.
Auf der Veranstaltung am 6. September 2008 hielt die Ehrenvorsitzende des BPE, Dorothea Buck, eine sehr pers├Ânliche und beeindruckende Rede, die wir hier gerne dokumentieren m├Âchten.

Dorothea-Sophie Buck-Zerchin

Rede bei der Gedenkveranstaltung f├╝r die Opfer der "Euthanasie" und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus

6. September 2008 ÔÇô Tiergartenstra├če 4 ÔÇô Berlin


Liebe Freundinnen und liebe Freunde!

Ich verwende diese sehr pers├Ânliche Anrede, weil diese ├Âffentliche Gedenkstunde ein so erfreulicher Anlass der Zuversicht und der Hoffnung ist. Ich bin Dorothea Buck und 91 Jahre alt, das, was man eine Zeitzeugin nennt. Erreicht hat dieses ├Âffentliche Gedenken schon im letzten Jahr nach dreij├Ąhrigen Verhandlungen unser engagiertestes Vorstandsmitglied Ruth Fricke unseres vor 16 Jahren gegr├╝ndeten "Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e. V.".

Danke, liebe Ruth!

Das Besondere des diesj├Ąhrigen Treffens ist das hinzugekommene Engagement offizieller Stellen, der Mitglieder des im Januar 2007 gegr├╝ndeten "Runden Tisches". Sie lie├čen am 18. Januar dieses Jahres den Grauen Bus und am 10. Juni die T4-Informationstele aufstellen. Das l├Ąsst auf einen Wandel in unserer Bundesregierung hoffen, dass es ihr mit ihrer Versicherung ernst ist, dass es keine NS-Opfer erster und zweiter Klasse geben solle. Oft sind es Einzelne, die durch ihre pers├Ânliche Betroffenheit andere ├╝berzeugen und mitrei├čen, wie Sigrid Falkenstein als Nichte ihrer in Grafeneck vergasten Tante Anna.

Danke, liebe Sigrid!

Dass aber 63 Jahre seit dem Ende des NS-Regimes 1945 vergehen mussten, um an die offiziell verschwiegenen und ausgegrenzten Opfer der Ausrottungsma├čnahmen erinnern zu k├Ânnen, liegt an der gro├čen T├Ąter- und Mitt├Ąterschaft der Psychiater, Theologen, aller h├Âchsten Juristen, der Gesundheitsbeh├Ârden und Ministerien. ├ťber diese bisher verdr├Ąngte Seite der Zwangssterilisationen und der Patientenmorde m├Âchte ich heute sprechen. Denn alles nicht Erinnerte kann jederzeit wieder geschehen, wenn zum Beispiel immer weniger Arbeitende f├╝r immer mehr alte und behinderte Menschen sorgen m├╝ssen.

Der Mord an den Juden und an den Roma und Sinti entstand in den K├Âpfen Hitlers und seiner Gefolgsleute. Der Mord an den Psychiatrie-Patienten entstand in den K├Âpfen von Psychiatern, zum Beispiel des zu seiner Zeit hoch angesehenen Freiburger Psychiatrie-Professors Alfred Hoche und des Juristen Karl Binding in ihrer 1920 erschienenen Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens".

Der bis heute in der deutschen Psychiatrie hoch gesch├Ątzte Psychiatrie-Professor Emil Kraepelin, der von 1856 bis 1926 lebte, forderte bereits:

"Ein r├╝cksichtsloses Eingreifen gegen die erbliche Minderwertigkeit, das Unsch├Ądlichmachen der psychopathisch Entarteten mit Einschluss der Sterilisierung."

1918 ├Ąu├čerte Kraepelin in seinem meistzitierten Werk "100 Jahre Psychiatrie" die ├ťberzeugung:

"Ein unumschr├Ąnkter Herrscher, der geleitet von unserem heutigen Wissen, r├╝cksichtslos in die Lebensgewohnheiten der Menschen einzugreifen verm├Âchte, w├╝rde im Laufe weniger Jahrzehnte bestimmt eine entsprechende Abnahme des Irreseins erreichen k├Ânnen."
Kraepelins "Wissen" und der von ihm gepr├Ągte Begriff des "Irreseins" in seinen patientenfeindlichen Zitaten war nicht das Wissen echter Seelen├Ąrzte, die - wie seine Zeitgenossen Sigmund Freud und C. G. Jung - die Psychosen, die man damals "Geisteskrankheit" nannte, als Aufbruch des normalerweise Unbewussten ins Bewusstsein nach vorausgegangenen Lebenskrisen erkannten, weil sie mit ihren Patienten sprachen. Kraepelin wollte ebenso wie unsere heutigen Psychiater Mediziner sein und wissen, was im Gehirn geschieht. Dazu gen├╝gte ihm die Beobachtung von Symptomen ohne Gespr├Ąche mit den Patienten. W├Ąhrend meiner f├╝nf Psychosen von 1936 bis 1959 erlebte ich unter meinen 23 Anstalts-Psychiatern und Psychiatrie-Professoren nur Mediziner, die die Sinnzusammenh├Ąnge meiner Psychose-Inhalte mit meinen vorausgegangenen Lebenskrisen gar nicht wissen wollten. F├╝r sie war - ebenso wie f├╝r Kraepelin - alles nur sinnloser Unsinn. Und das berichten die ├╝ber 1000 Mitglieder unseres Bundesverbandes BPE auch von den meisten ihrer heutigen Psychiater.

Wer w├╝rde aber auf den Gedanken kommen, dass der bis heute hochverehrte Pastor Fritz von Bodelschwingh schon zwei Jahre vor dem NS-Regime die Sterilisierung forderte und dass das Sterilisations-Gesetz in den ev.-kirchlichen Anstalten "mit besonderer H├Ąrte durchgesetzt" wurde, wie es in der von der Bremer Gesundheitsbeh├Ârde 1984 herausgegebenen Dokumentation "Zwangssterilisiert - Verleugnet - Vergessen" hei├čt. Was kirchliche Dokumentationen verschweigen, publizierte Ernst Klee im Fischer-Taschenbuch ├╝ber "Die Kirche im Banne Hitlers" im Kapitel "Die Kirchen im Kampf gegen die ÔÇ║MinderwertigenÔÇ╣" (1989). Ernst Klee zitiert hier aus dem Protokoll der "Ev. Fachkonferenz f├╝r Eugenik" in Treysa vom 18. bis 20. Mai 1931. Dort hei├čt es ├╝ber die Diskussion zur Sterilisierung:

"Der von 1930 bis 1933 leitende Betheler Chefarzt, Dr. Carl Schneider, lehnt die Sterilisierung ab. Er h├Ąlt es f├╝r einen Irrtum zu glauben, das biologisch Wertvolle sei auch das geistig Wertvolle. ... So werde bei Manisch-Depressiven ÔÇ║ein so hohes Ma├č sozialer T├╝chtigkeit vererbtÔÇ╣, dass es unm├Âglich sei, ÔÇ║aus rein medizinischen Gesichtspunkten zu sterilisierenÔÇ╣. Schneiders Urteil: ÔÇ║Wir wissen dar├╝ber nichts, folgern nur aus Versuchen mit Tieren und PflanzenÔÇ╣."
Obgleich Schneider in der folgenden Diskussion nochmals warnend eingreift und (vom Vererbungswissenschaftler) von Verschuer unterst├╝tzt wird ... sind vor allem die Pastoren (die theologischen Leiter ev.-kirchlicher Anstalten) f├╝r das Sterilisieren. So meint zum Beispiel Bodelschwingh (zitiert wird buchstabengetreu aus dem Protokoll):

"Im Dienst des K├Ânigreichs Gottes haben wir unseren Leib bekommen ... ÔÇ║Das Auge, das mich zum B├Âsen f├╝hrt usw.ÔÇ╣ (Aus der Bergpredigt) zeigt, dass die von Gott gegebenen Funktionen des Leibes in absolutem Gehorsam zu stehen haben; wenn sie zum B├Âsen f├╝hren und zur Zerst├Ârung des K├Ânigreiches Gottes in diesem oder jenem Glied, dass dann die M├Âglichkeit oder Pflicht besteht, dass eine Eliminierung stattfindet. Deshalb w├╝rde es mich ├Ąngstlich stimmen, wenn die Sterilisierung nur aus einer Notlage heraus anerkannt w├╝rde. Ich m├Âchte es als Pflicht und mit dem Willen Jesu konform ansehen. Ich w├╝rde den Mut haben, vorausgesetzt, dass alle Bedingungen gegeben und Schranken gezogen sind, hier im Gehorsam gegen Gott die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen, wenn ich f├╝r diesen Leib verantwortlich bin."
So weit aus Ernst Klees Dokumentation.

Dass Bodelschwingh die Sterilisierung nicht gegen Erbkrankheiten, sondern aus moralischem Grund: "Das Auge, das mich zum B├Âsen f├╝hrt", forderte und sich dabei auf seinen "Gehorsam gegen Gott" und "mit dem Willen Jesu konform" berief, kann ich nicht unwidersprochen lassen. Denn gerade Jesus forderte in seinem verhei├čenen "Weltgericht" die Solidarit├Ąt mit den "Geringsten": "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Br├╝dern, das habt ihr mir getan", ist f├╝r Jesus der einzige Ma├čstab f├╝r die Annahme und Zukunft des Menschen. Bodelschwingh erkannte nicht, dass Gott kein Moralist, sondern als Sch├Âpfer der Welt vor allem ein fantasie- und liebevoller Gott und Vater seiner Kinder ist. Und dass er Fantasie und Solidarit├Ąt auch von seinen Kindern erwartet. - "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen. Das tut ihr ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten", mahnte Jesus und "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet". Bodelschwingh und die anderen theologischen Anstaltsleiter beschlossen in Treysa aber das genaue Gegenteil dieser zentralen Forderungen der christlichen Lehre.

Zwei Jahre vor dem NS-Regime forderten sie:

"Tr├Ąger erblicher Anlagen, die Ursache sozialer (!) Minderwertigkeit und F├╝rsorgebed├╝rftigkeit sind, sollten tunlichst von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden."
Mit dem "K├Ânigreich Gottes" wird Bodelschwingh seine Anstalt Bethel gemeint haben. Darum tragen alle Betheler H├Ąuser biblische Namen. Auch die W├Ąnde der Krankens├Ąle trugen Bibelspr├╝che. Als ich 1936 mit gerade 19 Jahren in Bethel eingewiesen wurde, stand auf der hellgr├╝nen Wand meinem Bett gegen├╝ber in gro├čer Schrift das Jesuswort "Kommet her zu mir, Alle, die Ihr m├╝hselig und beladen seid. Ich will Euch erquicken". Aber was waren das f├╝r "Erquickungen" mit Kaltwasserkopfg├╝ssen, Dauerb├Ądern unter einer Segeltuchplane, in deren steifem Stehkragen mein Hals 23 Stunden - von einer Visite zur n├Ąchsten - eingeschlossen war. Mit der Fesselung in nassen kalten T├╝chern, die sich durch die K├Ârperw├Ąrme erhitzten. Diese qu├Ąlenden "Beruhigungsma├čnahmen" unter dem Jesuswort an der Wand gegen unsere nur nat├╝rliche Unruhe, die wir viele Wochen lang unt├Ątig in den Betten liegen mussten, obwohl wir k├Ârperlich gesund waren, konnten wir nur als str├Ąfliches Missverst├Ąndnis der christlichen Lehre, als Zynismus oder sogar als "H├Âlle unter Bibelworten" verstehen.

Das Schlimmste war, dass mit uns psychotischen Patientinnen ├╝berhaupt nicht gesprochen wurde. Ich hatte die wichtigsten Erfahrungen meines Lebens, religi├Âse Erfahrungen gemacht und h├Ątte dringend eine Hilfe zum Verst├Ąndnis daf├╝r gebraucht, dass solche Erfahrungen nicht nur vor 2000 Jahren, sondern heute noch m├Âglich sind. Aber ich erlebte nicht einmal ein Aufnahmegespr├Ąch, ├╝berhaupt kein Gespr├Ąch w├Ąhrend meiner neun Monate dort. Auch die beiden Hauspfarrer sprachen nicht mit uns, sondern zitierten nur Bibelverse an unseren Betten, ohne ein pers├Ânliches Wort mit uns zu wechseln. Tiefer kann ein Mensch nicht entwertet werden, als ihn keines Gespr├Ąchs f├╝r wert oder f├Ąhig zu halten. Auch vor und nach meiner Zwangssterilisation wurde nicht mit mir gesprochen, obwohl das Erbgesundheitsgesetz die ├Ąrztliche Aufkl├Ąrung der Sterilisanden vorschrieb. - "F├╝r einen notwendigen kleinen Eingriff", wurde meine Frage nach dem Zweck der Operationsvorbereitung beschieden und meine Frage nach den Narben aller meiner jungen Mitpatientinnen in der Mitte des Unterbauchs als "Blinddarmnarben" beantwortet. Hatte man uns auch darin zu Hause belogen, dass der Blinddarm seitlich s├Ą├če?

Als ich von einer Mitpatientin erfuhr, dass die Operation eine Sterilisation sei, war ich verzweifelt, denn Zwangssterilisierte durften keine h├Âheren und weiterbildenden Schulen besuchen und nicht heiraten, weil nicht Sterilisierte keine Sterilisierten heiraten durften und das auch nicht wollten. Meinen lang vorbereiteten Wunschberuf der Kinderg├Ąrtnerin musste ich aufgeben. Von der lebenslangen Abstempelung als "minderwertig" ganz zu schweigen.

Im Deutschen ├ärzteblatt vom Januar 2007 hei├čt es in einem Artikel ├╝ber unsere bis heute fehlende Rehabilitierung als "Minderwertige", dass der Betheler Chefarzt ab 1934, Prof. Werner Villinger, am 13. April 1961 im Bundestagsausschuss f├╝r Wiedergutmachung:

"... sich zu der Behauptung verstieg, durch eine Entsch├Ądigung den Zwangssterilisierten erst recht zu schaden: ÔÇ║Es ist die Frage, ob dann nicht neurotische Beschwerden und Leiden auftreten, die nicht nur das bisherige Wohlbefinden und die Gl├╝cksf├Ąhigkeit dieser Menschen, sondern auch ihre Leistungsf├Ąhigkeit beeintr├ĄchtigenÔÇ╣."
Pastor Fritz von Bodelschwinghs Neffe und Nachfolger, Pastor Friedrich von Bodelschwingh, argumentierte am 21. Januar 1965 als Experte vor dem Ausschuss f├╝r Wiedergutmachung in gleicher, unsere Realit├Ąt v├Âllig verkennender Weise:

"G├Ąbe man den Sterilisierten selbst einen Entsch├Ądigungsanspruch, so werde nur Unruhe und neues, schweres Leid ├╝ber diese Menschen gebracht ..."
Bethel sterilisierte noch lange nach 1945 weiter. Im vorletzten Jahr rief mich jemand an, den Bethel noch in den Siebzigerjahren unter Druck setzte, sich sterilisieren zu lassen. W├╝rden Theologen und Psychiater doch auch einmal ihren eigenen Wert f├╝r uns in Zweifel ziehen!

F├╝r viele, die keine Berufsschulen besuchen durften und deshalb kein Handwerk lernen konnten, sondern in Armut und innerer Isolierung als "Minderwertige" starben, kam auch Professor Klaus D├Ârners Einsatz f├╝r uns zu sp├Ąt. Er hatte nach dreij├Ąhrigen Bem├╝hungen eine Anh├Ârung f├╝r uns und f├╝r die "Euthanasie"-├ťberlebenden und -Gesch├Ądigten am 24. Juni 1987 vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages erreicht.

Als im Juli 1939 zum ersten Mal eine Unterrichtung von etwa 60 Anstaltsleitern und Psychiatrie-Professoren in der Berliner Kanzlei von Adolf Hitler stattfand, denen das "Euthanasie"-Programm vom SS-F├╝hrer Viktor Brack vorgetragen wurde, erkl├Ąrten alle ihre Bereitschaft, an der T├Âtung der Anstaltspatientinnen und -patienten mitzuarbeiten, mit Ausnahme des G├Âttinger Professors Gottfried Ewald. Er begr├╝ndete seine Ablehnung ausf├╝hrlich. Ein einziger seelisch und geistig intakter Mensch unter 60 Psychiatrie-Professoren und -Anstaltsleitern! Wo blieb ihr Gewissen, ihre Courage, ihr Mitgef├╝hl? Werte, die den Menschen erst zum Mitmenschen machen.

Als Gutachter und Obergutachter f├Ąllten sie hier in der Berliner Tiergartenstra├če 4 die Todesurteile nur nach Fragebogen, die die Anstalten ausgef├╝llt hatten. In sechs psychiatrischen T├Âtungsanstalten wurden die zum Tode Verurteilten vergast. Als Hitler am 24. August 1941 nach der Protestpredigt des katholischen Bischofs Clemens August von Galen in M├╝nster am 3. August 1941 die Vergasungen einstellen lie├č, ├╝bernahmen die Anstalten selbst die T├Âtung durch ├╝berdosierte Medikamente und Nahrungsentzug.

Die letzten Forschungsergebnisse gehen nach dem Historiker Prof. Hans Walter Schmuhl von insgesamt fast 300.000 vergasten, vergifteten, zu Tode gehungerten Anstaltspatientinnen und -patienten und Heimbewohnerinnen und -bewohnern aus. Davon fast 80.000 Patienten aus polnischen, franz├Âsischen und sowjetischen Anstalten. Da unsere Politiker, Psychiater und Theologen die Zwangssterilisationen an 350.000 bis 400.000 als "minderwertig" Beurteilten und die T├Âtung sogenannter "lebensunwerter" Menschen seither so gut wie ganz verdr├Ąngen, bleibt es uns Psychiatrie-Betroffenen bisher allein ├╝berlassen, die in Psychiatrien Ermordeten im Ged├Ąchtnis und im Herzen zu behalten. Darum ist ein Gedenken wie das heutige eine gro├če Hilfe und Entlastung f├╝r uns.

Auch die 100 Spitzenjuristen der Wannsee-Konferenz vom 23. und 24. April 1941, denen die Einzelheiten der T4-Aktion unterbreitet wurden, die dann gemeinsam das "verfahrenstechnische" Problem der Unterdr├╝ckung von Strafanzeigen berieten, hatten keine Einwendungen zum "Euthanasie"-Programm zu machen. Alle hatten auf den Reichsgerichtspr├Ąsidenten Dr. Erwin Bumke geschaut. Da er schwieg, schwiegen sie auch.

In den 60er-Jahren wurden ├ärzte, die die Vergasungen durchgef├╝hrt hatten, "unter frenetischem Jubel" der Zuh├Ârer freigesprochen, weil ihnen "ein Unrechtsbewusstsein nicht einwandfrei nachzuweisen sei". Der Vater eines behinderten Kindes schrieb resigniert in einem Leserbrief: "Da kann man nur noch auswandern."

T├Ąter und Mitt├Ąter haben unserem Volk die "Minderwertigkeit" psychiatriebetroffener Menschen gr├╝ndlich eingeimpft, auch den Betroffenen selbst. Kaum eine andere Bev├Âlkerungsgruppe ist in Deutschland so rechtlos und verachtet wie psychiatrische Patienten, zum Beispiel als "schizophren" Diagnostizierte. Erst vor dem Europ├Ąischen Gerichtshof k├Ânnen durch Medikamente schwer Gesch├Ądigte auf Entsch├Ądigung hoffen. Besonders bitter, wenn diese irreversiblen Gesundheitssch├Ąden durch Zwangsmedikationen entstanden.

Ma├čstab f├╝r Leben oder Tod der Patienten war ihre Arbeitsleistung. Viele Anstalten hatten die Arbeitstherapie f├╝r ihre Patienten aber noch gar nicht eingef├╝hrt, oder nur f├╝r die Gesunderen, obwohl der Leiter der G├╝tersloher Landesklinik, Hermann Simon, schon seit 1923 die Arbeitstherapie f├╝r alle G├╝tersloher Patienten mit vollem Erfolg eingef├╝hrt hatte. 1946 war ich drei Monate lang Patientin in G├╝tersloh und erlebte, wie viel leichter die Arbeit der G├╝tersloher Schwestern im Vergleich zur Arbeit der Betheler Schwestern war, die uns zur unt├Ątigen blo├čen Verwahrung gezwungenen und daher unruhigen Patientinnen mit den qu├Ąlenden "Beruhigungsma├čnahmen" mit ausschlie├člichem Strafcharakter in Schach hielten, und wie viel normaler die G├╝tersloher Stationsatmosph├Ąre war. Ohne R├╝cksicht auf ihre Patienten und Pflegekr├Ąfte hatten die theologischen und ├Ąrztlichen Leiter ev.-kirchlicher Anstalten bei ihrer "Fachkonferenz f├╝r Eugenik" in Treysa 1931 die "Begrenzung wohlfahrtspflegerischer Leistungen auf Versorgung und Bewahrung" f├╝r alle Patienten beschlossen, die voraussichtlich ihre volle Leistungsf├Ąhigkeit nicht wieder erlangen w├╝rden. Als 1939 die "Euthanasie" einsetzte, waren alle unt├Ątig nur verwahrten Anstaltsinsassen besonders gef├Ąhrdet, weil sie ohne Arbeitsm├Âglichkeit auch keine Arbeitsleistung erbringen konnten. Pastor Fritz von Bodelschwingh hat erfolgreich f├╝r das Leben seiner unt├Ątig nur verwahrten Anstaltspatienten gek├Ąmpft. Aber eine viel bessere Hilfe w├Ąre f├╝r Patienten und Pflegende seine Einf├╝hrung der Arbeitstherapie f├╝r alle gewesen, wie sie im nur 20 km entfernten G├╝tersloh 1939 schon seit 16 Jahren beispielhaft vorgelebt wurde. Allerdings hat die Arbeitsleistung der G├╝tersloher sie nicht vor dem Tode bewahren k├Ânnen, weil ein Beamter der Hamburger Gesundheitsbeh├Ârde die Arbeitsleistung zur Selbstversorgung einer Anstalt nicht mehr gelten lie├č, sondern die Patienten dar├╝ber hinaus "produktive Werte" schaffen mussten. Nach 1945 hat er Karriere in Hamburg gemacht.

Auch die heutigen psychotischen Psychiatriepatienten d├╝rfen nicht ├╝ber ihr sie tief beeindruckendes Erleben sprechen, ohne noch mehr Psychopharmaka schlucken zu m├╝ssen. In kommunalen und kirchlichen Psychiatrien wird es heute auch unter Zwang und Fesseln nur medikament├Âs bek├Ąmpft. Ohne seine Psychose als Aufbruch des eigenen Unbewussten auf der Traumebene verstehen zu k├Ânnen, kann man aber nicht gesund werden, wie ich es seit 49 Jahren bin. Nachdem wir das psychiatrische Dogma der erblich bedingten sinnlosen Hirnstoffwechselst├Ârung mit unseren Zwangssterilisationen und ihren Folgen, die "Euthanasie"-Opfer mit ihrem Leben bezahlen mussten, brauchen wir nichts dringender, als eine auf unseren Erfahrungen gr├╝ndende empirische Psychiatrie, weil man verstehen muss, was man erlebt.




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