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Tagtraumzeit – Nachdenkzeit – Lächelzeit

Rezensionen

Svenja Bunt auf www.verrueckte-buecher.de :/
In ihrem neuesten Buch “Tagtraumzeit, Nachdenkzeit, Lächelzeit” veröffentlicht Sibylle Prins eine Sammlung kürzerer Texte und auch Gedichte rund um den ganz normalen Wahnsinn des Lebens mit einer psychischen Erkrankung.
Es sind sehr schöne Texte: klar, direkt, offen, in einer einfachen Sprache geschrieben – und vor allem sind die Texte klug. Mir sind insbesondere zwei Anmerkungen zur Psychiatrie im Gedächtnis geblieben.
Zum einen spricht Sibylle Prins von einer Infantilisierung, die die Psychiatrie betreibt. Das ist klug beobachtet. Gerade Menschen mit einer Psychose werden nicht wie Erwachsene behandelt in der Psychiatrie, weder im Krankenhaus noch im ambulanten Bereich. Da sollen Mandalas ausgemalt werden, da soll getrommelt oder ein Aschenbecher getöpfert werden, da werden Medikamente aufgedrängt, als wäre man ein trotziges Kind. Da spielt das Essen eine wichtige Rolle, da wird den Betroffenen nur ein Taschengeld ausgezahlt. Warum nur werden Menschen mit Psychosen so selten im Behandlungsalltag für voll genommen, wie Erwachsene behandelt? Da wird oft vergessen, dass auch Menschen mit Psychose in erster Linie für sich selbst verantwortlich sind – im Gegensatz zu einem kleinen Kind. Gut dass Sibylle Prins uns daran erinnert!
Zum anderen sind mir Sibylle Prins’ Recherchen unvergesslich zu der Frage, wer eigentlich chronisch psychisch krank sei. Tatsächlich ist ja vor allem im ambulanten Bereich gerne die Rede von den chronisch psychisch Kranken. Aber wer sind die eigentlich? Sibylle Prins hat sich auf die Suche gemacht und erstaunlicherweise weder unter Wohnheimbewohner noch in der Werkstatt für behinderte Menschen jemanden gefunden, der sich selbst als chronisch psychisch krank bezeichnet. Ganz offenkundig wird hier das Auseinanderklaffen der Perspektiven: Was für das Betreuungspersonal offenkundig scheint, passt nicht in das Selbstbild der Betroffenen. Warum also nicht einfach sagen: Es gibt gar keine chronisch psychisch Kranken, sondern nur Menschen, die phasenweise Hilfe brauchen, damit ihr Leben eine positive Entwicklung nimmt. Übrigens kommt diese Hilfe in der Praxis selten von den Betreuern.
Eine wunderschöne Sammlung nachdenklicher und kluger Texte für alle, deren Leben mit der Psychiatrie in Berührung gekommen ist.

Arnhild Köpcke in: Sozialpsychiatrische Informationen:
Sibylle Prins hat uns ein spannendes Lesekompendium überlassen. Ganz vielseitig und unglaublich informativ. Ihre Nachdenklichkeit bezieht sich auf viele psychiatrierelevante Themen und durchleuchtet mit ihrer eingestandenen Subjektivität die Verhältnisse in und um die Psychiatrie. Tagträume von dem, was anders werden kann und soll.
Nachdenkliche Kritik und humorvolle Einsprengsel bereichern die Lektüre. Ob es nun um Psychopharmaka geht, den Trialog, die Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener an der Forschung, stets ist sie klug und ausgewogen in ihren Reflexionen, die versuchen, mehrere Facetten des Wirklichen zu beleuchten.
Eingestreute Gedichte regen zum Nachdenken an, die Verbindung von Ernst und Humor gelingt meisterlich.
In vielerlei Hinsicht ist es ein sehr persönliches Buch, nicht frei von Traurigkeit und Furcht, doch ebenso Zeichen von Mut und Lebensfreude. Im Mittelpunkt ihres Interesses stehen dabei die Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung.
Deren Rechte sie einklagt, um deren Schicksal zu verbessern. Das Bedenken der Benachteiligten ist ihr ein Anliegen. Und sie schildert ihren Weg aus der Psychose heraus in ein erfülltes Leben, was vielen von uns Mut machen kann. Dabei ist sie durchaus bescheiden und weiß, dass es den »einen Weg« nicht gibt, und jeder auf andere Weise unterwegs ist. In ihren »Ratschlägen zum Unglücklichbleiben« hält sie uns Psychiatrie-Erfahrenen den Spiegel vor und rüttelt uns wach.
Ein Buch der Mitmenschlichkeit, das viele Leser und weite Verbreitung verdient.

Christine Theml in: Nicht ohne uns:
Sibylle Prins hat (wie immer beim Paranus-Verlag) ein neues Buch herausgegeben: „Tagtraumzeit Nachdenkzeit Lächelzeit“.
Das Lächeln wollte mir nicht so oft gelingen, zu sehr berührt mich schmerzlich, wie vieles beim Alten geblieben ist oder sich wieder dort hin entwickelt hat. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die psychiatrie-, schreib- und selbsthilfeerfahrene, auf sich achtgebende Autorin den Finger sehr professionell in die Wunden legt, sehr wirklichkeitserfahren. Indem ich mit dem Loben fortfahre, möchte ich noch ergänzen: Sibylle Prins ist im dialektischen Denken sehr geübt, immer beleuchtet sie beide Seiten der Medaille.
Auch gut kombiniert erscheint mir das Buch: die haften bleibenden Beobachtungen und Gedanken kommen am Schluss. Vielleicht weil sie ihr am wichtigsten sind. Vielleicht weil sie mir am wichtigsten scheinen, die es genauso umtreibt wie die Autorin, lange angemahnte Verbesserungen in der psychiatrischen Versorgung auch zu finden. Nachhaltig! Der Trialog, die Rolle der Psychiatrieerfahrenen in der Forschung, die Bedeutung einer Psychose für den Betroffenen.
Zu Letzterem lese ich auf Seite 187: „Die Auseinandersetzung mit den Psychosen hat mich mit vielen Bereichen in Berührung gebracht, die ich sonst niemals kennengelernt hätte. Außerdem habe ich dadurch sehr viele andere, interessante und mich interessierende Menschen kennengelernt.“
Da ist eine Betroffene weit fortgeschritten, denn die eigenen Lebenserfahrungen aus Psychiatrieerfahrung heraus erweitert zu wissen, das ist eine große Leistung. Die begegnet mir in Sibylle Prins’ Buch auf Schritt und Tritt.
Das Verführerische an Psychosen entlarvt sie als simpel. Diese einfachen Zusammenhänge, die in der Psychose so einleuchtend erscheinen, dass der Erkrankte unbeeinflussbar daran festhält, offenbaren sich danach als banal, der komplizierten Wirklichkeit nicht mehr entsprechend (S. 184 f).
Die Gewissheit der Möglichkeit der Genesung hält sie nicht für eine Utopie (S. 137). Ihr eigener Fortschritt in ihrer Persönlichkeitsentwicklung hindert sie nicht daran, solche Missstände, Unachtsamkeiten, Gleichgültigkeiten und mangelnde Fachlichkeiten im psychiatrischen Feld und Umfeld aufzudecken, die sie selbst nicht mehr tangieren. Ihr Engagement in der Selbsthilfebewegung bringt das mit sich.
Daraus ist ja auch ihr Schreiben entstanden, in dem sie all das kaum Sagbare, oft nur Gefühlte immer wieder auf den Punkt bringt: „Man sollte einen Psychiatrie-Erfahrenen nicht als eine ganz andere Sorte Mensch, eine andere Spezies, vergleichbar irgendeiner eigentlich nichtmenschlichen Mutation oder einem Alien ansehen und behandeln.“ (S. 37)
„Von psychiatrischen Zeitvorstellungen, die meinem eigenen Tempo nicht entsprechen, fühlte ich mich häufig unter Druck gesetzt.“ (S. 86) Auch in der Psychiatrie dominiert das Geld.
Sibylle zählt auch die vergessenen Themen in der Psychiatrie auf: Liebe und Sexualität, politische Erfahrungen, naturheilkundliche Möglichkeiten. – „Wie viele psychische Krisen werden ausgelöst durch Beziehungskrisen oder durch unglückliche, vielleicht auch nur ‚eingebildete’ Verliebtheiten – die Antwort besteht aus Medikamentengaben...“ (S. 189)
Die Nachdenkzeit überwiegt. Sie steckt an. So vieles müsste anders sein, wenn das Ziel Gesundung wäre. Ich freue mich schon auf Sibylle Prins’ nächstes Buch. Aber Obacht, Druck möchte ich nicht auf sie ausüben. Eher danke sagen.

sozial des Paritätischen Schleswig-Holstein:
Glossen, Texte zum Nachdenken, Tagträume - Sibylle Prins' Buch lädt zum Blättern und Stöbern ein. Die Autorin ist - laut Selbstauskunft - "Stubenhockerin und Expertin im Sofaliegen", darüber hinaus aber äußerst produktiv: Seit 2000 schreibt die studierte Sonderschulpädagogin und spätere Industriekauffrau Bücher, Artikel und Geschichten, mit Schwerpunkt auf den Themen Psychiatrieerfahrung und Psychose.

Hilde Schädle-Deininger in: Praxiswissen Psychosozial:
Bevormundung ist ein Phänomen, das die Autorin nicht mag. Scharfzüngig und humorvoll beschreibt sie Menschen, die ihr im Zusammenhang mit der Psychiatrie begegnet sind und immer wieder begegnen.
Eine Leseprobe aus dem Kapitel „Bezugspflege?“ zeigt mehr, als eine Zusammenfassung zustande bringen kann. „Von Pflegemitarbeitern wird mir häufig gesagt, dass die Beziehung den wesentlichsten Teil ihrer Arbeit ausmachten. Ich höre Schlagworte wie ,Arbeitsbündnis mit dem Patienten‘, stolz wird auf die Bezugspflege verwiesen, etc. Bei den ,Verbündeten‘, den Patientinnen und Patienten, hingegen scheint dieser Aspekt oft nicht oder ganz anders anzukommen. Ich habe nur einen einzigen Psychiatrie-Erfahrenen kennengelernt, der ohne Umschweife von sich sagen würde: ,Wenn ich in die Klinik gehe, gehe ich da ein Arbeitsbündnis mit den Mitarbeitern ein.‘ Viele Psychiatrie-Erfahrene nehmen die Pflegemitarbeiter anders wahr, im Vordergrund stehen eher deren ordnende und kontrollierende, weniger ihre Verhandlungs- und Unterstützungsfunktionen. Es wird viel davon gesprochen, dass Bezugspflege im Stationsalltag implementiert und organisiert werde. Aus welchen undefinierbaren Gründen kommt es jedoch vor, dass dem Patienten trotzdem keine Bezugspflegekraft zugewiesen wird, er/sie überhaupt nicht erfährt, wer der Ansprechpartner ist, oder man als Patient das Gefühl hat, die Bezugspflegekraft sei zwar zugewiesen, trete jedoch gar nicht in erwarteter Weise in Erscheinung bzw. in Aktion?“
Die vorliegenden Texte sind vielgestaltig und zeigen die unterschiedlichen Facetten zum Nachdenken, Träumen und Schmunzeln auf, die aus dem Erleben im psychosozialen Kontext zu Papier gebracht wurden. Auf sich wirken lassen und mit Genuss lesen ist wohl das Beste!


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