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BrĂĽckenschlag Band 27, 2011

Rezensionen

Lucia Kooiman in: Deviant, Amsterdam (ĂĽbersetzt von Sibylle Prins):
BrĂĽcke zur Gesundheit
„Brückenschlag“ ist eine deutsche Zeitschrift für Sozialpsychiatrie, Kunst und Literatur. Sie erscheint einmal jährlich in einem schönen und attraktiven Buchformat. Die äußere Form passt gut zum Inhalt, der ein hohes Niveau hat. Ziel des Blattes ist nicht so sehr der Beitrag zum „Selbstmanagement“ oder zur Wellnesskultur, sondern ein erhellender und selbstbewusster Umgang mit psychischer Erkrankung als Teil der Lebensgeschichte. In jeder Ausgabe steht ein bestimmtes Thema im Mittelpunkt. Thema dieser Ausgabe (Band 27) ist „Gesund werden, gesund bleiben“.
In der Zeitschrift sind Essays, Erfahrungsberichte von Patienten und anderen Beteiligten, Gedichte, Kunstwerke, Geschichten und Buchbesprechungen abgedruckt. Insgesamt mehr als 60 Beiträge. Vor allem die Erfahrungsberichte gehen auf das Thema ein und sind ansprechend. Der Tenor der meisten Texte ist kritisch, aber positiv. Oft geht es darum, was jemand selbst unternommen hat, um sein (psychisches) Befinden zu verbessern. In den meisten Texten rücken die Psychiatrie-Erfahrenen dadurch mit viel Energie ins Blickfeld, das gibt dem Blatt seine positive Ausstrahlung. Das Deutsch ist gut lesbar, und die meisten Texte sind nur zwei oder drei Seiten lang, also ist allzu lange Konzentration nicht nötig. Nahezu alle Beiträge sind gut und durchdacht geschrieben, die Erfahrungsberichte gehen deutlich über „Tagebuchartiges“ hinaus. Die beschriebenen Erfahrungen können dadurch wirksam und motivierend auch für andere sein. Es werden zum Beispiel die Lebensgeschichten und die Rolle, die die Psychiatrie darin spielte, von verschiedenen Psychiatrie-Erfahrenen beschrieben. Gerade die Erkenntnis einer Krankheit kann zur Gesundheit beitragen. Und manchmal kann Autonomie dadurch gewonnen werden, dass man Hilfe akzeptiert, nicht nur von professionellen Helfern.
Ein Psychiatrie-Erfahrener beschreibt, wie wichtig es ist, „kühlen Kopf zu bewahren“ und eine Übereinstimmung von Innenwelt und Außenwelt anzustreben. Im Zusammenhang mit Chronizität schreibt jemand über die Bedeutung der Hoffnung, nicht nur beim Betroffenen, sondern auch beim Helfer. Schluss mit dem Gedanken „Ich handle für einen anderen, weil dieser das selbst nicht kann!“ Gleichzeitig beschäftigen sich viele Artikel mit der Rolle von Dritten, der sozialen Umgebung, die helfen kann, eine Zunahme von Symptomen oder Einweisungen zu verhindern.
Einer der Beiträge, der mich am meisten anspricht, ist ein Gespräch zwischen vier Frauen, die reden über Glück, gesund und nicht gesund sein, darüber, was ihnen geholfen hat, welche Hilfe sie sich wünschen, was sie im leben wollen. Glück ist für die eine: gute Freunde und ein Ziel im Leben, für die andere: mit Fähigkeiten und Begrenzungen umgehen können. Auch praktische Aspekte, wie eine Wohnung, in der man sich wohl fühlt, oder ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn werden genannt. So wird sehr deutlich gemacht, was Menschen brauchen, um auf eine gute Weise mit ihrer Erkrankung umgehen zu können. Die vier Gesprächspartnerinnen stimmen in einen Schlager aus den 80er-Jahren mit der Sängerin Gitte Haenning ein: „Ich will alles, ich will alles, und zwar sofort, eh' in mir der letzte Traum zu Staub verdorrt
Ich will alles, ich will alles, sperr mich nicht ein
ich will nie mehr zu früh zufrieden sein“
„Etwas“ wollen, was auch immer, bevor die Träume verdorren und nicht zu schnell zufrieden zu sein, ist sehr wichtig, wenn man seinen eigenen Weg durch die Psychiatrie finden will.
Obwohl in vielen Artikeln auch Tipps gegeben werden, kriegt die Zeitschrift niemals einen belehrenden Ton. Die Menschen schreiben differenziert darĂĽber, wie sie die Psychiatrie ĂĽberlebt und /oder gebraucht haben, damit sie gesĂĽnder wurden und blieben. Ferner machen die vielen Abbildungen, Geschichten und Gedichte diesen Band zu einer wunderbaren und abwechslungsreichen Sammlung, deren LektĂĽre ich genossen habe, vor allem wegen der Kraft und der positiven Einstellung, die daraus sprechen.

"BrĂĽckenschlag 27"-Autor Michael Augustin schrieb an die Redaktion:
„Das Heft ist angekommen und mit Staunen betrachtet worden! Eine editorische Leistung besonderer Art. Das Nebeneinander völlig unterschiedlicher Genres, das hier aber zum Miteinander wird. Ich bin glücklich, dabei zu sein. Richtig begeistert von den Bildern!“

Christian Zechert in: Dr. med. Mabuse:
Viel und gerne klagen wir über „krank werden – krank sein“, ungleich schwerer fällt es uns, über „gesund werden – gesund bleiben“ zu sprechen. Das Herausgeberteam Jürgen Blume, Fritz Bremer und Hartwig Hansen greifen dieses Phänomen im nunmehr 27. Band des Brückenschlages auf. Darin gelingt es jungen und etablierten AutorInnen mit und ohne Psychiatrie-Erfahrung, sich dem Thema zu nähern: in einem bunten Mix von Berichten, Aufsätzen, Erfahrungen, Stellungnahmen, Bildern, Collagen, Kurzgeschichten und Rezensionen. Das Besondere: die kulturelle Seite psychiatrischer Themen wird für Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und Professionelle in besonders guter Lesbarkeit vermittelt.

Andreas Manteufel (Bonn) in: systhema
„Endlich an die Arbeit gehen, meinem Leben einen Sinn geben …“ (Regina Schmick, S. 120).
Die jährlich erscheinenden Brückenschläge legen ein vielfältiges und kreatives Zeugnis von ganz persönlicher Sinnsuche im Kontext von Psychiatrie ab. Psychiatrie ist dabei keineswegs als Bezeichnung für ein bestimmtes medizinisches Fachgebiet gemeint, sondern als ein Kontext für die Auseinandersetzung mit schwerer seelischer Erschütterung. Im vorliegenden Band finden sich u.a. Analysen von Experten aus den Sozialwissenschaften über Gesundheitsideale und Gesundheitspolitik, persönliche Berichte über eigene Erfahrungen im klinischen „Psychiatriebetrieb“ oder Beschreibungen der Innenperspektive psychischer Erkrankungen von sog. Psychoseerfahrenen. Dann gibt es unter dem Titel „Hoffnung macht Sinn“ ein Plädoyer für eine selbstbewusste und selbsthelfende Kultur (Stichworte sind Selbsthilfe, Recovery und Empowerment) als Alternative zum passiven Patientenstatus. Es wird von den gesundheitlichen Ressourcen des Schreibens und Malens oder dem Einbezug des Theaterspielens in die Therapie erzählt. Aderhold beschreibt den Ansatz des „offenen Dialogs“ im Rahmen eines hierzulande noch immer wenig bekannten Behandlungsmodells für psychotische Krisen aus Finnland. Und letztlich sind neben kleinen Prosaarbeiten und Gedichten auch Bilder, Skulpturen und Zeichnungen in gewohnt, auch farblich guter Qualität reproduziert. In der Autorengruppe finde ich viele alte bekannte Brückenschlagmitarbeiter, aber auch zwei, die es vielleicht wären, stünde dem nicht der historische Lebenslauf der Dinge entgegen. Gemeint sind Voltaires Bonmot („Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.“) und Kurt Tucholskys satirische Rezepte gegen Grippe aus dem Jahre 1931: „Amerikaner pflegen sich bei Grippe Umschläge mit heißem Schwedenpunsch zu machen; Italiener halten den rechten Arm längere Zeit in gestreckter Richtung in die Höhe, Franzosen ignorieren die Grippe so, wie sie den Winter ignorieren, und die Wiener machen ein Feuilleton aus dem jeweiligen Krankheitsfall. Wir Deutsche aber behandeln die Sache methodisch: Wir legen uns erst ins Bett, bekommen dann die Grippe und stehen nur auf, wenn wir wirklich hohes Fieber haben: Dann müssen wir dringend in die Stadt, um etwas zu erledigen. Ein Telefon am Bett von weiblichen Patienten zieht den Krankheitsverlauf in die Länge.“ Brückenschlag ist mal traurig, mal fröhlich, mal ernst, mal lustig, in jedem Fall kurzweilig und ästhetisch. Eine wahrhaft sinnvolle Anschaffung.

Astrid Delcamp in: Soziale Psychiatrie:
Möglichkeiten schaffen, das Anders-Sein zu gestalten
"Während Krankenkassen bei der Auswertung ihrer Daten zu dem Ergebnis kommen, dass psychische Erkrankungen eine immer größere Rolle spielen, werden allzu oft naheliegende Möglichkeiten der Stärkung und Förderung psychischer Gesundheit nicht erkannt, nicht entwickelt oder geschwächt durch Sparmaßnahmen, durch Dokumentationszwänge, durch Methoden der Rationalisierung von Leistungen (Behandlung, Betreuung), durch Einengung von Handlungsspielräumen, durch Steuerung und vieles mehr … Nicht Selbstmanagement- und Wellness-Kultur ist unser Anliegen, sondern ein aufgeklärter und selbstbewusster Umgang mit psychischer Erkrankung als Teil der Lebensgeschichte." (Bremer, S.12)
Der Band 27 des "Brückenschlags" widmet sich verschiedenen Aspekten von Gesundheit und bietet auf der individuellen, der strukturellen sowie auf der künstlerischen Ebene viele Anregungen, sich mit einem Thema zu beschäftigen, das uns alle betrifft. Mit wissenschaftlichen Texten, persönlichen Erfahrungsberichten, vielen schönen Bildern und Gedichten gelingt es dem Team aus Neumünster trotz Kürzungen der Mittel auch dieses Jahr wieder, facettenreich und kurzweilig unterschiedliche Perspektiven darzustellen.
Im theoretischen Teil werden unter anderem die "Imperative der Gesundheitsgesellschaft" beleuchtet (Schiedeck/Stahlmann), das Gesundheitssystem kritisch hinterfragt (Baureithel), der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Arbeitssituation beschrieben (Morgenroth) und das finnische Modell der bedĂĽrfnisangepassten Behandlung vorgestellt (Aderhold).
Mit den Beiträgen zu Chronizität (Amering) und Recovery aus persönlicher Erfahrung (Behrendt) wird eine Brücke geschlagen zwischen Theorie und Praxis.
Die farbigen Abbildungen, u.a. mit den Titeln "Phantasie" (Gabi) und "Farbspiel" (Petra Blume), machen das Lesen auch zu einem optischen VergnĂĽgen.
Zahlreiche von psychischer Erkrankung betroffene Personen erzählen von ihren Erfahrungen, was sie wollen, was sie brauchen (Prins u.a.), der Zusammenhang zwischen künstlerischem Schaffen und psychischer Gesundheit wird untersucht (Mannsdorff).
Die Entstehungsphase dieses Bandes war geprägt durch politisches Engagement gegen die Kürzungen der "offenen Hilfen", die einen wichtigen Beitrag zu seelischer Gesundheit leisten. Deutlich wird schon in der Einleitung, dass Gesundheit eine soziale Konstruktion ist und immer auch als ein Bestandteil von Machtkonstellationen und gesellschaftlichen Zwängen zu betrachten ist. Für die Erkrankten ist sie von zentraler psychosozialer Bedeutung.
"Eine kritische Analyse … der Gesundheitsgesellschaft könnte zu dem Schluss führen, dass es zukünftig vielleicht nicht so sehr um Gesundheit zu gehen hat, sondern darum, repressive, entmündigende und diskriminierende Strukturen offenzulegen und die Möglichkeiten zu schaffen, das Anders-Sein gestalten zu können." (Schiedeck/Stahlmann, S. 21)
Dazu leistet dieses Buch einen wichtigen Beitrag. Vielen Dank! Schon jetzt freue ich mich auf den nächsten Band: "Mehr, mehr und immer mehr". Für die Arbeit daran viel Spaß, Mut, Kraft und Erfolg.


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