Suche:     

Tyrannei des Gelingens

Rezensionen

Ulrike Bauer in: Die Paritätische 3/2016:
Nicht neu, aber immer noch aktuell ist das Buch „Tyrannei des Gelingens – Plädoyer gegen marktkonformes Einheitsdenken in sozialen Arbeitfeldern“ von Renate Schernus und Fritz Bremer.
Eine Schrift, die vor allem im Zusammenhang mit der Wertedebatte des Paritätischen hier vorgestellt werden soll.
Die Autoren, die Psychotherapeutin Renate Schernus und der Diplompädagoge Fritz Bremer, waren 2004 als Aktive der Soltauer Initiative Mitinitiatoren der „Soltauer Impulse zu Sozialpolitik und Ethik“. Die Soltauer Initiative ist ein Zusammenschlusses von Beschäftigten in der sozialen Arbeit, zunächst vornehmlich aus der Psychiatrie.
In „Tyrannei des Gelingens“ greifen Schernus und Bremer die Soltauer Analysen zu Ethik, Fachlichkeit und zunehmender Ökonomisierung der Arbeit im Sozial- und Gesundheitswesen auf. Sie beschäftigen sich kritisch mit der Ökonomisierung der Arbeit mit (psychisch) kranken und behinderten Menschen und zeigen, wie mit neuen Entwicklungen in den Bereichen Qualitätsmanagement und Dokumentation im Sozial- und Gesundheitswesen zentrale Werte sozialer Arbeit verloren zu gehen drohen: Für Individualität und menschliche Zuwendung blieben immer weniger Raum und Zeit.
Grundrechtsansprüche würden in marktförmige Tauschverhältnise transformiert, indem kranke und behinderte Menschen, euphemistisch als „Kunden“ bezeichnet, zu Partnern des Sozialstaats
hochstilisiert würden, die miteinander Vereinbarungen auf gleicher Augenhöhe träfen. „Der Bürger, der Hilfe sucht und Rechte hat, ist schwerer abzuweisen, als ein Kunde, dem ein bestimmtes Dienstleistungsprodukt nicht angeboten werden kann“, schreibt Fritz Bremer „Das ist die Strategie der Umdeutung und Neudefinition“.
In einer zunehmend neoliberal geprägten Gesellschaft, in der im Übermaß Fitness, Leitung, Mobilität und Konsum gehuldigt werde, bleibe es nicht aus, dass kranke und behinderte Menschen zunehmend als Zumutung empfunden würden. Das Soziale werde mehr und mehr verdrängt, das Ökonomische zum Feind des Menschen.
„Beschädige ich den Sozialstaat, beschädige ich auch die Bürgergesellschaft“, mahnt Renate Schernus.
Sie und Fritz Bremer machen klar: Die derzeit verschobenen Prioritäten, die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, sind nichts Schicksalhaftes und müssen demzufolge auch nicht einfach hingenommen werden. Fritz Bremers Appell an die Berufskolleginnen und -kollegen: „Die Lage sollte uns anregen, unsere Arbeit erneut und intensiv politisch zu begreifen.“

Peter Frömmig in: KulturJoker, Freiburg:
Mit seiner aktuellen Publikation hat der Paranus Verlag aus Neumünster wieder einmal den Nerv der Zeit empfindlich getroffen. Es ist eine weitere aufklärerische Streitschrift mit Aufruf zum Widerspruch, zum zivilen Ungehorsam, wo das Schweigen einer Zustimmung, dem Verrat an Humanem gleichkommt.

Jürg Gassmann in: pro mente sana aktuell:
Die Lektüre ist ein Muss für alle, die nicht widerspruchslos hinnehmen wollen, dass die Wirkkräfte einer "Tyrannei des Gelingens" die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer spalten.

Sabine Peters in: Freitag:
Aus langjährigen Arbeitserfahrungen, die Schernus und Bremer gesammelt haben, problematisieren sie den schleichenden und dabei hartnäckigen Mentalitätswandel im Gesundheits- und Sozialwesen: Wenn der Mensch der Wirtschaft weder durch Arbeit noch durch Konsum dienen kann, gerät er in ein Niemandsland. Bremer und Schernus bündeln empörende Realitäten und kommen daraus zu der alten immer neuen Frage: Hat der Mensch eine Würde oder allenfalls einen Wert? "Wert" bemisst sich am Geld; da geht es also darum, was ein Kranker "die Gesellschaft" kostet. Daher die zunehmende Standardisierung von "Leistungen" im sozialen Bereich, bei der übersehen wird, dass Menschen nicht nach Gebrauchsanweisungen funktionieren. Patienten, die euphemistisch als "Kunden" bezeichnet werden, bekommen ein bestimmtes Dienstleistungspaket "angeboten" oder eben nicht. (...)
Schernus und Bremer setzen den allgegegnwärtigen Glücksverheißungen- und Forderungen, die das gute Leben am Erfolg messen, etwas anderes entgegen: Sie erinnern an das Recht auf Unvollkommenheit.

Andreas Manteufel in: systhema:
Schernus und Bremer haben ein bestechend genaues Gehör für die Floskeln und Schönfärbereien der Marketing(Qualitäts-)Rhetorik im heutigen Gesundheitswesen. Sie formulieren sachlich und ruhig, aber ebenso klar kritisch. Alle Gefahren des ökonomischen Denkens und Redens im Gesundheitswesen decken sie auf und ermutigen ihre Leser dazu, sich nicht einfach anzupassen.
(...) Wir sollten es uns von ihnen nur nicht abnehmen lassen, solche Dinge dort, wo wir arbeiten, auch selbst auszusprechen. Dazu zu ermutigen, liegt den Autoren wohl am meisten am Herzen.

Marlene Weiterschan in: Gemeindenahe Psychiatrie:
"Tyrannei des Gelingens" ist dank vieler Beispiele anschaulich und durch eine klare und elegante Sprache nicht nur für Insider leicht lesbar. Schernus und Bremer sind wache und genaue BeobachterInnen der schleichenden Veränderungen um uns. Durch den weiten Blickwinkel werden vielfältige Zusammenhänge sichtbar und verstehbar. Das Buch wird allen Freude bereiten, die gern über den Tellerrand blicken, ihre Arbeit selbstkritisch reflektieren und den neoliberalen Zumutungen handelnd begegnen wollen.

Christine Theml in: Nicht ohne uns:
Ich hoffe, dass das Buch eine große Verbreitung findet. Es schärft den Blick für unsere Gegenwart und hilft einem heraus aus der Hilflosigkeit, die die öffentliche Diskussion über die Einschnitte ins Sozialsystem erzeugt.

Ursula Talke in: Soziale Psychiatrie:
Ein Buch, das betroffen macht, das gar nicht genug gelesen werden kann, das besticht durch seine ehrliche Hilflosigkeit und durch den Umstand, dass es wohl Anregungen, aber keine Patentrezepte vermittelt für die Missstände, die es anprangert. Und: Es ist eben nicht, wie auch erwähnt wird, der „Tyrannei des Gelingens“ erlegen – und gerade dadurch möglich geworden.
Die Tyrannei des Gelingens – wie man zwei so entgegengesetzte, unterschiedlich besetzte Begriffe in einen Buchtitel bekommt, mag zunächst als Rätsel erscheinen. Wenn man sich dann aber auf die Lektüre einlässt, wird verständlich, was damit gemeint ist.
Das Buch ist in drei größere Abschnitte eingeteilt: „Raum und Zeit für Menschen – Sozialzeit statt Bürozeit“ steht über dem ersten Drittel. Hier geht es vorwiegend um die „konkrete Arbeit mit Menschen, so wie sie sich heute zwischen Markt und Bürokratie bewegt“, wie es im Vorwort heißt. Fritz Bremer stellt im ersten Aufsatz die Frage, ob man auf Umwegen besser zum Ziel komme, und prangert die Ökonomisierung der Arbeit mit (psychisch) kranken und behinderten Menschen an.
Dann will Renate Schernus wissen, „wie viel Qualitätsmanagement denn der Mensch verträgt“, unterscheidet zwischen dem ökonomischen und dem philosophisch-anthropologischen Qualitätsbegriff und kommt zu dem Schluss, dass sich wirkliche Qualität der sozialen Arbeit weniger aus der Messung mit standardisierten Instrumenten feststellen lässt denn aus einer Grundhaltung in der Beziehungsarbeit ergibt. Weiter fragt sie, ob denn Dokumentation die Qualität der Arbeit im Sozial- und Gesundheitswesen sichert und schlägt "Skepsis als vorläufige Zwischenlösung" vor. Dann thematisiert sie Beziehungsgestaltung am Beispiel psychiatrischer Arbeit unter ethischen Aspekten, die sie an einigen Fallbeispielen anschaulich schildert.
Das zweite Drittel des Buches steht unter dem Motto: "Einseitige Menschenbilder - irreführendes Denken – fragwürdiges Handeln". Bezüglich der Frage "Lohnt sich das noch?", gemünzt auf die Arbeit mit schwer beeinträchtigten und dementen alten Menschen, geht Renate Schernus davon aus, dass "sich auch im Jahre 2007 manches lohnt, was sich keineswegs löhnt": "Die aus der Wirtschaft übernommene Manie, Hilfen als Produkte zu definieren, sie als Module und Leistungspakete zu berechnen und das Ganze dann in fantasietötender Weise zeitaufwendigen Qualitätsmanagements zu unterwerfen, müsste ersetzt werden durch Konzepte, die neben der notwendigen Assistenz und Begleitung auch das Umfeld, die Kontaktstiftung in kleineren, überschaubaren Räumen in den Blick nehmen." Zu befürchten sei durch den gegenwärtigen Kostendruck auf die Sozialsysteme ein Stopp der integrativen, auf Teilhabe gerichteten Impulse und eine Zementierung der institutionalisierten und ausgrenzenden Form der Fürsorge.
Ein wahrer Lesegenuss ist das Kapitel des Titelthemas, wo der "Tyrannei des Gelingens" die "Ermutigung zur glücklichen Unvollkommenheit" gegenübergestellt wird. Akribisch geht Schernus der Urbedeutung der Wörter "gelingen" und "glücken" nach, bringt einige biografische Beispiele, wie das von Helen Keller, jenem blinden, taubstummen Mädchen, dem durch die Hilfe ihrer Lehrerin "jenseits vorgeformter Normen hinsichtlich perfekter Gesundheit das Leben selber gelang", und von Theodor Fontane, der sich sein Schreib-Glück um den Preis gesellschaftlicher Anfechtungen erkämpft und seine wirtschaftliche Sicherheit für seine innere Freiheit hergegeben hat. Auch hinterfragt sie kritisch den Wert der Erwerbsarbeit, plädiert für das bedingungslose Grundeinkommen und für Bürgerarbeit und erfrischt den Leser last, not least mit Hinweisen und Internetadressen für die "glücklichen Arbeitslosen" oder einen Verein namens "Otium".
"Soziale Kultur statt Marktkonformität – Not macht erfinderisch, aber nicht alles mit" ist der dritte Buchabschnitt übertitelt. In "Wiederkehr der Machtfrage?" macht sich Fritz Bremer "fragmentarische Gedanken zur Ökonomisierung des Sozialen und zur schleichenden Herstellung des Ausnahmezustandes". Nachdem er jede Menge Missstände angeprangert hat, macht er auch konkrete Verbesserungsvorschläge: gegenseitige Unterstützung dabei, die derzeitige Entwicklung besser zu verstehen, als Schutz vor "vernachlässigender Arbeit" Bündnisse miteinander schließen, die Konkurrenz vermeiden und gegenseitiges Lernen ermöglichen sollen. Frei nach dem Motto "Wacht auf und lasst Euch nichts gefallen" regt er die politische Organisation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Vereinen und Einrichtungen an, um Erfahrungen über die Region hinaus auszutauschen, Diskussionen zu bündeln, zu bereichern, Strategien zu entwickeln, Forderungen öffentlich hörbar zu machen.
Renate Schernus sucht mit "Reformkonzepten im Sog veränderter Kontexte" nach einer neuen Balance, wobei sie von ihrer Arbeit im Gemeindepsychiatrischen Verbund berichtet und von den unterschiedlichen Zielstellungen. Dabei wird klar, dass sich soziale Arbeit an sich nicht mit marktwirtschaftlichen Prinzipien verbinden lässt, es aber grade das ist, was von verschiedenen Seiten angestrebt wird.
In einem der letzten Kapitel schreibt Fritz Bremer über Gemeinwesenarbeit und Gemeinwohlorientierung statt Ausgrenzung und Vernachlässigung, während Renate Schernus unter der Überschrift "Kiesel für Davids Schleuder" aus dem Nähkästchen plaudert und erzählt, wie es zu den "Soltauer Impulsen" kam.
Im Anhang findet sich ein kurzes Zitat zur T4-Aktion von 1940/41 aus „Die Ermordung Geisteskranker in Polen 1939 – 1945“, herausgegeben von Zdzislaw Jaroszewski und vertrieben vom Paranus Verlag, der Aufsatz "Ver-rückte Ethik" von Bremer aus dem 1997 veröffentlichten Buch "Ökonomie ohne Menschen?" und schlussendlich die "Soltauer Impulse" im Wortlaut.
Ein Buch, das betroffen macht, das gar nicht genug gelesen werden kann, das besticht durch seine ehrliche Hilflosigkeit und durch den Umstand, dass es wohl Anregungen, aber keine Patentrezepte vermittelt für die Missstände, die es anprangert. Und: Es ist eben nicht, wie auch erwähnt wird, der "Tyrannei des Gelingens" erlegen - und gerade dadurch möglich geworden.
Herzlichen Glückwunsch!

Klaus Weise in den Sozialpsychiatrischen Informationen:
Die beiden Initiatoren der Soltauer Impulse haben in diesem Buch 12 ihrer Aufsätze zusammengefasst, die sehr präzis, konzentriert und verständlich die in den Impulsen aufgeworfenen Probleme erweitern und vertiefen. Es ist für mich eine der wichtigsten Veröffentlichungen der letzten Jahre und eine gelungene Fortführung der Debatte in der „Sozialen Psychiatrie“. Der Titel „Tyrannei des Gelingens“ stellt in den Mittelpunkt die in unserer Zeit herrschenden verzerrten Vorstellungen von gelingendem Leben. Aus dem Streben nach einem glücklichen Leben in Würde und in Einklang mit dem Selbst wird die Jagd nach Leistung, Erfolg, Reichtum und Karriere. Die Folgen dieses Menschenbilds für die Professionellen und ihre Arbeit werden ebenso behandelt wie die Auswirkungen für die Betroffenen und für den Behandlungsprozess. Deutlich wird dabei, dass dahinter der Totalitarismus des Markts steht, eine Wirtschaftsordnung, die alles, auch die Gesundheitsfürsorge dem Profit unterordnet. Ich finde, „Tyrannei der Ökonomie“ würde den Inhalt besser treffen. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich dieses Buch zur Pflichtlektüre für alle in der Psychiatrie Tätigen erklären. Noch wichtiger wäre das für Politiker und Ökonomen im Gesundheitswesen, die wohl in der Regel nicht wissen, was sie mit der Vermarktlichung der Medizin tun.
Teil 1 „Raum und Zeit für Menschen – Sozialzeit statt Bürozeit“ zeigt die verhängnisvollen Folgen der Ökonomisierung und ihrer Mechanismen, vor allem der modernen Formen des Qualitätsmanagements für den Umgang mit Kranken und Behinderten. Wesentlich sind die Umdefinition hilfs- und zuwendungsbedürftiger Menschen in autonome Käufer und Konsumenten, die mit Recht als zynisch charakterisiert wird, die Verfremdung einer verständnisvollen menschlichen Beziehung. Es wird gezeigt, dass es dieser übergreifende Prozess ist, der aus an sich nützlichen instrumentellen Techniken wie Methoden der Qualitätssicherung, der Steuerung des Behandlungsprozesses, dem personzentrierten Zugang, dem IBRP oder Hilfeplankonferenzen technokratische Interventionen, zweckrationales Handeln macht. Damit werden Kranksein und Behinderung vor allem kontrolliert und verwaltet im Hinblick auf ökonomische Effizienz. Folge ist auch ein asymmetrisches Macht- und Herrschaftsverhältnis, das Empowerment und Selbsthilfe blockiert.
Was am dringendsten gebraucht und in Umfragen von Betroffenen am meisten gefordert wird, menschliche Begleitung, emotionale Zuwendung, das Gespräch, authentische menschliche Beziehungen, die Kultur der Begegnung gehen verloren. Die anthropologische Perspektive, die ganze Wirklichkeit der Betroffenen verschwinden hinter einer formalisierten, bürokratischen Sprache, einer„qualitätsgemanagten, PC-gestützten Überwirklichkeit“.
Teil 2 „ Einseitige Menschenbilder- irreführendes Denken – fragwürdiges Handeln“ legt den Schwerpunkt auf die anthropologische Perspektive und ihre Entstellungen im Zuge der Ökonomisierung, der Herrschaft von Wettbewerb und Konkurrenz in der Gesellschaft, die sich in Medizin und Psychiatrie fortsetzen. Folgen für den Umgang mit den Betroffenen sind Entwertung und Stigmatisierung gegenüber den Leistungsstarken, Erfolgreichen, der Verlust von Individualität und Würde. Aus lebendigen, leidenden Menschen werden objektivierbare Faktoren, die vor allem unter Nützlichkeitsaspekten, nach ihrem Marktwert behandelt werden. Diese Zusammenhänge werden am Beispiel verschiedener Problembereiche diskutiert:
– Verwandlung betroffener Menschen in Kunden,
– Defizite in der Behandlung und Pflege alter Menschen,
– Fragen von künstlicher Befruchtung, pränataler Diagnostik und Forschung an embryonalen Stammzellen u.a. .
Es ergibt sich die Konsequenz, dass Abstufungen der Menschenwürde nach dem Entwicklungsstand ( Embryonalphase, Alter ) oder in Abhängigkeit von bestimmten Eigenschaften, d. h. eine bedingte Menschenwürde nicht akzeptabel ist.
In Teil 3 „Soziale Kultur statt Marktkonformität – Not macht erfinderisch, aber nicht alles mit“ geht es um den Zusammenhang zwischen der Zerstörung der sozialen und menschlichen Kultur im Umgang mit Kranken und Behinderten und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, mit Neoliberalismus, shareholder value Kapitalismus, marktwirtschaftlicher Durchdringung des Gesundheitswesens und Sozialabbau. Das Soziale als bestimmendes Element wird zunehmend verdrängt. Solidarität, Vertrauen, Empathie und Kooperativität schwinden. Es entstehen neue Formen von Kontrolle und Ausgrenzung durch eine verfremdende technokratische Sprache und Ausschließung von gesellschaftlicher Teilhabe, durch Verwehrung von Hilfen, der Betroffene als „ ambulanter Insasse“ (F. Bremer). Hier sei mir eine Ergänzung gestattet, mit der ich für die Autoren Eulen nach Athen trage. Das Buch könnte den Eindruck erwecken, als bedeute die Ökonomisierung mit ihren zerstörerischen Folgen den Einbruch in eine anthropologisch und sozial orientierte Psychiatrie. Das gibt es sicher insular. In der Breite der Versorgungslandschaft aber führte schon die naturwissenschaftliche Psychiatrie von Anbeginn zur Verfremdung und Instrumentalisierung seelischer Störungen und psychosozialer Hilfen, zu Entindividualisierung und psychosozialer Ausgrenzung. Das betrifft auch die Gemeindepsychiatrie. Vor allem ist es die strikte Orientierung auf die psychiatrischen Klassifikationssysteme, die das Bild und den Umgang mit dem psychisch Kranken prägt, obwohl sie für die in der Gemeindepsychiatrie wesentlichen Aspekte keine Relevanz haben. In die gleiche Richtung wirkt die Dominanz verhaltenstherapeutischer Interventionen. Naturwissenschaftliche Psychiatrie und Ökonomisierung gehen eine ungute Liaison ein, verstärken sich in ihrer verdinglichenden und antiemanzipatorischen Wirkung. Hinzu gekommen ist der rigorose Zwang zur Einsparung, der in den Jahren der Psychiatriereform nach der Enquete Erreichtes bedroht. Bemühungen um eine humane Psychiatrie sollten beide Aspekte, Ökonomisierung und Medikalisierung berücksichtigen. Behandelt werden auch Möglichkeiten des Widerstands gegen die destruktive Bewertung des Menschen und psychosozialer Hilfen nach ökonomischen Maßstäben. Gedanken dazu finden sich nicht nur, aber vor allem in einem Aufsatz von R. Schernus „Kiesel für Davids Schleuder“. Im Vergleich zu der differenzierten und komplexen Analyse der Situation der Psychiatrie wirken diese Aspekte etwas schmalbrüstig. Das liegt natürlich nicht an den Autoren, sondern spiegelt die Realität der Psychiatrie und ihrer gesellschaftlichen Situation wieder. Die Kräfteverhältnisse sind sehr asymmetrisch. Auf der einen Seite die Macht des globalisierten Kapitalismus, der großen Banken und Konzerne, der neoliberale Zeitgeist, die hinter der Dominanz des Marktes stehen, auf der anderen Seite Professionelle und Betroffene der Psychiatrie. Sie haben wohl weniger Chancen als David gegen Goliath. Natürlich ist das kein Grund zu Passivität oder Resignation. Auf den unteren Ebenen gibt es immer, wenn auch begrenzte Möglichkeiten, die marktwirtschaftliche Kolonisierung der Lebenswelt, die Vereinnahmung psychiatrischen Handelns als technische, kommerzielle Dienstleistung abzuwehren. Genannt werden politische Arbeit, eine anthropologische und lebensweltliche Perspektive und, am wichtigsten, Kooperation und Solidarität der Professionellen untereinander, mit Betroffenen, Angehörigen und ihren Vereinigungen, mit Bürgerschaftshilfen und den Kommunen. Damit ist der Dominanz von Konkurrenz und Wettbewerb zu begegnen, die unter der Flagge von Freiheit und Individualisierung (auch bezogen auf Institutionen) zur Vereinzelung und zur Ohnmacht gegenüber den sozialen Verhältnissen und der marktwirtschaftlichen Orientierung führen. Grundsätzliche Veränderungen der Situation psychisch Kranker und Behinderter und ihrer Behandlung werden aber im Rahmen der bestehenden Wirtschaftsordnung nicht zu haben sein. Voraussetzung für erfolgreichen Widerstand ist das Verständnis für die Zusammenhänge von gesellschaftlicher Entwicklung, Ökonomisierung auf der einen, und der Denk- und Handlungsmuster, der Lage der in der Psychiatrie Tätigen und ihrer Klienten auf der anderen Seite. Dafür ist das Buch eine unschätzbare Hilfe.

Daniela Schreyer in: Kontakt, Zeitschrift des HPE-Angehörigenverband Österreich:
"Kiesel für Davids Schleuder" so wie die Soltauer Impulse bräuchte es auch in Österreich, dieses Buch könnte dafür ein Wegbereiter sein.


zurück  zurück