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Ende der Veranstaltung (Neuausgabe)

Rezensionen

Klaus Weise in den „Sozialpsychiatrischen Informationen“:
»Ende der Veranstaltung« ist eines der wichtigsten BĂŒcher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Es ist ein sehr notwendiges Buch.

Beatrix Brunelle in der „Psychosozialen Umschau“:
Ein Buch voll spannender und zum Teil revolutionĂ€rer Ideen, das viele Mauern niederreißt, nicht nur die Klinikmauern fĂŒr die Langzeitpatienten in GĂŒtersloh.

Michael Emmrich in der „Frankfurter Rundschau“
Allein in GĂŒtersloh, mit einem Einzugsbereich von einer Million Menschen, konnten jedes Jahr 15 Millionen Mark Steuergelder gespart werden.

Hartwig Hansen im „BrĂŒckenschlag“:
„Soll also zukĂŒnftig keine/r mehr behaupten, »es ginge nicht«“.

Ursula Plog in Dr. med. Mabuse:
Dieses Buch ist ein außerordentlich wichtiges Buch! Es erzĂ€hlt eine wahre Geschichte, die es so nie wieder geben wird, es dokumentiert Erfahrungen, die, wenn man so will, Epoche machen und historisch sind. Es erzĂ€hlt vom Ende der Ver-Anstaltung psychisch Kranker und vom Anfang einer Psychiatrie fĂŒr chronisch psychisch kranke Menschen. Es dokumentiert 15 Jahre Arbeit der De-Institutionalisierung der psychisch Kranken, die vorher als sogenannte Langzeitkranke im Landeskrankenhaus GĂŒtersloh gelebt haben.
Um Rechenschaft ablegen zu können, hat eine Gruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, zu der auch alle Autoren des Buches gehören - und einige mehr, sieben Jahre zusammengearbeitet, Daten gesammelt und ausgewertet, Katamnesen durchgefĂŒhrt. Die Ergebnisse der Untersuchung legen zwingend nahe, dass kein chronisch psychisch Kranker dauerhaft in einer Institution (Klinik oder Heim) leben muss.
435 chronisch psychisch kranke Menschen sind in dem Zeitraum von 1981 bis 1996 aus der Langzeitbehandlung des Landeskrankenhauses GĂŒtersloh entlassen worden. Davon sind 70 bis 80 Prozent in eine normale Wohnung mit und ohne Betreuung gezogen und haben eine Arbeitsmöglichkeit gefunden. Die anderen sind in Heime gezogen, möglicherweise, weil die Gruppe der De-Institutionalisierer anfangs unerfahren und zu Ă€ngstlich war, oder weil es in den von GĂŒtersloh weiter abgelegenen Gemeinden keine gefĂŒgte gemeindepsychiatrische Infrastruktur die finanzielle Möglichkeit des dezentralen Kleinstheims entdeckt hat. Die Gruppe ist jetzt ĂŒberzeugt, dass auch die Menschen, die ins Heim gezogen sind, auch ziehen wollten, und dies nicht hĂ€tten tun mĂŒssen, wenn die drei genannten Faktoren hĂ€tten berĂŒcksichtigt werden können.
Zwei grundlegende Voraussetzungen fĂŒr die geleistete Arbeit werden genannt: die eine ist das Hören-Können, auch das Zuhören, die zweite ist das Zeit haben und das Zeit geben. Klaus Dörner nennt das Buch behutsam eine Hörhilfe fĂŒr andere Profis, die von dem Buch lernen wollen. Durch das Hören, das Zuhören, hat die Gruppe gelernt, die WĂŒnsche und BedĂŒrfnisse der Menschen wahrzunehmen, die so lange (lĂ€ngstens ĂŒber 70 Jahre) in der Anstalt lebten, also veranstaltet waren. Zum Zuhören und vor allem zum Gewinnen von GlaubwĂŒrdigkeit gehört Zeithaben. Klaus Dörner beschreibt, wie viele Menschen zunĂ€chst nicht vertrauten, nicht glauben mochten, dass sie wirklich nach ihren WĂŒnschen gefragt wurden. Viele brauchten daneben auch Zeit, ĂŒberhaupt WĂŒnsche in sich wieder aufsteigen zu lassen. Schon diese Überlegungen deuten an, wie radikal die Profis ihre Haltung gegenĂŒber den kranken Menschen Ă€ndern mussten.
Nur die Verwirklichung der beiden Voraussetzungen konnte dazu fĂŒhren, dass in GĂŒtersloh nicht ein „Enthospitalisierungsprogamm durchgezogen“ wurde, sondern dass dem einzelnen Menschen die Hilfe zukam, die er wollte. Die meisten wollten allein in eine Wohnung ziehen. Ein
interessanter Gedanke, der in dem Kapitel von Christian Zechert: „nach der Entlassung verstorben“ auftaucht - und belegt wird, besagt, dass selbst Menschen, die dem Sterben nahe sind, lieber in den eigenen vier WĂ€nden sterben. Sie drĂ€ngen deswegen gegen die Skepsis der Helfer auf ihre Entlassung und haben, wie Beispiele zeigen, außerhalb der Anstalt oft noch mehr gelebtes Leben als in den vielen Jahren des Lebens in der Anstalt. In dem Kapitel von Christian Zechert wird festgehalten, dass diejenigen ehemaligen Langzeitpatienten, die starben, zu vier FĂŒnfteln innerhalb der ersten fĂŒnf Jahre nach der Entlassung starben, und 22 der insgesamt 74 starben im ersten Jahr nach der Entlassung. Zechert resĂŒmiert, dass alte und jĂŒngere der entlassenen Langzeitpatienten der besonderen FĂŒrsorglichkeit und Beachtung gerade auch wegen ihrer körperlichen Erkrankungen bedĂŒrfen. Die hohe Zahl der körperlichen Begleiterkrankungen, die Schwierigkeit der neuen Helfenden, auch der (fĂŒr die Langzeitkranken ja neuen) HausĂ€rzte, die zum Teil verschlĂŒsselten Botschaften zur körperlichen Befindlichkeit dieser Patienten zu verstehen, die neue, ungewohnte, aber notwendige und erforderliche Eigeninitiative, die "fremden" Helfer auf Symptome aufmerksam machen zu mĂŒssen, lĂ€sst erkennen, warum bei der Entlassung von Langzeitpatienten den körperlichen Beschwerden eine mindestens ebenso große Bedeutung zukommt wie den psychologischen Beschwerden. An dieser Stelle sei hervorgehoben, dass es sich bei der Arbeit der GĂŒtersloher Gruppe keinesfalls nur darum handelt, Menschen, die lange in der Anstalt waren, aus der Anstalt heraus zu bekommen. Das, was unter De-Institutionalisierung verstanden wird, greift weiter, weil fĂŒr und mit jedem einzelnen Menschen gewissermaßen eine neue, eine passende, eine freie Bindung gesucht und gefunden wird. Menschen, die sich nicht zu anderen trauen, werden besucht, gleichzeitig wird mit jedem darĂŒber nachgedacht, welcher TĂ€tigkeit er nachgehen könnte - dies unter dem Gesichtspunkt, dass nur Integration in das Wirtschaftssystem Schutz vor Ausgrenzung garantiert. Jeder Mensch will notwendig sein. So ist die Arbeitsrate der ehemaligen Langzeitpatientinnen und -patienten in GĂŒtersloh hoch. Zwar scheint, zumindest nach einer der sehr differenziert vorgetragenen Untersuchungen, die in diesem Buch referiert sind, die Arbeit kein Schutz vor psychischen Krisen zu sein. Aber ein Arbeitsplatz erhöht die LebensqualitĂ€t und das WertgefĂŒhl des einzelnen Menschen. Ein Arbeitsplatz erhöht auch die Bindung und damit sind vorkommende Des-Integrationen, wie Krankheitskrisen sie nun mal darstellen, nicht so bedrohlich.
Solche zuverlĂ€ssigen Bindungen in der Gemeinde vermindern auch die Gefahr des RĂŒckfalles in Ver-Anstaltungen. Damit wird die Frage nach einer neuen, einer Psychiatrie, die sich an den BedĂŒrfnissen der chronisch psychisch Kranken orientiert, unausweichlich.
Einen weiteren Aspekt dieses Versuches, die De-Institutionalisierung zu festigen, die Gefahr der Veranstaltung zu bannen, ist in folgendem Beispiel gefasst: Seit Anfang der neunziger Jahre wurde von seiten der psychiatrisch TĂ€tigen im Rahmen eines Lehrer-Arbeitskreises mit Schulen der unterschiedlichen Typen zusammengearbeitet. Das didaktische Ziel war und ist, dass jeder SchĂŒler nach Möglichkeit einmal in seiner Schulkarriere ein konkretes Begegnungsprojekt mit chronisch psychisch Kranken oder geistig Behinderten mitmachen soll, durchaus, um sich der Fremdenangst auszusetzen, und um dabei zu lernen, wie man diese konstruktiv wenden kann. Es ist zu vermuten, dass dies ein Leben lang wirkt. Dieser Aspekt ist wichtig, weil er verdeutlicht, dass fĂŒr die Bindung der psychisch Kranken an ein Leben in der Gemeinde, in der Gesellschaft, auch die Mitglieder der Gesellschaft sich Ă€ndern mĂŒssen, um der Bindung die nötige Haltbarkeit und ZuverlĂ€ssigkeit zu geben, so dass Vertrauen entstehen kann. Soweit reichen die GrĂŒndlichkeit, die Liebe und die Sorgfalt des Ansatzes der GĂŒtersloher Arbeitsgruppe, dass sie danach trachten, dass langjĂ€hrige hospitalisierte Menschen eben wirklich in der Gesellschaft ankommen.
Klaus Dörner nennt abschließend sechs gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen: 1. wir werden immer weniger Klinikbetten haben, 2. immer weniger HeimplĂ€tze, 3. immer weniger Sozialstaat, 4. immer weniger Fremdhilfe, 5. immer weniger soziale ProfessionalitĂ€t und 6. immer weniger soziale Sicherheit durch Ausgrenzung. Nur die Beachtung dieser Bedingungen erlaubt Fantasie und Planung fĂŒr die zukĂŒnftige, an der Möglichkeit chronischer psychischer Erkrankung orientierter Psychiatrie.
In dem bisherigen Überblick wurde dem leitenden Gedanken des Werkes gefolgt. Es soll hier noch auf drei wesentliche Merkmale hingewiesen werden. Das Werk enthĂ€lt eine große Anzahl einzelner Untersuchungen, die außerordentlich lesenswert und bedenkenswert sind, z.B. das Nachdenken ĂŒber das Erfordernis, Krankengeschichten in Lebensgeschichten umzuschreiben, oder ĂŒber das Frauenschicksal, Langzeitpatientin zu sein. Oder ĂŒber die Auswirkung der Klinik auf das Zeitempfinden schizophrener Patienten, oder ... oder ...! Das zweite erwĂ€hnenswerte Merkmal ist der Anhang, der die Sammlung der Daten in Tabellen und Grafiken enthĂ€lt, so dass die Datenbasis der unterschiedlichen Einzeluntersuchungen und der Gesamtarbeit sehr aufgefĂ€chert und differenziert nachgesehen werden kann. Das dritte aufzufĂŒhrende Merkmal ist die Sprach dieses Buches: De-Institutionalisierung durch Auflösen der Fachsprache in die allgemeinverstĂ€ndliche Sprache.


Alexander Brandenburg auf www.socialnet.de zur Neuausgabe 2015:
Entstehungshintergrund
Wegen seiner nachhaltigen und besonderen Bedeutung erscheint 2015 dieses erstmalig 1998 im Verlag Jakob van Hoddis und 2001 erweitert im Paranus Verlag erschienene Werk als Neuausgabe mit einem aktuellen Geleitwort von Klaus Dörner.

Thema
Das Landeskrankenhaus GĂŒtersloh hatte seit 1919 die Versorgung fĂŒr ein großes Einzugsgebiet. Bereits 1930 hatte diese Anstalt ĂŒber 1.000 Patienten; Ende der 1950er Jahre war mit 1.400 Patienten der Höchststand erreicht. GĂŒtersloh war ein Großkrankenhaus, eine psychiatrische Anstalt also.
Ihr erster Direktor Hermann Simon richtete die ganze Anstalt nach dem Konzept der aktivierenden Krankenbehandlung aus („Aktivere Krankenbehandlung in der Irrenanstalt“, so der Titel seiner Veröffentlichung 1929) und wurde zum Pionier der systematischen Arbeitstherapie, die die damals in Deutschland vorherrschende Bettbehandlung ablöste. Simon sollte allerdings spĂ€ter die erbbiologischen Faktoren ĂŒberbewerten und sich sozialdarwinistischen und eugenischen GedankengĂ€ngen anschließen. Er setzte sich aktiv fĂŒr die Um­setzung euge­nisch-rassenhygienischer Konzepte im Nationalsozialismus ein.
In der NS-Zeit trugen alle Provinzialheilanstalten zu der Sterilisierung Tausender von Menschen und zum Massenmord an psychisch kranken Menschen bei.
Mit Walter Schulte, der die GĂŒtersloher Anstalt von 1954 bis 1960 leitete, begann recht eigentlich ein neues medizinisch-therapeutisches Umdenken, das im Patienten keinen Fall oder ein Objekt, sondern hinter dem Krankenbild die Persönlichkeit des Kranken sah.
Walter Theodor Winkler, Chefarzt von 1961 bis 1980 in GĂŒtersloh, profilierte sich als Pionier bei der EinfĂŒhrung der Psychotherapie, Gruppentherapie sowie der Teamarbeit in der Pflichtversorgung und öffnete das Krankenhaus fĂŒr eine sozialpsychiatrische Fachdiskussion und fĂŒr die AnfĂ€nge eines gemeindenahen Versorgungssystems. Sein Mitstreiter war Alexander Veltin, der von 1961 bis 1971 als Leitender Arzt in GĂŒtersloh tĂ€tig war und dort u. a. bereits auf einer offenen MĂ€nnerstation die Therapeutische Gemeinschaft (Maxwell Jones) einfĂŒhrte, bei der es um die Humanisierung der Psychiatrie u. a. durch die Realisierung gemeinschaftstherapeutischer Konzepte und psychotherapeutische Gruppenarbeit geht.
Man erkennt: In den bisher wenig wahrgenommenen 60er Jahren gab es schon reichlich, aber natĂŒrlich nicht ausreichende ReformbemĂŒhungen. Die Schulpsychiatrie befand sich in einer Phase der Umorientierung. Die Einrichtungen und Dienste, die in der Psychiatrie-Enquete als Orientierungsrahmen genannt werden, sind fast alle schon Ende der 60er Jahre und Anfang der 70er Jahre diskutiert und in AnsĂ€tzen realisiert worden. – Außerdem wĂ€re ohne die großen Fortschritte der Psychopharmakatherapie seit den 50er Jahren keine Psychiatriereform möglich gewesen, da die Inanspruchnahme nicht-stationĂ€rer Angebote und der Einzug in die Gemeinde eine gewisse medikamentös unterstĂŒtzte persönliche Organisiertheit und mehr SelbstĂ€ndigkeit der Patienten voraussetzt (Theo R. Payk). Ohne biologischen Ansatz kann man nicht sozial arbeiten.
Es war also keine Stunde Null in den Reformprozessen, als Klaus Dörner die BĂŒhne betrat und von 1980 bis 1996 die GĂŒtersloher Anstalt leitete. Noch 1980 hatte die Anstalt 800 Patienten, die von 24 Ärzten, 6 SozialpĂ€dagogen, 5 Psychologen und 300 PflegekrĂ€ften versorgt wurden; die Pflichtversorgung betraf ein Einzugsgebiet von 1.000.000 Menschen. Es ging nun darum, aus der Anstalt eine moderne psychiatrische Klinik mit Sektorversorgung zu machen und das Ende der durch Langzeitbereiche geprĂ€gten Anstalt einzuleiten. Die Auflösung des Großkrankenhauses GĂŒtersloh stand auf der Agenda. Ohne die UnterstĂŒtzung des Landschaftsverbandes-Westfalen-Lippe als des TrĂ€gers der GĂŒtersloher Anstalt wĂ€re ein solches Vorhaben sicherlich nicht realisierbar gewesen.

Herausgeber
Zum Herausgeber Klaus Dörner, dem 1933 in Duisburg geborenen Psychiater und Soziologen, ist eigentlich nichts Neues zu sagen. Jeder an der Sozialpsychiatrie Interessierte kennt seinen Namen und hat bereits eines seiner BĂŒcher gelesen oder jedenfalls in der Hand gehabt. Ich erwĂ€hne gleichwohl die fĂŒr viele wegweisenden BĂŒcher: „BĂŒrger und Irre“ und das mit Ursula Plog verfasste Lehrbuch der Psychiatrie „Irren ist menschlich“.
Vielleicht ist der Hinweis nicht uninteressant, dass auch Arnold Gehlen, Helmut Schelsky und Hans BĂŒrger-Prinz, bei dem er u. a. in Hamburg ausgebildet wurde, nach eigener Aussage einen prĂ€genden Einfluss auf ihn ausĂŒbten. Die von Dörner oft vertretenen „fortschrittlichen“ Positionen in Politik und Psychiatrie lassen einen solchen Einfluss jedenfalls nicht selbstverstĂ€ndlich erscheinen; es sei denn, man sieht deren oft radikal anmutende Formen in der Notwendigkeit einer entschiedenen Ablösung von alten PrĂ€gungen begrĂŒndet. DarĂŒber hinaus ĂŒberlagerten die sozialen Aspekte der Psychiatrie oftmals deren klinisch- biologisch relevanten Bestandteile, was insbesondere bei der heutigen Renaissance der biologischen Psychiatrie problematisch erscheint.

Aufbau und Inhalt
WorĂŒber wird in diesem Buch konkret berichtet? Es wird ĂŒber die Entlassung aller 435 psychiatrischen Langzeitpatienten des Landeskrankenhauses GĂŒtersloh im Zeitraum von 1981 bis 1996 berichtet, also ĂŒber einen 15jĂ€hrigen Prozess der De-Institutionalisierung. Eine Gruppe, der alle Autoren angehört haben, hat ĂŒber sieben Jahre lang in der nebenberuflichen Freizeit alle Daten ĂŒber die Ex-Langzeitpatienten gesammelt und im Zeitraum von 1993 bis 1996 NachgesprĂ€che und Katamnese-Interviews gefĂŒhrt. Es ging dabei vor allem um die Frage, wie sie mit ihrem neuen Leben in der Gemeinde bisher zurechtkommen und ob sie zufrieden sind. Die Ergebnisse der Untersuchung mĂŒnden der Gruppe zufolge im empirischen Nachweis, dass kein chronisch psychisch Kranker dauerhaft in einer Institution (Klinik oder Heim) leben muss und darf- vorausgesetzt, unsere Beziehung mit ihm ist angemessen professionell. Wir werden auf dieses Untersuchungsergebnis noch zurĂŒckkommen.
Klaus Dörner bestreitet knapp ein Drittel der Textseiten: Geleitwort, Vorwort, Einleitungen zu den meisten der dreizehn Abschnitte und eine Anzahl eigener BeitrÀge. Es werden von ihm u. a. folgende Themen werden bearbeitet:

Kurzer Abriss der Psychiatrie in Deutschland
Zusammenfassung der De-Institutionalisierung in GĂŒtersloh
Interpretation der Ergebnisse der begleitenden Untersuchungen
Beschreibung der Chronisch-Kranken-Psychiatrie
Angehörige und chronisch-psychisch Kranke
Enthospitalisierung und/oder De-Institutionalisierung
Schaffung einer Gemeindepsychiatrie Lebensbedingungen, Strukturen, Klima)
Arbeit und Wohnen
Zeitbegriff in der Chronisch-Kranken-Psychiatrie
KostentrĂ€ger und Ökonomisches Denken
Zukunft der De-Institutionalisierung
Außerdem enthĂ€lt die Publikation folgende BeitrĂ€ge:

Fragen an die Bedeutung der medizinisch-psychiatrischen Diagnose fĂŒr die Rehabilitation chronisch-psychisch kranker Menschen (Christiane Rasmus)
Frauenschicksal:Langzeitpatientin (Lisa Hördemann)
Nach der Entlassung verstorben. Zur MortalitĂ€t der ehemaligen GĂŒtersloher Langzeitpatienten (Christian Zechert)
Integration der Nichtintegrierbaren?- Systemsprenger oder das Salz der Erde (Elisabeth HopfmĂŒller)
Wie können psychiatrische Langzeitpatienten sich ermutigen, ein Leben außerhalb der Klinik auszuprobieren? (Elisabeth HopfmĂŒller)
Warum es sich lohnt, eine Lebensgeschichte zu schreiben (Michael Schiebel)
Konsequenzen der De-Institutionalisierung fĂŒr psychiatrische Abteilungen oder Kliniken (Matthias Heißler)
Brauchen wir noch Heime fĂŒr Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen (Peter Netz)
Von GĂŒtersloh ins Heim: Was unterscheidet Heimbewohner von Wohnungsinhabern? (Fritz Landzettel)
Die Entwicklung der gemeindepsychiatrischen Versorgungslandschaft wĂ€hrend der De-Institutionalisierung der WK GĂŒtersloh (Bernd Meißnest)
Auswirkungen der Klinik auf das Zeitempfinden schizophrener Patienten (Marie Beatrice Charlin)
Zur Bedeutung von Arbeit im heutigen Leben der Langzeit-Psychiatrie-Erfahrenen in GĂŒtersloh (Katharina Richter)
Gesundheitsökonomische Überlegungen zur Deinstitutionalisierung psychiatrische Langzeitpatienten (Beate Röttger Liepmann)
Der Anhang enthĂ€lt Abbildungen, einen Interviewleitfaden und ein Literaturverzeichnis. Ferner wird das Vorgehen in der GĂŒtersloher Katamnese-Studie von Elisabeth HopfmĂŒller und Christian Zechert erlĂ€utert.

Diskussion
Wer diesen Bericht liest, ja studiert, wird viele Anregungen enthalten und neue Einblicke in das schwierige GeschĂ€ft der De-Instututionalisierung gewinnen. Die GĂŒtersloher Arbeitsgruppe hat ganze Arbeit geleistet und die vorhandenen Daten sorgfĂ€ltig interpretiert. Auch ich habe von der LektĂŒre profitiert; doch sollte der Rezensent bei aller Zustimmung nicht vergessen, auch einige kritische Punkte aufzulisten:
Bei der Durchsicht des Interview-Leitfadens fielen mir doch einige Frageformulierungen auf, die eine suggestive Komponente haben: Wie haben sie es so lange in der Anstalt aushalten können und trotzdem die Kraft finden können, sich entlassen zu lassen? Oder: Wenn zur Zeit ein guter Freund oder Verwandter von Ihnen in der Anstalt wĂ€re, was wĂŒrden Sie raten: in der Anstalt zu bleiben oder auszuziehen?
Ein Mangel der Untersuchung besteht sicherlich darin, dass die Angehörigen nicht durch eine zusĂ€tzliche (vielleicht exemplarische) Befragung einbezogen werden konnten. Mit der allgemeinen HochschĂ€tzung der Angehörigenarbeit in GĂŒtersloh kommt dies nicht ĂŒberein und ist ein unverzeihlicher Fehler. Das sicherlich lesenswerte von Klaus Dörner geschriebene Kapitel ĂŒber Angehörige und chronisch psychisch Kranke ist kein Ersatz dafĂŒr.
Die Beschreibungen der Versorgungseinrichtungen in den einzelnen Entlass-Sektoren sind nicht systematisch erfasst. Auch sind die therapeutischen Angebote, das Personal und die GrĂ¶ĂŸe zum Beispiel der Entlass-Heime nicht beschrieben. Solche Angaben lassen durchaus RĂŒckschlĂŒsse auf die QualitĂ€t und den Charakter der Einrichtungen zu und machen „Zuweisungen“ nicht zufĂ€llig.
Generell wÀre es auch sinnvoll gewesen, die allgemeinen Versorgungsstrukturen in den einzelnen Sektoren detailliert zu beschreiben (ambulante und teilstationÀre Behandlungsmöglichkeiten, Tagesstruktur, Wohnen, Arbeiten und Freizeit/Soziales Lernen).
GrundsĂ€tzlich stellt sich auch die Frage, inwieweit es sinnvoll ist, die Auswertung einer solchen Klinik-Entlassung den „Betreibern“ der Entlassung anzuvertrauen. Was soll der Patient in einer Befragung sagen, wenn sein die Entlassung begleitender Betreuer auch das Interview fĂŒhrt? Wie löst man Zweifel an der „Sache“ auf, wenn man selbst beteiligt ist? Es hat schon seine GrĂŒnde, wenn klassische begleitende Forschung mit Personen gemacht wird, die Distanz zum Untersuchungsgegenstand haben. Man wird daher alle Ergebnisse mit großer Vorsicht zur Kenntnis nehmen mĂŒssen.
Was die psychiatrische Diagnostik angeht, so sind mir doch bei folgender Beschreibung der Krankheitslandschaft der schizophrenen Psychosen – unter Verweis auf Dörners Schrift „Aufbruch der Heime“ – einige Zweifel gekommen: „Die schizophren genannte Psychose als Schutz ergibt sich meist zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr, also in einem Alter, in dem man sich von den Eltern losreißen will, um einen eigenen Standpunkt zu finden, sich aber nicht traut, weil man die Eltern gleichzeitig so liebt, in einer Zeit, in der man nicht weiß, ob man MĂ€nnchen oder Weibchen ist, ob und wie man sich zum fremden Geschlecht verhalten soll, in einer Zeit, in der man sich beruflich in der Welt der Sachen bewĂ€hren soll, aber zu empfindsam dazu ist, in der Zeit, in der die erste totale Liebe zerbricht.“ Als Nicht-Psychiater bin ich einigermaßen ĂŒber diese unspezifische, eher pĂ€dagogisch anmutende Beschreibung erstaunt- ein Hinweis auf fehlende TiefenschĂ€rfe der Diagnostik?
Doch kommen wir zu einem wirklich harten Datum: Bei der Entlassung von 435 GĂŒtersloher Langzeitpatienten sterben im Entlassungszeitraum zwischen 1982 und 1996 insgesamt 76 Menschen. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen betrug 59,8 Jahre. 33 Menschen waren bei ihrem Tod noch keine 60 Jahre alt. 22 Menschen sterben im ersten Jahr ihrer Entlassung, 13 weitere im zweiten Jahr. 35 Menschen verlieren in den ersten zwei Jahren nach Entlassung ihr Leben. Hinzu kommt, dass ein Drittel aller Verstorbenen in einer Altenwohneinrichtung verstarb. SpĂ€testens jetzt wird es sehr ernst: Ohne auf die in dem vorliegenden Bericht dazu enthaltenen ErklĂ€rungen und Überlegungen eingehen zu wollen, ist diese Reform fĂŒr mich gescheitert. Der „Blutzoll“ in den ersten zwei Entlassjahren ist zu hoch und verweist ohne weitere Diskussionen auf die Grenzen der De-Institutionalisierung bei schwer chronisch psychisch Kranken.
In den Publikationen Dörners kann ohne Zweifel viel Wertvolles ĂŒber die sozialpsychiatrischen Konzepte nachgelesen werden, die seine Reformpraxis leiteten. Auch in diesem Buch fallen die theoretischen AusfĂŒhrungen und Begleitungen der Praxis nicht gerade gering aus. Das ist auf der einen Seite gut so, weil die Wichtigkeit der Theorie fĂŒr jede ernsthafte ReformbemĂŒhung demonstriert wird, auf der anderen Seite werden viele AktivitĂ€ten und Ergebnisse theoretisch ĂŒberhöht und verlieren die Bodenhaftung:
Wenn ich eine Selbsthilfefirma grĂŒnde, muss ich nicht noch die Versöhnung von Ökonomie und Sozialem betreiben, was immer darunter verstanden wird. Wenn ich dem Kranken intensiv zuhöre und auf seine verbalen und anderen Äußerungen achte, vertausche ich nicht die fachlich begrĂŒndete Asymmetrie zwischen Profi und Krankem. Wenn ich psychisch Kranke aus dem Langzeitbereich in das kommunale Versorgungsnetz entlasse, beginnt nicht erst zu diesem Zeitpunkt die Psychiatrie fĂŒr chronisch psychisch Kranke; auch ohne diese Zutat bleibt die Entlassung eine Markstein. Auch die anbiedernde Ansprache der psychisch Kranken als Finanziers der ArbeitsplĂ€tze der Profis (was im ĂŒbrigen einfach falsch ist) gehört hierher. Es liessen sich noch weitere Beispiele nennen.
Manches wird bei Klaus Dörner hochstilisiert und bekommt einen theoretischen Überbau verpasst, der stellenweise phrasenhaft und auch pastoral daherkommt. So entsteht der Eindruck einer Trennung von Theorie und Praxis: Seit Erving Goffman ist bekannt, dass die offizielle Seite der psychiatrischen Institutionen stets auch eine Kehrseite hat, die im Unterleben der Institutionen besteht. Alexander Veltin hat irgendwo angemerkt, das von den in den verschiedenen Epochen der Psychiatrie von ihren Protagonisten propagierten Betreuungs-, Pflege- und Behandlungskonzepten nicht ohne weiteres auf deren Realisierung im Anstaltsalltag geschlossen werden darf. Was ich sagen will, dass wir die offizielle „theoretische Seite“ der Psychiatrie immer mit Vorsicht lesen und stets in Zusammenhang mit der alltĂ€glichen Praxis prĂŒfen mĂŒssen, deren genaue Beobachtung immer wieder zu erstaunlichen Korrekturen des TheoriegebĂ€udes fĂŒhrt, wovon zum Beispiel das Fach Soziologie lebt.
Dörner ist als Psychiater immer ein Kind seiner Zeit gewesen. Das ist jeder Psychiater. Aber nicht jeder Psychiater ist so sehr wie Dörner dem Zeitgeist verhaftet, dem er immer noch eine Spur voraus sein will. So soll auch dieses Buch nicht nur ĂŒber die Auflösung der Anstalt berichten, sondern zugleich auch bei der kĂŒnftigen Gestaltung des Zusammenlebens von Behinderten und FlĂŒchtlingen hilfreich sein – so rĂ€soniert er wie gewohnt in seinem Geleitwort zur Neuausgabe. Was wird die Empirie dazu sagen? Die Kontamination mit weltanschaulichen und politischen Vorzeichen ist fĂŒr die Psychiatrie nie gut gewesen. Auch das kann man bei Dörner lernen.

Fazit
Wie versprochen, komme ich auf folgende Behauptung von Klaus Dörner zurĂŒck: Diese Untersuchung erbringe den empirischen Nachweis, dass kein chronisch psychisch Kranker dauerhaft in einer Institution (Klinik oder Heim) leben muss und darf - vorausgesetzt, unsere Beziehung mit ihm sei angemessen professionell. Meine LektĂŒre kommt zu einem anderen Ergebnis: Die Untersuchung zeigt, dass nicht jeder chronisch psychisch Kranke aus der stationĂ€ren Sorge entlassen werden kann und dass Experimente sich gerade bei den schwerst psychisch Kranken verbieten; in diesen beiden Punkten besteht fĂŒr mich die angemessene professionelle Beziehung.
Das „Ende der Veranstaltung“ ist gleichwohl ein Buch, das sehr offen ĂŒber ein großes soziales Experiment berichtet und die entscheidenden Fragen und Probleme nicht verdeckt. Es zeigt eindringlich, dass ein breites Spektrum an ambulanten und aufsuchend tĂ€tigen Behandlungs- und Betreuungseinrichtungen, eine Vielzahl an Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten und darĂŒber hinaus Orte der Tagestrukturierung und des sozialen Lernens in dem Sektor vorhanden sein mĂŒssen, in dem die chronisch-schwer psychisch Kranken nunmehr leben sollen. Diese Einrichtungen und Dienste mĂŒssen auch in ausreichendem Maße mit psychiatrisch qualifiziertem Personal ausgestattet sein, das nicht nur im Notfall immer auf eine Klinik mit stationĂ€ren und teilstationĂ€ren Angeboten zurĂŒckgreifen kann. Nicht zuletzt erwarten die ehemaligen Patienten solchen klinischen RĂŒckhalt, die Angehörigen in jedem Falle. Bevor eine solche gemeindepsychiatrische Sektor-Struktur nicht besteht, sollte man eigentlich keine Experimente mit den schwerst chronisch-psychisch Kranken durchfĂŒhren. Auch wenn die Bedingungen optimal zu sein scheinen, bleiben jedoch gut bemessene stationĂ€re Ressourcen der Sorge um die Kranken unbedingt notwendig.


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