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Wo die Seelen tanken gehen – Kontakt- und Beratungsstellen – Eine Reportage von Peter Fallistel

 


Der Berliner Autor Peter Fallistel hat Kontakt- und Beratungsstellen in der Hauptstadt besucht und dem Paranus Verlag seine lebendige Reportage zur Veröffentlichung angeboten. Herzlichen Dank!
(Bestellhinweis: "Wo die Seelen tanken gehen ..." Wegweiser durch den Dschungel der Berliner Kontakt- und Beratungsstellen für seelisch belastete Menschen. 10,- € zzgl. Versandkosten.
www.shift-selbstverlag.de oder Telefon: 030 / 774 10 19 von 10 - 18 h)

Wo die Seelen tanken gehen

Prolog
Worum es auch geht ...
Eine psychiatrische Station in Berlin-Neukölln

Früher nannte man sie Tollhäuser oder Irrenanstalten. Heute heißen sie schlichter Psychiatrien oder ganz harmlos Kliniken. Damals hatte man die Kranken in Ketten gelegt oder sie mit dem Kopf unter kaltes Wasser getaucht – das sollte Heilung bewirken. In ganz düsteren Zeiten, noch nicht allzu lange her, brachte man Behinderte und ‚Geisteskranke’ um, nach dem Krieg humanisierte sich die Situation für ‚Verrückte’ insofern, dass man sie nicht mehr mordete, sondern weitgehend von der Öffentlichkeit fernhielt und über Jahre in Anstalten verbannte.

Heutzutage sind die Kliniken sehr viel menschenfreundlicher, psychisch Kranke werden mit Medikamenten, sogenannten Psychopharmaka oder Neuroleptika behandelt. Das mindert vor allen bei manischen Erkrankungen den Dopaminüberschuss in den Gehirnsynapsen und kann somit Ausbrüche psychotischer Manien vermeiden.
Aber warum nur, frage ich mich, heißt der psychisch Kranke psychisch krank?
Assoziiert so etwa unbewusst der unbescholtene Normalbürger, wo er hingehört, der psychische Kranke? Ist das sein Kainsmal, das ihm in die Stirn eingraviert ist? Sind sie durch diese Betitelung in der Öffentlichkeit für immer stigmatisiert? Gehören psychisch kranke Menschen zwangsläufig in die Psychiatrie? Sind das die Schubladen, die in den Köpfen der Menschen geöffnet werden?

Zunächst zeigt mir eine kleine untersetzte Schwester der Station 81 des Neuköllner Krankenhauses eine schmächtige, kleine in sich zusammengekauerte Frau mit Falten im Gesicht. Sie sitzt im langen Gang, in einem Sessel, die Knie bis zum Kinn hochgezogen. „Das ist unsere liebe Frau K. aus Algerien“, sagt die Schwester. „Nicht wahr, Frau K.? Sie kriegen wir auch wieder hin?“
Mit einer Engelsgeduld besucht ihr Ehemann sie immer wieder, lässt sich während ihrer Manien beschimpfen und hört sich hinterher, in ihren depressiven Phasen geduldig ihr Jammern an.
Im Raucherraum dagegen spielt flotte Musik aus dem Radio; in Grüppchen lacht man, erzählt sich Witze oder hilft sich gegenseitig, Formulare für das JobCenter auszufüllen (dies ist auch oft ein Grund des Hierseins, denn die belastenden Berge an Bürokratie sind für manch einen die Ursache von Depressionen).
Im Patientenraum toben alle Krankheitsbilder durcheinander. Depressionen, Psychosen, Borderlines, Manien und Paranoia.
Die traurige S. aus Serbien, ständig weinend, fleht an den Lieben Gott, dass er ihren Sohn zurückgebe. Er ist zwölf Jahre und lebt bei seinem herzlosen Vater, so S., der auch das Sorgerecht habe, aber er will den Sohn nur selten ‚rausrücken’, weil die Mutter zu krank sei. S. ist verzweifelt, keiner kann helfen, sie bekommt nie Besuch. Ärzte helfen mit Pillen; Patienten, soweit sie können, mit Zigaretten.

Dann erscheint ein Wechselbad zwischen finnischer Melancholie und südeuropäischem Temperament. Als ich Rita aus Kuopio anspreche, lächelt sie mich mit ihren leicht lappländischen Augen an und kramt etwas Geheimnisvolles hervor. Eine Kette: „Das ist Che. Mein großer Che Guevara. Ein Rebell! Den habe ich unter meinem Pulli versteckt. Er gibt mir genauso viel Halt wie Jesus. Auch ein Rebell.“
„Wie, auch ein Rebell?“
„Jesus hat mir Halt gegeben, und ich gebe ihm Kraft.“ Jesus, das ist der mit den langen, grauen Haare, den sie vor neun Jahren auf der Krankenhaustrage , kurz vor dem Exodus angetroffen hatte. Es war Zuneigung auf den ersten Blick. Jesus ist seit neun Jahren trocken, aber jetzt, wo Taina wieder im Krankenhaus ist, läuft er Gefahr, wieder mit dem Knöcheln im Wasser zu waten.
Taina wird ernst und sagt: „Nur durch geduldige Zuneigung, stete Liebe, fortwährendes Zuhören und aufeinander Eingehen, kann es uns gelingen, im seelischen Gleichgewicht zu bleiben. Würde der eine den anderen verlassen, würde der mit Sicherheit untergehen.“
Ein dunkelhaariger Lockenkopf mit vereinzelten Silbersträhnen betritt den Raucherraum. Er steckt sich eine Billigzigarillo an und redet, unterbrochen von einem Dauerhusten: „Ich habe drei Kinder, tagein, tagaus, denke ich an sie, sogar in meinen Träumen erscheinen sie mir. Jeden Morgen fange ich die Kleine am S-Bahnhof Schöneberg ab und begleite sie heimlich mit der S-Bahn zur Schule nach Hermsdorf. Wirklich, ich leide unter dieser Situation. Und zahlen für die Kinder darf ich auch, obwohl ich nichts von ihnen habe.“

Kevin erzählt, wie er letztes Jahr zu Weihnachten einen Kaufrausch hatte und 20 Springbälle für den Kinderladen seiner Kleinsten kaufte. Als Knecht Ruprecht im rotbraunen Ledermantel seines Großvaters stand der an der Schwelle der Kita, den Sack über dem Rücken. Seine Frau bekam schnell davon spitz ließ ihn richterlich einweisen. „Weißt du“, sagt Kevin. „Wenn du einmal als malle malle eingestuft bist, dann nimmt meiner Ollen das jeder Bulle, jeder Sozialpsychiatrische Dienst ab. Steht ja sowieso alles im Computer!“
Auch in diesem Jahr wollte er sich als Weihnachtsmann verkleiden und in einer Kinderkrebsstation 10 Carreraautobahnen verschenken. Diesmal schritt nicht seine Ex ein, diesmal war es sofort die Polizei.
„Weißt du“, sagt Kevin, „draußen habe ich niemanden, mit dem ich über meine
Probleme kann. Und dann die Einsamkeit. Da geht’s dann immer wieder
automatisch los.“

Herr Goldmann, ein Stationspfleger, bittet mich in den Palmengarten. Dort werde wenigstens nicht geraucht, meint er lächelnd. „Die Neuköllner Psychiatrie ohne Raucherräume, das ergäbe wohl die Rebellion. Aber der allgemeine Kurs von Vivantes zielt wohl darauf hinaus, dass auch in den Vivantes-Psychiatrien bald die Raucherräume abgeschafft werden In einigen ist es bereits soweit. Da müssen alle Raucher raus gehen, was für Patienten ohne Ausgang zu Problemen führt.“
Herr Goldmann fragt mich: „Welche Reformen stellen Sie sich für die Psychiatrie vor, Herr Fallistel?“
Ich denke nach. Auf die Schnelle fällt mir nichts ein. Aber dann drängt sich mir ein Vorschlag auf: „Schriftsteller, Musiker und Theatertruppen könnten in die Kliniken strömen und den Patienten nicht nur Unterhaltungbringen, sondern sie auch zu Denkanstößen anregen. Denn nach dem Essen ist hier tote Hose. Keine Ergo mehr, keine Psychosegruppe. Viele hängen in ihrem Bett herum, die meisten rauchen, und nur die Glücklichsten bekommen Besuch.“
„Stellen Sie sich vor, und genau das wird bereits auf Kuba praktiziert.
Dort gehen Künstler in die Psychiatrien.“ Herr Goldmann weiß, wovon er redet, er ist in der Welt weit herumgereist.
Nach dem Gespräch treffe ich Micha, einen ehemaligen Patienten, der nach seiner Entlassung entwurzelt, irgendwie heimatlos geworden ist. Ständig sucht er den vertrauten Kreis der Klinikstation auf. Dort kennt er Pfleger und die meisten Patienten. An keinem Freitagskaffee, ein großzügiges vom Krankenhaus veranstaltetes Kaffee- und Kuchengedeck für Patienten und Ehemalige, fehlt er. Manchmal will er sich sogar, weil er es draußen vor Einsamkeit nicht aushält, einweisen lassen. Aber die Klinik sei kein Hotel, sagt man ihm.
Ich muss an Frau Bitte denken, eine langjährige ältere Patientin mit Alkoholproblemen. Der monatelange Klinikaufenthalt bewirkte jedes Mal, dass sie ‚trocken’ und symptomfrei wieder entlassen wurde. Draußen, in Ihrer Einraumwohnung, bekam sie, zumeist in der Weihnachtszeit, bald wieder Sehnsucht nach der Station. Aufgenommen wurde sie jedoch nicht, da sie gesund sei. Sie begann, wieder zu trinken und schaffte sich einen Einweisungsgrund. Machte mit den jungen Leuten bei Zigaretten und Radiomusik die Nacht zum Tage und genoss ansonsten ihren langen Aufenthalt im Krankenhaus.
Ich frage Micha, ob er wüsste, was eine KBS sei. „Nein.“ Er schüttelt den Kopf. Ich sage ihm, dass ich vorschlagen werde, eine Liste der Berliner psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen an das Schwarze Brett hängen zu dürfen. Denn darum geht es auch: Entlassenen Patienten Orientierung zu geben, ihnen einen Start in die Freizeitgestaltung und zur Tagesstruktur zu ermöglichen.
Ich meine, hat denn sonst die lange Klinikbehandlung überhaupt einen Sinn gehabt, wenn nach der Entlassung der Nährboden für einen Rückfall durch Einsamkeit und Isolation vor sich hinkeimt?

1 Komm mal rum ins KommRum!
Da, wo sich Ver-rückte und Normalos begegnen.


KommRum, das war einmal meine zweite Heimat, als ich noch draußen im Übergangswohnheim Lankwitz gewohnt habe. Da war ich jeden zweiten, dritten Tag hier, hab am Freitag Schach gespielt oder war am Samstag in Detlefs Singletreff auf Frauensuche. Jetzt, zwanzig Jahre später, bereite ich so eine Art Reportage über verschiedene Kontakt- und Beratungsstellen (KBS) in Berlin vor. Angefangen hat alles mit Rosi Haase aus dem Leipziger ‚Durchblick.’. Rosi hatte tatsächlich den Durchblick. „Mach die Leute auf Oasen in der Wüste Berlin aufmerksam“, hatte sie gesagt und mich ermutigt, das Projekt in Angriff zu nehmen. Also pilgere ich ab jetzt mit dem Notizbuch von KBS zu KBS und versuche zu recherchieren, zu porträtieren.
Wer könnte es mir verübeln, wenn ich mit dem KommRum beginne. Da ich heute so etwas zum ersten Mal mache, könnte, so denke ich, mir dieses bekannte Terrain Berührungsängste vor diesem Unternehmen nehmen. Ich steige am U-Bahnhof Friedrich-Wilhelmplatz aus, biege gleich rechts in die scharfe Kurve der Albestraße, da, wo man immer denkt, man schlägt die völlig falsche Richtung ein. An der Schnakenburgstraße 4 sehe ich den vertrauten Hinterhof, wo sie im Sommer auf Bänken hocken, rauchen, malen oder manchmal Gitarre spielen und trommeln. Um 16 Uhr bin ich mit Heike, einer Sozialarbeiterin fast aus den ersten Tagen des KommRum, verabredet. Sie will mir einige Fragen beantworten. Auch wir kennen uns noch von damals. Bei ihr hatte ich meine ersten Gehversuche, was Lesungen anbelangt. Sie hatte damals quasi Beihilfe zu meiner ersten Lesung geleistet ... Die fanden damals noch hinten im Therapieraum statt, hinter der Tür, auf die mal ein halb geöffneter Reißverschluss gemalt war, der neugierig auf das machte, was sich dahinter verbarg. Man musste dort die Schuhe ausziehen und saß auf gepolsterten bunten Kissen. Ich will mich setzen und auf Heike warten, da geht zielstrebig ein Mitarbeiter des KommRum auf mich zu: „Du bist doch Peter, und hast eine Verabredung mit Heike, nicht? Sie lässt fragen, ob du ein wenig Zeit mitgebracht hast, sie hat nämlich noch eine wichtige Besprechung.“
„Klar“, sage ich. Was sind Sozialarbeiter ohne wichtige Besprechungen?, denke ich und bestelle am Tresen einen Milchkaffee. Ich sehe, dass das Kontaktcafé noch immer sehr gästefreundlich ist. Ein Schild: ‚Selbstversorgung im KommRum’ lädt nicht so betuchte Gäste ein, ihre Verpflegung selbst mitzubringen, nur der Dreck sollte später selbst entsorgt werden. Rechts vom Ausschank steht eine stets gefüllte Karaffe Leitungswasser. Es wird also nicht unbedingt erwartet, dass konsumiert wird.
Nach wie vor gibt es Alkohol im Angebot. „Wie geht ihr damit um?“, frage ich den Sozialarbeiter hinter dem Tresen. „Ich meine, Alkohol, das ist eine große Versuchung für Menschen, die Medikamente nehmen, und tut doch wohl das Gros eurer Gäste. Das ist ja wie ein Café für Zuckerkranke aufmachen und im Angebot das köstlichste Konfekt haben.“
Ich weiß, das ist eine provozierende Frage, zumal ich doch selbst gerne hin und wieder einen Schluck Wein trinke, aber wenn ich schon solch eine Reportage mache, will ich mich wie ein altkluger Journalist aufführen und nervige Fragen stellen. Der Sozialarbeiter aber lacht und meint, diese Frage werde ihnen immer wieder von Psychiatern gestellt. „Unsere Antwort ist“, sagt er, „die Leute sollen lernen, mit Alkohol umzugehen. Die Verlockungen in der Stadt sind groß. An jedem Kiosk, in jedem Supermarkt oder an jeder Tankstelle kannst du dir das Zeug besorgen. Und zum Besaufen ist das KommRum untauglich. Da achten wir drauf. Außerdem ist der Konsum von Bier und Wein so gering, manchmal gehen im Monat nur zwei, drei Biere über den Ladentisch.“
Mit meinem Milchkaffee setze ich mich an einen freien Tisch. Am Nebentisch sitzen zwei Typen und unterhalten sich, so weit ich das mitkriege, über das leidige Thema Wohnungssuche; weiter hinten ist eine Frau in meinem Alter in einem Buch vertieft. Es ist zum Verrücktwerden! Ich will eine Reportage machen, will Leute interviewen und habe nicht den Mut, die Gäste zu fragen: „Du, darf ich mich dazu setzen?“
Bin ich etwa verklemmter geworden? Vor zwanzig Jahren wäre das kein Problem für mich gewesen. Zwei Worte, zack!, schon wäre ich drüben an dem fremden Tisch gewesen. Aber da kommt schon die Frau auf mich zu und sagt: „Du bist doch der Peter, stimmt’s? Du hast hier neulich gelesen. Ich war dabei, habe zugehört.“
„Du kommst mir auch bekannt vor“, sage ich und lüge nicht einmal. Da sagt die Frau auch schon: „Ich war die, die andauernd rausgerannt ist, um eine zu rauchen. Da hat sich dir mein Gesicht bestimmt eingeprägt, weil du damals nämlich ziemlich genervt warst. Willst du nicht rüber an meinen Tisch kommen? Ich bin die Marianne.“
Ich bin froh, dass es diese alte ‚Sitte’ im KommRum noch gibt, sich zu anderen zu setzen. Ich bedanke mich bei Marianne, dass sie mich aus meinem Dornröschenschlaf geweckt hat und erzähle ihr von meinem Projekt, frage, ob ich Fragen stellen dürfe. Spontan willigt sie ein, und ich füge zögerlich hinzu, dass da noch ein kleines Problem sei: Heike, die Sozialarbeiterin, käme nämlich gleich herunter und wolle mit mir sprechen. Ob sie notfalls warten könne? „Kein Problem“, sagt sie.
Ich frage sie, warum sie heute gekommen sei. Marianne zögert nicht lange mit der Antwort. „Um unter Leuten zu sein“, sagt sie. Sie suche Gespräche zu Leuten, die sie vom Café her kenne oder mit Therapeuten. „Ich habe immer ein Buch bei mir und lese solange, bis ich jemanden treffe, den ich kenne. Bevor ich dich eben angesprochen habe, habe ich ja auch gelesen.“ Ich lasse mir den Titel zeigen: „Statt Psychiatrie II“ von Peter Lehmann. „Und was wäre deine Alternative gewesen, wenn du heute nicht gekommen wärst?“
„Gelangweilt hätte ich mich nicht, falls du darauf hinaus willst.“ Marianne lacht. „Ich hätte zu Hause gelesen, gemalt oder Tagebuch geschrieben. Aber private Kontakte außerhalb des KommRum habe ich noch nie geschlossen. Die, die ich kenne, treffe ich nur hier. Das ist hier quasi meine Stammkneipe. Zuhause, das ist mein Rückzugsgebiet, da will ich für mich sein. Seit knapp zwanzig Jahren komme ich schon ins KommRum.“
„Was? Seit zwanzig Jahren? Da haben wir ja viel zu bereden. Das war auch meine Zeit.“ Wir erinnern uns an Detlefs Singletreff. Marianne zitiert sofort den vertrauten Spruch vom Samstagabend: "Gleich beginnt der Singletreff. Da könnt ihr versuchen, jemanden kennen zu lernen. Heute ohne Rauchen, das nächste Mal wieder mit." Beim Reden nestelte Detlef nervös mit seinen Fingern herum, als häkele er einen Topflappen. Mit traniger Stimme redete er weiter: "Der Singletreff kostet 99 Pfennige, einen Pfennig bekommt ihr zurück, er soll euch Glück bringen."

Als Besucher des KommRum hatte er die Idee, diesen Treff zu gründen. Er machte das ehrenamtlich, für ein Sandwich und ein Getränk pro Sonnabend, nicht zuletzt in der Hoffnung, auch mal jemanden kennen lernen zu dürfen. Auf den Polsterkissen im Therapieraum hockten fast nur Männer, wenn mal eine weibliche Neuerscheinung eintraf, stürzten sich alle sofort auf sie. Solange die Frauen rar blieben, bildeten sich Grüppchen, man diskutierte über die drei berühmten P’s: Politik, Psychiatrie und Psychopharmaka "
Während sich alle unterhielten, saß Detlef meistens mit traurigen, aber doch irgendwie hoffnungsvollen Augen da und wartete, dass die Traumprinzessin für ihn erscheinen würde. Jedes Mal wenn eine den Raum betrat, stand er mit leuchtenden Augen auf und sagte seinen Spruch von den 99 Pfennigen auf. Den Frauen mag der zurückgegebene Pfennig vielleicht Glück gebracht haben, Detlef jedoch nie. Die Frauen wurden sofort von anderen Männern in Beschlag genommen; es bildeten sich Pärchen und Liebschaften, Detlef blieb stets mit seinem unbeholfenem Lächeln in der Mitte des Raums sitzen. Kaum einer redete mit ihm. Er war stets der tragische Held des Abends.

Detlef spielte auch Theater. Einmal, auf einem KommRumfest hatte er ein Einmannstück inszeniert, dass unter die Haut ging. Die Musik lief noch, einige tanzten, da legte sich Detlef auf den Boden, blieb dort reglos liegen. Die Musik hörte auf zu spielen, die Leute gruppierten sich neugierig um ihn, bildeten eine Mauer. Detlef stand auf, begann, glühend zu sprechen: „Lasst mich raus hier, redet mit mir!“ Er bekam funkelnde Augen. „Hört auf zu schweigen! Ihr tötet mich mit eurem Schweigen Ich komme um in meiner Einsamkeit!!!“ Er guckte nach oben und flehte: „Herr, schicke die Erlösung!“
Niemand lachte, niemand verhöhnte ihn.
Überhaupt ist Detlef sehr religiös geworden. Neuerdings scheint er alle Berliner Lesebühnen abzuklappern. Vor einem Jahr sah ich ihn im ‚Litlist’, einer urgemütlichen Lesebühne in Friedrichshain, die leider mangels Masse von einem Handy-Shop verdrängt wurde. Er bekam für seine Appelle an den Lieben Gott plus anschließendem Operngesang tosenden Applaus. Neulich habe ich ihn in der Lesebühne der Schwartzschen Villa gesehen. Nachdem sie ihn dort gehört haben, viele sogar beeindruckt Beifall klatschten, hat er Auftrittsverbot bekommen. Einflussreiche Autoren sind entschiedene Gottesgegner und unterstellten Detlef Missionierung. Ohne ihn und sein Schicksal kennen lernen zu wollen, grenzten sie ihn aus, wie so viele von uns in dieser Stadt ausgegrenzt werden ... bei manchen mit der Endstation ...

Marianne und ich werden unterbrochen. Heike hüpft die Treppe herunter und begrüßt mich von halber Höhe. Lachend sagt sie: „Entschuldige, Peter, es hat etwas länger gedauert, aber wie ich sehe, seid ihr ja schon voll dabei.“ Sie begrüßt auch Marianne.
Ich nicke Marianne zu, sage: „Bis gleich“ und setze mich mit Heike an den runden Tisch unter der Treppe. Ein Schild ‚Reserviert’ kündigt unsere ‚Konferenz’ an. Beide nehmen wir unser Gespräch ernst.
Heike erklärt, dass das KommRum 1980 als Pilotprojekt gegründet wurde. Hervorgegangen aus der alternativen Bewegung der 70-er Jahre, war es als eine Alternative zur stationären psychiatrischen Behandlung gedacht, als ein Kommunikationszentrum, das den ‚anderen Alltag mit Ver-rückten und Normalen’ versuchen wollte. „Kontakt- und Beratungsstellen gab es damals noch nicht“, sagt Heike, „die gab es erst Mitte der 80-er Jahre. Es ging uns darum, die Stigmatisierung psychisch Kranker zu beenden, sie sollten raus aus dem Ghetto der Anstalt. Psychiatrie sollte nicht mehr ein Tabubereich der Gesellschaft sein.“
Heike nimmt eine Broschüre über das KommRum und liest mir Sätze vor, von denen sie meint, sie seien entscheidend. „Die Idee war“, beginnt sie, „je angstfreier, persönlich autonomer, umfassender sich ein Mensch entwickelt hat, desto weniger leicht ist er abhängig und erpressbar. Damit hatte diese Idee des persönlichen Wachstums auch eine politische Komponente. Selbstbewusste, selbsterfahrende, lebendige, bewegliche, freie Menschen sind nicht gut zu unterdrücken und zu manipulieren.“
Ich frage sie nach den Angeboten im KommRum. Da gäbe es zunächst Gesprächs- und Kontaktgruppen, die überwiegend von Betroffenen besucht werden. Es gibt Gruppen für Körper und Geist und schließlich kreative Gruppen, wie Malen, Töpfern und Musik. Schwerpunkte aber sind seit acht Jahren die sogenannten Themenabende. Das seien Vortragsreihen, zu denen Psychiater, Psychologen und Diplompädagogen geladen seien. Zum Beispiel ein Vortrag mit dem Thema: ‚Reisende zwischen den Welten – über Sterbebegleitung’, einmal hat sich die Krisenpension aus der Schöneberger Eberstraße vorgestellt.
Zum Schluss weist Heike noch auf die Bilder an den Wänden hin. „Du erinnerst du dich sicher noch an das Prinzip der wechselnden Ausstellungen. Da hattest du doch auch einmal deine Buchstabenbilder ausgestellt, wenn ich mich recht erinnere. Diese Ausstellung, die du dort siehst, hängt noch bis Ende des Jahres, dann geben wir einem anderen Künstler eine Chance.“
Ich verabschiede mich von Heike und setze mich wieder zu Marianne, sie legt ihr Buch sofort beiseite. „Du hast vorhin gesagt, du schreibst Tagebuch, schreibst du auch anderes?“, frage ich.
Marianne lacht wieder. „Steht das etwa auf meiner Nasenspitze geschrieben? Tatsächlich, ich schreibe auch anderes. Gedichte und so. Und einen Roman will ich schreiben. Über mein Leben. Hab schon 60 Seiten. Die liegen vorne am Tresen aus, für KommRumbesucher zum Nachlesen. Haben schon viele reingeguckt, glaub ich. Soll ich mal die Texte holen?“
„Ja, tu das. Lies zwei, drei Seiten vor.“ Sie hat sich angehört, was ich geschrieben habe, jetzt will ich hören, was sie geschrieben hat. Marianne kommt mit einem Hefter vom Tresen zurück. Sie liest über die Probleme, die sie als Kind und Jugendliche hatte. Es ist spannend und flüssig erzählt. Unmöglich, das alles hier wiederzugeben. Wer mehr davon lesen will, komme doch mal rum ins KommRum ...

KommRum, Schnakenburgstraße 4, 12159 Berlin, Tel: 851 90 25


2 Eine gute Alternative zu einem edlen British Club
Der Binger-Club in Wilmersdorf


Laut einer Legende, von der niemand weiß, wer sie in die Welt gesetzt hat, wollte ein Besucher einmal mit dem ganzen Club, der sich damals noch in der Binger Straße befand, den Bürgermeister der Stadt Bingen besuchen, aber letztendlich scheiterte alles am Euro. Dafür treffe ich gleich am Insidereingang in der Helmstedterstraße einen älteren Mann, die Zigarette lässig im Mundwinkel: „Haben Sie einen Euro?“
Ob er für die Reise sammelt? Vielleicht ist er der Vater der Legende.
Noch ist Frauengruppe. Wir Männer müssen draußen bleiben. Mit vier anderen sitze ich im Vorraum auf einer Bank. Wir kommen ins Gespräch. „Weißt du eigentlich, Herr Fallistel“, spricht mich Thomas an, den ich noch aus unser spaßigen Zeit im ÜWH kenne, dass die Binger Strasse, die uns den Namen gegeben hat, von Hildegard von Bingen herstammt. Ich hab mich aus Interesse da mal im Internet schlau gemacht. Willst du es hören?“
Ich nicke.
„Die Hilde war, so sieht es aus, eine von uns. Sie wurde 1089 geboren, kam als Kind in ein Nonnenkloster, wurde dort zur Seherin, Prophetin, Mystikerin, war Poetin und Musikerin und dazu noch Ärztin. 1147 gründete sie ein Kloster und opferte ihr Leben bis zu ihrem Tod 1179 den Armen und den Andersartigen. Sie erzählte von sich, dass sie eine Vision gehabt habe und einen Auftrag von Gott bekommen hätte.“
Thomas guckt mich schelmisch an. „Reicht das?“
„Weiter!“, protestiere ich.
„O.k. Hildegard von Bingen bekämpfte nicht nur die Symptome von seelischen Krankheiten, sondern erforschte auch deren Ursachen. Ursprünglich hieß im Griechische Gast –Xenos – der Fremde, Unbekannte, der Feind. Er drang in den Lebensraum der anderen ein und wurde gemieden, oft geächtet. Hildegards Verdienst war es, den Begriff der Gastfreundschaft als Element der Gesellschaft umzuwandeln. Sie sollte zur zwischenmenschlichen Hilfe werden als Form sozialer religiöser und sozialer Kontaktaufnahme, um der Lebensnot in dieser Welt Abhilfe zu schaffen. Als Schutz für Leben und Seele. Davon kriegt man bei uns in Deutschland nicht mehr viel mit, oder?“
„Na, dann man tau“, sage ich. „Mal sehe, ob euer Binger Club der Hildegard alle Ehre macht.“
Ich frage die anderen Männer im Vorraum: „Stört es Sie, dass sich die Frauen einmal in der Woche abgrenzen? Wünschen Sie sich auch eine Männergruppe?“
„Nein, das stört uns nicht im geringsten“, ist die einhellige Antwort.
Ich werde Zeuge, wie zwei Besucher, die sich flüchtig von den offenen Treffs der KBS kennen, im Begriff sind, sich anzufreunden. Sie wollen sich demnächst privat treffen. Thomas fragt Bernd: „Was isst du gerne? Marzipankuchen?“
„Ich esse kein Marzipan. Pfannkuchen wären mir lieber.“
Thomas beschreibt seine Wohnung und bemüht sich, sie mit einem DVD-Player und einem Flachbildschirm für Bernd attraktiver zu machen.
Die Frauengruppe ist beendet, Frau Deluxe, die Soziologin, empfängt mich herzlich. „Guten Tag, Herr Fallistel.“ Sie führt mich in einen großen Raum, in dem ein Tisch steht, um den mehrere Besucher in bequemen Sesseln sitzen. Sieht einladend aus. Ich erkenne Anne. Ich traf sie damals öfter. Sie lebte bei ihrer Mutter in Lankwitz. Einmal lud sie mich zu ihrem Geburtstag ein, ich brachte eine rosa Plastikblume mit, über die sich die Mutter beinahe mehr freute als die Tochter. Jetzt ist sie im Altersheim, die Mutter; die Tochter wohnt in einer therapeutischen Wohngemeinschaft für psychisch Kranke. Weiter will sie sich nicht äußern. Elisabeth, kurze blonde Haare, ist schon gesprächiger. Als ich sie frage, warum sie hier herkommt, sagt sie: „Das ist hier wie ein englischer Club. Man kennt alle Leute, kann reden und ist nicht so einsam in der Stadt. Hier hat man Gesellschaft, und zu Hause fällt einem die Decke auf den Kopf. Ich kenne ja nicht einmal meine Nachbarn.“
Elisabeth berichtet, wie bei ihr alles angefangen hat: Vor 20 Jahren arbeitete sie in Heidelberg beim wissenschaftlichen Springerverlag in einer Zeitschrift mit. Und genau zu dieser Zeit wurde sie geschieden. Ich frage, ob ihre Krankheit etwas mit der Scheidung oder mit Mobbing auf der Arbeit zu tun gehabt hätte.
„Nein, das war bei mir erblich. Haben mir jedenfalls die Ärzte gesagt.“
Machen es sich die Ärzte nicht etwas leicht mit dieser Erklärung, oder scheuen sie sich, nach den ‚biografischen Unfällen’, die eventuell psychische Krankheiten ausgelöst haben, zu suchen? Oder wollen sie keine Wunden bei den Patienten aufwühlen? Fragen, die ich mir bei Elisabeths Antwort stelle.
Ich möchte wissen, was das Besondere am Binger Club ist. Bernd meint, das sei mit Sicherheit die einmal im Monat stattfindende Tanzveranstaltung. Da ist jedes Mal der Bär los. Bis zu 50 Leute kommen und tanzen zu Schlagern aus den 50-er Jahren und Popsongs der 70-er. Silvester ist hier auch Himmel und Hölle los. Da ist der Binger Club proppenvoll. Bis zu 100 Personen kommen da und trinken Teebowle und Coca-Cola, um Mitternacht wird mit Kirsch-Bananensaft auf das neue Jahr angestoßen. Übrigens, der Binger Club sei, so glaubt Frau Deluxe, die einzige KBS in Berlin, in der Silvester von 19 Uhr bis nach Mitternacht durchgefeiert wird. Der harte Kern der Besucher ist um die fünfzig Jahre alt, erklärt mir Thomas, manche sind auch Ende zwanzig. Die Älteste ist 71.
Klamotten könne man hier, wie in vielen anderen KBSsen, auch waschen. Im Durchschnitt nehme pro Tag mindestens ein Besucher dieses Angebot in Anspruch. Einmal waschen kostet 50 Cent, inklusive Waschpulver. Frau Deluxe sagt, dass es den Binger Club seit jetzt genau 20 Jahren gibt. Er gehört zur ‚Pinel’-Gesellschaft, benannt nach dem französischen Arzt und Aufklärer Philippe Pinel, der mit seinen Thesen die verkrusteten und menschenverachtenden Strukturen der Psychiatrie im 18. Jahrhundert revolutionierte. Sein Schlagwort war: „Die Befreiung der ‚Irren’ von ihren Ketten.“ Ich muss an den Mozartfilm ‚Amadeus’ denken, wo Mozarts Widersacher in dieses grauenhafte Irrenhaus gesperrt wird.
Ich frage weiter nach den Zielrichtungen des Binger Clubs.
„Wir versuchen stets, unverständliche und scheinbar absurd wirkende, sogenannte schizophrene Äußerungen als wichtige Mitteilungen ernst zu nehmen“, erklärt Frau Deluxe. Sie seien nur begreifbar aus dem Hintergrund der persönlichen Lebensgeschichte und aktuellen Lebenssituation zu verstehen. Hinter diesen Äußerungen verbergen sich oft unterdrückte Ängste und Bedürfnisse. Und genau dies sei das Dilemma der sogenannten psychisch Kranken in der Öffentlichkeit. Weil niemand sie verstehen will, werden sie marginalisiert.“
„Psychisch krank“, sagt ein Vollbärtiger, „ist sowieso ein irreführender Begriff. Der Normalbürger denkt da sofort: Ein psychisch Kranker läuft mit Messern herum und attackiert Schäuble, nur, weil ein Psychopath es einmal geschafft hat, in die Schlagzeilen zu kommen. Ich versuche, gegen Schäuble anzuschreiben. Mit meinen Gedichten.“
Ich frage den Sozialarbeiter, Herrn Kierer, welche Motive er hatte, psychisch Kranken zu helfen. Er erzählt wie er in Niedersachsen nach der Bundeswehr einen spröden Beruf ergreifen wollte: In der Volkswirtschaftslehre. Das jedoch war nicht das Wahre für ihn – nach dem Studium entschloss er sich, psychisch Kranken mit seinen Möglichkeiten zur Seite zu stehen. Seitdem engagiert er sich mit großem persönlichen Einsatz. „Nur die Sache ist verloren, die man selbst aufgibt,“ zitiert er Lessing aus dem Flyer der Pinel-Gesellschaft.

Bedanken möchte ich mich bei all den KBS-Besuchern und -Besucherinnen, die sich bereit erklärten, oft spontan an meinen Befragungen teilzunehmen und so offen über sich und ihr Verhältnis zu den Treffpunkten Auskunft zu geben.

Dann möchte ich mich bei den Mitarbeitern und Leitern der Einrichtungen bedanken, dass sie mir gestattet haben, in ihren Räumen die Umfragen durchzuführen.

Einen herzlichen Dank auch an Frau Deluxe aus dem Binger Club für ihre ‚moralische’ und tatkräftige Unterstützung.

Ohne Sie alle wäre die Durchführung dieses Projekts niemals möglich geworden.
Danke!




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