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Leben und sterben, wo ich hingehöre

Rezensionen

Das Forum Seniorenarbeit Nordrhein-Westfalen setzt sich auf seiner Internetseite ausführlich mit dem Buch "Leben und sterben, wo ich hingehöre" und dem Autor auseinander und dokumentiert ebenfalls ein ausführliches Interview mit Klaus Dörner.
Hier geht's auf die Website: Forum Seniorenarbeit NRW

Bernhard Bayer, LAGi Hospiz Baden-Württemberg e.V.:
Klaus Dörner ist mit diesem Buch - wieder einmal - ein Standardwerk gelungen. In gewohnt herausfordernder Weise stellt es die richtigen Fragen. Und die richtigen Fragen tun immer weh, denn sie decken auf, was wir nicht so gerne anschauen. Aber Klaus Dörner wäre nicht Klaus Dörner, wenn er nicht auch Antworten, Visionen und Konzepte vorstellt, die weiterführend sind.
Worum geht es in diesem Buch? - Schlicht darum, wie wir angesichts der demographischen Entwicklung und der begrenzten wirtschaftlichen Ressourcen unseren Sozialstaat weiter entwickeln müssen, damit er den zukünftigen Herausforderungen gewachsen ist.
Können wir es uns leisten ständig noch mehr Spezialghettos für jede denkbare Gruppe der Bevölkerung, die auf Hilfe angewiesen ist, einzurichten - für die Alten, für die Pflegebedürftigen, für die Dementen, für die Sterbenden, ... ?
Er weist nach, dass wir jetzt schon an unseren Grenzen angelangt sind und diese Form sozialstaatlichen Handelns, wie sie sich erst in den Wirtschaftwunderjahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt hat, nicht mehr finanzierbar ist. Andere Lösungen sind gefragt. Er spricht vom ‚Dritten Sozialraum' und meint damit die Nachbarschaft. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen für den, der neben mir zu Hause ist. Verkürzt: Sein Schicksal fordert mich zur Hilfe auf, von ihm bekomme ich Hilfe, wenn es mir schlecht geht.
Das setzt voraus, dass ich mich für meine Nachbarschaft interessiere, dass sie mir nicht gleichgültig ist, dass ich die Verantwortung nicht an einen - letztlich anonymen - Staat delegieren kann.
Die beruhigende Botschaft dieses Buches ist: es gibt eine Alternative
Die beunruhigende Botschaft lautet: es gibt keine Alternative
Wie immer macht es Vergnügen, ein Buch von Klaus Dörner zu lesen, da er einen kurzweiligen, authentischen Schreibstil hat. Das täuscht manchmal darüber weg, dass es sich an vielen Stellen um schwer verdaubare Kost handelt. Für alle, die sich um die Zukunft unserer Versorgungsstrukturen - auch im Bereich Sterbebegleitung - Gedanken machen, ein absolutes MUSS!

Sabine Peters in: Freitag:
Äußerst empfehlens- und diskussionswert. Hier wird erfreulich undogmatisch und dabei leidenschaftlich, maßlos und gleichzeitig bescheiden über "unsere" Bewegung und Zuständigkeit nachgedacht. Das ist unbequemer als Resignation angesichts der Verhältnisse. Es ist natürlich auch fehleranfällig, aber, so schreibt Dörner: "Beim Helfen gibt es nur Richtiges durch korrigiertes Falsches. So können wir wenigstens vorwärtsirren."

Lilo Rumbler in: TABU:
Prof. Dörner spricht mir aus dem Herzen, wenn er von "hilfs-" und "helfensbedürftigen Bürgern" spricht, neuere Begriffe in der Betreuung und Pflege wie z.B. "Kunden", "Management" bzw. "managen", "Teilhabe" (letztere als "schwammig") u.v. m. kritisiert, wenn er schreibt, dass alle diese Hilfsangebote nicht für Reiche gelten, da diese sich schon immer selbst helfen konnten, oder dass bei allen Planungen "...von den 'Letzten' ...", als etwa von "alleinstehenden Dementen" auszugehen sei. ... In seinem explosiven und zutiefst humanitären Werk überzeugt der Autor auf seine ganz unnachahmliche Weise, wenn er klar, deutlich und glaubwürdig und in berechtigtem Zorn unmissverständlich – teilweise zynisch und brutal anmutend –, mit dennoch toleranter Sichtweise, aus verschiedenen Blickwinkeln, unbeabichtigte Missstände in Heimen (und somit auch in unserer Gesellschaft) aufzeigt, stellenweise mit subtilem Humor und Selbstironie. ... Wer in einem so langen Leben so umfangreiche Erfahrungen gesammelt hat, den muss man anhören.

Nachrichtendienst des Deutschen Vereins:
Das Buch ist ein engagiertes Plädoyer dafür, Leben, Altern und eben auch Sterben heraus aus Institutionen und zurück in Familie und Nachbarschaft zu holen. Klaus Dörner ist ein Visionär – er setzt sich für die konsequente Abschaffung von Heimen für Menschen mit Pflegebedürftigkeit ein. Er will, dass die Hilfe zu den Menschen kommt und nicht die Menschen zur Hilfe gebracht werden.

Claus Völker in: Psychologie heute:
Dörners Werk ist geradezu süffig zu lesen, auch für Interessierte, die keine Sozialprofis sind und nur wissen wollen, was in ihrem Leben und Sterben zur Auswahl steht. Dörner informiert den Leser ohne großes professorales Gehabe und wenig Fachkauderwelsch. Man sieht ihn bei der Lektüre vor sich und hört ihn zu uns sprechen.

Ursula März in: Die Zeit:
Zu keinem Zeitpunkt der Zivilisation musste sich eine Gesellschaft um so viel Alte und Gebrechliche kümmern wie unsere schon in ein paar Jahren. Es handelt sich, schreibt Klaus Dörner, um nichts Geringeres als eine "menschheitsgeschichtlich völlig neue Aufgabe". Was die Erderwärmung für den Globus bedeutet, ist das ungelöste Pflegeproblem für die Gesellschaft. Wie die Klimakatastrophe eine ökologische Revolution erzwingt, fordert, was landauf, landab den Namen Pflegekatastrophe hat, revolutionäre Formen der Altenhilfe heraus. Klaus Dörner hat in seinem Buch eine ganze Reihe neuer Ideen parat.

Steffen Simon in: Deutsches Ärzteblatt:
Der Arzt Klaus Dörner hat sich in den vergangenen zehn Jahren circa 1500mal aufgemacht, um in Diskussionsrunden und Vorträgen von Bürgerinnen und Bürgern in ganz Deutschalnd zu lernen, wie ein bürgerorientiertes Leben zwischen gesunden, chronisch kranken, helfensbedürftigen, alten und hilfsbedürftigen Menschen aussehen kann – fern von Alten- und Pflegeheimen, sondern in der Nachbarschaft und der Gemeinde. Diese und seine eigenen Erfahrungen bei der Deinstitutionalisierung einer psychiatrischen Klinik bilden die Grundlage seines neuesten Buches.

Wilhelm Rimpau in: Dr. med. Mabuse:
(...) Dem "Top down" ohnmächtiger Reformen und Verordnungen staatlicher Stellen sind beispielhafte Modelle entgegenzusetzen, die durch ein "Bottom up" Betroffener und sich betroffen fühlender Menschen charakterisiert sind.

Maria Frisé in der FAZ:
Dörner plädiert für eine Wiederbelebung des "dritten Sozialraums", der Nachbarschaft. Er ruft dazu auf, Verantwortung für Schwächere zu übernehmen und das Gebrauchtwerden als Gewinn zu empfinden. Solidarität und Hilfsbereitschaft müssten aktiviert werden, fordert Dörner, in unserer Single- und Ich-Gesellschaft drohten sie zu verkümmern. Utopisch ist das nicht. Skandinavien bietet Beispiele für soziale Netzwerke, für tätige Nachbarschaft in Zusammenarbeit mit Sozialstationen am Ort. Aber auch bei uns bilden sich zunehmend mehr Gruppierungen mit allgemeinnützigen Zielen.
Altern und Sterben müssten resozialisiert werden, schreibt Dörner. Die Hilfe zu den Menschen bringen – nicht umgekehrt, verlangt er. Er schlägt Stadtteil-Pflegegruppen vor, die aus professionellen Kräften und geschulten Laien bestehen. Gemeinsam sollten sie ein "Pflegeherz" bilden, um Hilfsbdürftige am Ort zu versorgen und ihnen Vereinsamung und den Verlust ihres Zuhauses zu ersparen.

5 Sterne-Rezension von Alexandra Schäfer auf www.amazon.de:
Für Fachleute und Laien gleichermaßen interessant. Klaus Dörner öffnet die Augen und zeigt den Weg, der funktionieren kann. Amüsant sind dabei auch noch seine Wortkreationen. Für alle am Thema Interessierte ist dieses Buch Pflichtlektüre.

Christine Theml in: Nicht ohne uns:
Dörner weiß aus seiner langjährigen praktischen Tätigkeit, dass viele psychische Krankhheiten wie auch die um sich greifende Demenz Folge des Mangels an Bedeutung für andere ist. Die eine Seite des Menschseins wurde lange überbetont, die Selbstbestimmung. Gebraucht zu werden, Bedeutung für andere zu haben, wurde vernachlässigt, ebenso die natürlichen Institutionen, in denen das gelebt werden kann, die Familie, die Nachbarschaft, die Kirchengemeinde, die Kommune.
Wenn man die Privatheit auf der einen Seite, die Öffentlichkeit auf der anderen Seite sieht, fehlt das Mittelstück, das Dörner den dritten Sozialraum nennt. Den gilt es wieder zu entdecken, zu beleben und zu nutzen. (...)
Es klingt wie eine schöne Utopie, aber immer wieder findet Dörner den praktischen Bezug, die innere Notwendigkeit, das schon vorhandene Beispiel. (...)

Brigitte Siebrassse in: Soziale Psychiatrie:
Klaus Dörner, der große Wegbereiter für neue Formen des Lebensabends, bekämpft schon lange unüberhörbar den monolithischen Festungscharakter der Heime, die für ihn in ihrer hausgemachten "Konzentration der Unerträglichkeit" verfassungsfeindlich agieren. (...) Dörner sieht zur Deinstitutionalisierung keine Alternative und fordert: Holt das Heim in die Wohnung!

5 Sterne-Rezension von Ursula Talke auf amazon.de:
Es brennt unter den Nägeln
Die Alterspyramide kippt 2050, brauchbare Altenpflege ist schon heute nicht mehr wirklich finanzierbar, sowohl Selbstbestimmung im Alter wie auch Qualitätssicherung sind eher Worthülsen.
Und, wer nimmt sich dieses Themas an? Auch schon selber eigentlich und uneigentlich betroffen - kein geringerer als Klaus Dörner, namhafter deutscher Reform-(wenn nicht Revolutions-)Psychiater.
Als Bürger will er das Thema diskutieren, nicht als Profi. "Leben und sterben, wo ich hingehöre" fordert er im Titel ein, der den Untertitel vom dritten Sozialraum (nämlich dem der Nachbarschaft und der Nachbarschaftshilfe) und dem neuen Hilfesystem trägt. Nach einer Gebrauchsanweisung (!) konstatiert Klaus Dörner, dass unsere Aufgabe menschheitsgeschichtlich völlig neu ist. Er wendet sich der neuen Seinsweise der Demenz zu, großteils in der Ich-Form, was sehr beeindruckend ist.
Grundsätzlich spricht er von drei neuen Menschengruppen, die Hilfe benötigen: Menschen mit Demenz, Menschen mit chronischen körperlichen Erkrankungen und "Neo-psychisch Kranke", wobei er mit der dritten Gruppe jene meint, die früher nicht behandelt wurden, weil ihre "Leiden" mehr dem Allgemeinbefinden zugeordnet waren.
Als nächstes geht er auf das Hilfesystem der Moderne ein, was sich von 1880 bis 1980 bewährt habe. Heim als Auslaufmodell, Kostenkrise seit 1980, gesamtgesellschaftlicher Hilfebedarf, Staats- und Marktversagen - das ist das erste von fünf großen Kapiteln. Im zweiten "beginnen die Bürger mit dem Sprung in das neue Hilfesystem", im dritten geht es um die Bürgerhelfer-Perspektive in Nachbarschaft und anderen solidaritätsstabilisierenden Institutionen, im vierten um die Hilfebedürftigen-Perspektive und im fünften um die der Profis und des Staates.
Was will Klaus Dörner, was regt er an?
"Leben und sterben, wo ich hingehöre".
Immer wieder macht er deutlich, dass es ein menschliches Grundbedürftnis ist, für andere da zu sein, Bedeutung für andere zu haben. Wohl kaum jemand in der Republik kennt sich so gut aus in den kleinen Initiativen, Bürgerbewegungen, Vereinen und Arbeitsgemeinschaften, die es landauf, landab gibt. Das Buch ist eine wunderbare Fundgrube von Adressen und auch von entsprechender, weniger bekannter Literatur.
Eine Umprofessionalisierung fordert Dörner ein, eine Verlagerung der Hilfe von Profi- in Bürgerhand, das bedingungslose Grundeinkommen (was ja den Weg dorthin ebnen würde) erwähnt er leider nur am Rande. Aber er macht ganz konkrete Vorschläge, wie zum Beispiel, Pflegezeiten für Angehörige einzurichten, die dann auf die Rente eingerechnet werden könnten. Fürs Praktische hat er viele Ideen, die in Ansätzen, z. T. auch als Modellprojekte, schon existieren. So könnte es zum Beispiel in Städten alle 500 bis 1000 Meter, auf dem Lande alle fünf Kilometer, sogenannte Stadtteilwohnpflegegruppen geben, die das Pflegeherz des Viertels bilden mit einer Kernwohngruppe, deren Rund-um-die-Uhr-Betreuung bei Bedarf auch anderen Bewohnern des Viertels zur Verfügung steht.
Dieses und mehr streut Dörner unters Volk. Keine Vogel-Strauss-Politik, sondern ein kräftiges "mit der Faust auf den Tisch haun".
Nun mal denn los, lasst uns also altern, uns gegenseitig kräftig helfen in jedweder Lebenslage und eben da leben und sterben, wo wir hingehören.

Henning Von Vieregge als 5-Sterne-Rezension auf www.amazon.de:
Radikalkur
"Leben und sterben wo ich hingehöre". Ich finde den Titel des Buches hinreißend. Die zentrale Aussage eines Buches in sechs Wörtern. Das kann jeder verstehen.
Alte Menschen wollen möglichst lange in den eigenen vier Wänden, in der vertrauten Umgebung bleiben, hört man allenthalben. Und erlebt es bei den eigenen Eltern und Verwandten und denen der Freunde. Niemand will ins Heim. Es sollte alles getan werden, um das sicherzustellen. Allein eine solche Forderung konsequent umgesetzt hätte tiefgreifende Konsequenzen. Wie lässt sich verhindern, dass Ämter, Geschäfte, Ärzte, Gottesdienste, Kinos usw. aus der Fußwegentfernung der Menschen verschwinden? Was muss getan werden, um den gegenteiligen Trend der letzten Jahre umzudrehen?
Klaus Dörner, 76, gibt sich aber mit dem "möglichst lange in den eigenen vier Wänden" nicht zufrieden. Bei ihm lautet die Forderung "bis zuletzt". Und daran schließt sich eine weitere Forderung an, die Dörners Überlegungen vollends ins Reich der Utopie zu versenken scheinen. Mit dieser Forderung sprengt er die freundliche Welt der neuen Alten, wie sie ein Charmeur wie Henning Scherf so hinreißend und verdienstvoll beschreibt. Dörner fordert nämlich, "immer vom Letzten her" zu denken und zu handeln. Erst dann, so die Erfahrung des langjährigen Leiters einer großen Anstalt für psychiatrisch Kranke, komme man zu den wirklich richtigen Lösungen. Dörner hat seine Anstalt aufgelöst, die Kranken heimgeschickt. "Deinstitutionalisierung" nennt er das.
Alle, die wollen, sollen dort sterben, wo sie hingehören, auch die chronisch Kranken und die Dementen. Die dementen Singels sind die letzten, an sie muss zuerst gedacht werden, fordert Dörner. Wir sollen wieder lernen, im "gesunden Mix" von Gesunden und Kranken, von Alten und Jungen, von arm und reich und schlau und weniger schlau zu leben. Wie früher, bevor das Separieren und Expedieren der Kranken, Behinderten und Alten begann.
Wie soll das heute gehen? Die Gegenfrage lautet: Wie soll es gehen im bisherigen System? Wir werden in der Bundesrepublik in den nächsten Jahren einen Hilfebedarf haben wie nie zuvor. Staat und Familien werden den nicht bewältigen können. Darin sind sich alle Experten mit Dörner einig. Es fehlen Menschen und Geld. Denn es wird immer mehr ältere Menschen geben, die immer länger leben und hilfebedürftig werden. Und die am liebsten leben und sterben wollen, wo sie hingehören. Und denen dies heute zumeist nicht vergönnt ist.
Hier kommt der von Klaus Dörner geprägte Begriff vom "dritten Sozialraum" ins Spiel. Erster Sozialraum ist die Familie, zweiter der Staat. Dazwischen aber gibt es einen Raum, dessen Bedeutung in den letzten hundert Jahren durch professionelle Arbeitsteilung und staatliches Tätigwerden stetig abgebaut wurde: der Raum der Nachbarschaft, geprägt durch Kommunalverwaltung, Vereine, Kirchengemeinde, Nachbarschaftshilfe. Dörner spricht von einem "neuen Hilfesystem" aus Profis, die aus den Institutionen wieder vor Ort gehen, und neu belebter bürgerschaftlicher Selbsthilfe. Er sieht eine Zäsur zum Besseren seit ungefähr 1980. Er nennt unzählige ermutigende Beispiele und fordert mehr. Von Kirchengemeinden erwartet er die Wiederzusammenführung von Gottes- und Menschendienst. Es gibt hilfs- und helfensbedürftige Anteile in jedem von uns. "Die wollen in eine ausgeglichene Bilanz", schreibt Dörner.
Gibt es am Ende mehr Menschenanteile, die helfensbedürftig sind als hilfsbedürftig? Aber wie bekommt man es hin, dass mehr Menschen sich trauen, wie gute Nachbarn zu sein, oder auch wie Wahlverwandte, wenn es, wie so oft, an naher Verwandtschaft mangelt?
Ein erster Schritt wäre: die Diskussion mit Klaus Dörner und seinem Buch. Und die Einfügung seiner Gedanken in die Ehrenamts- und Engagementdebatte in Deutschland.

Ernst Luther in: Ethica – Wissenschaft und Verantwortung:
Die Tatsache, dass dieses Buch in kurzer Zeit mehrere Auflagen erhielt, lässt aufmerken. Manche werden sagen, es kommt zur rechten Zeit – andere vielleicht, es ist noch zu früh für diese Visionen. (...)
Es ist zu wünschen, dass dieses Buch in jede Debatte über die Zukunft der Gestaltung des sozialen Raumes mit einbezogen wird.

Beatrix Brunelle in: Sozialpsychiatrische Informationen:
Dörners Buch ist kein Märchenbuch, obwohl es oft genug märchenhaft klingt. Denn wie aus dem Märchen Wirklichkeit werden kann, die Not zur Tugend wird, beschreibt derAutor ausführlich in seinem Buch anhand vieler gelebter praktischer und mutmachender Beispiele.

Thomas Stürmer in: a+b, Für Arbeit und Besinnung:
Wie ist das Helfen zu Beginn des 21. Jahrhunderts organisiert und wie sollte es organisiert sein? Ausgangspunkt des Buches von Klaus Dörner sind die menschheitsgeschichtlich neuen Herausforderungen unserer Zeit: Mit den Dementen, den chronisch Körperkranken und den Neo-Psychisch-Kranken – Menschen mit Befindlichkeitsstörungen, die der heutige Psychomarkt zu „heilen“ verspricht - entstehen neue Bevölkerungsgruppen, die das vorhandene Hilfesystem überfordern.
Die Organisation des Helfens hat seine Wurzeln auch heute noch in den Umbrüchen und Aufbrüchen des 19. Jahrhunderts. Im Zeitalter der Industrialisierung sollte jede Arbeitskraft genutzt werden. Deshalb wurden alle Menschen mit Minderleistung – Alte, Behinderte, psychisch Kranke – aus ihrem sozialen Kontext herausgenommen und an den Rand der Gesellschaft verfrachtet. Die Familie und die Nachbarschaft wurden damit einer ihrer zentralen Funktionen beraubt: der des Helfens.
Auch für die Kirchengemeinden war dies ein zentraler Einschnitt: Die Einheit von Gottes- und Menschendienst wurde zerstört. Den Kirchengemeinden blieb der Gottesdienst, der Menschendienst wurde in abgelegenen Großheimen organisiert. „Noch nie zuvor war eine Kultur auf die Idee gekommen, alle Bürger nach ihrer zeitgemäßen Brauchbarkeit zu sortieren und, um die Brauchbaren zur maximalen Entfaltung ihrer Arbeitsfähigkeit zu bringen, die Unbrauchbaren als hinderliche Störfaktoren, als Hilfs- oder Kontrollbedürftige zu etikettieren, nach Sorten zu spezialisieren und zu homogenisieren …“ (Seite 23/24).
Einen Ausweg sieht Klaus Dörner in einem dritten Weg: einem Weg zwischen Heim und Wohnung, der den dritten Sozialraum der Nachbarschaft – angesiedelt zwischen privatem und öffentlichem Raum – wiederbelebt, der sich besonders auf die Bürger im dritten Lebensalter stützt und der sich darauf baut, dass sich die Bürger neben der gesetzlichen und privaten Finanzierung mit dem Aufbau eines sozialen Netzes eine dritte Säule der Altersvorsorge verschaffen.
Kirchengemeinden aber sind die einzigen Institutionen, die den dritten Sozialraum, die Nachbarschaft, systematisch abdecken. Noch immer ist das parochiale Netz engmaschig. Können sich Kirchengemeinden mit ihren Krankenpflegevereinen und Diakoniestationen zu einem Mitspieler der Gemeinwesenarbeit entwickeln? Können sie nachbarschaftliche Beziehungen stärken und die Ambulantisierung der Hilfen unterstützen? Können sie zu Moderatoren werden, damit sich Bürger und Profihelfer ergänzen?
Klaus Dörner will provozieren und es gelingt ihm. Aus meiner Sicht gibt er viele Anregungen, wie Kirchengemeinden mit ihrem Dienst am Gemeinwesen diakonische Kompetenz zurückgewinnen können, und wie es in Kooperation und sicher auch Auseinandersetzung mit etablierten diakonischen Einrichtungen gelingen kann, dass Menschen dort leben und sterben können, wo sie hingehören.

Kurt Witterstätter auf www.socialnet.de:
Einstieg
Die Deckung des Pflegebedarfs im Alter ist in unseren alternden Gesellschaften ein Dauerthema. Angesichts zunehmender Individualisierung auch im Alter mit Verringerung familialer Pflegepotenziale ängstigt die mögliche Erschöpfung pflegerischer Ressourcen für die letzte Lebensspanne mit schwindender Alltagskompetenz im privaten Bereich. Die menschlich entwürdigende und ökonomisch sich verschärfende Heimproblematik ist bekannt. Wenn unter diesen Umständen der seit Jahren als Institutionalisierungskritiker und Heimgegner bekannte Psychiater Klaus Dörner in seiner neuen Veröffentlichung "Leben und sterben, wo ich hingehöre" mit einer ausschließlich ambulanten altenpflegerischen Betreuung das Ende der stationären Versorgung einläutet, dann ist ihm die Aufmerksamkeit aller mit den Altenhilfesystemen befassten Sozialberufler und Experten gewiss.

Grundlegende Inhalte und Entstehungshintergrund
Beim lebenslangen Credo des mittlerweile 74jährigen Emeritus Klaus Dörner für die Ent-Institutionalisierung und Heimauflösung nimmt es nicht Wunder, dass er auch in seinem neuen, bei Paranus erschienenen Buch der ausschließlichen Versorgung alter Pflegebedürftiger in ihrem angestammten Wohnbereich das Wort redet. Wenn von den für 2050 erwarteten 3 Millionen Pflegebedürftigen nach seriösen Schätzungen 42 Prozent stationär versorgt werden müssten, würde die Heimbewohnerzahl von gegenwärtig 700.000 Menschen auf 1,3 Millionen Heimbewohner steigen. Bei der von Dörner bereits jetzt konstatierten "Konzentration der Unerträglichkeit" im Heimbereich der Super-Gau. Dazu noch begleitet von einem Kostenanstieg von 30 Milliarden Euro. Dörner weist folglich den Weg vom für ihn unabänderlichen Heim-Auslaufmodell zum "Übersprungsmodell" der im bürgerschaftlichen, dritten Sozialraum angesiedelten, ausschließlichen ambulanten Wohnpflegegruppen-Betreuung der alten Pflegebedürftigen. Helfer und Helferinnen sind für Dörner hierbei in Anlehnung an das alte Subsidiaritätsmodell die Pflegebedürftigen mit ihren verbliebenen Kräften selbst, ihre Angehörigen, Freunde, Nachbarn und Stadtteilbürger vor den Professionellen. Dieses Helfer-Setting muss zur Aufrechterhaltung seiner Lebensweltlichkeit ("wo ich hingehöre") bürgerzentriert und darf nicht mehr profi-zentriert sein: Die Hilfe muss zum alten Menschen gebracht werden statt dass dieser in die Hilfesysteme transferiert wird.

Ausgewählte Inhalte
Als neuartige menschheitsgeschichtliche Aufgabe umreißt Dörner zunächst die mit den herkömmlichen Praktiken der Institutionalisierung "auf der grünen Wiese" und der Ökonomisierung mittels Sozialleistungssystemen nicht mehr lösbaren Zunahmen der drei wachsenden Hilfebedürftigen-Gruppen Alte, Demente und Neo-Psychisch-Kranke. Wenn Staat und Markt teilweise versagen, bleibt für ihn nur noch das bürgerschaftliche Engagement abrufbar.
Das Entstehen einer solidaritätsorientierten Bürgerbewegung gerade auf dem Altenhilfe-Sektor sieht Dörner sodann seit den 1980er Jahren heraufgekommen. "Wir sind bereits in der Deinstitutionalisierung angekommen", stellt er fest (Seite 47). Die "auf uns haftenden Augen der Hilfebedürftigen" bewirken diese "neue Kultur des Helfens" (Seite 66).
Die Bürger-Wiederbelebung des dritten, des Sozialraums (neben privater und staatlicher Sphäre) lokalisiert Dörner im dritten Abschnitt jenseits der Familie in Nachbarschaft, Kommune und Kirchengemeinde, wo nach der Auslagerung der diakonischen Institutionen vor die Städte nun wieder "Gottes- und Menschen-Dienst zusammengeführt" werden könnten.
Vom Hilfsbedürftigen her gesehen entstehen nach Dörners viertem Abschnitt lokal als Orte des Pflegens und Helfens neben dem eigenen Haushalt des Pflegebedürftigen Nachbarschafts-Wohnpflegegruppen und Pflegestützpunkte: In der Stadt alle 500 bis 1000 Meter, auf dem Land alle fünf Kilometer.
Schließlich umreißt Dörner, wie sich die Pflege-Professionellen und die Heime an diese neue Entwicklung anpassen können: Mit Auslagerung von stationären Pflegegruppen und mit Fließmodellen. Der Staat habe diese Entwicklung mit persönlichen Budgets für die Pflegebedürftigen und mit Pflegeberücksichtigungszeiten für die Pflegenden zu flankieren.
In der "normalen Umgebung" soll sich auch das Sterben mit dem "Ziehen der letzten Spur für die anderen" vollziehen.

Diskussion
Dörners am skandinavischen Behinderten-Normalisierungsprinzip orientiertes Eintreten für eine ausschließlich ambulante Altenpflege ist so aufrüttelnd wie einst die Begründung der Lehre von der "totalen Institution" durch Erving Goffman (auf den natürlich auch Dörner rekurriert). Ein gewaltiger Pluspunkt von Dörners neuem Buch ist die Tatsache, dass er seine These von der Gangbarkeit der Ambulantisierung zum einen mit seinen eigenen Erfahrungen der Schaffung der Gemeindepsychiatrie um sein einstiges Gütersloher Landeskrankenhaus und sodann mit einer Fülle an Beispielen tragfähiger ambulanter Altenpflegedienste bis zum Lebensende aus eigener Anschauung belegt. Die vielen ambulanten Pflegemodelle, die Dörner immer wieder mit Adressen gespickt schildert, reichen deutschlandweit von Steinen im Wiesental über das mittelbadische Ettenheim, Eching bei München, Schwandorf, Bielefeld, Minden und Hamburg bis Husum.
Es geht also doch, möchte man meinen. Freilich: Skeptische Fragen bleiben. Die vielen erwähnten Beispiele sind ortsspezifisch heterogen. Kategorial verbleiben doch peinliche Reste. Etwa: Tragen Dörners Visionen zivilgesellschaftlich gestützter Pflege noch, wenn die familiale Stützung von derzeit 70 Prozent in vier Jahrzehnten auf unter 40 Prozent sinkt? Dörner geht dem nicht dezidiert nach. Und sind die "auf mir haftenden, fragenden Augen des Hilfebedürftigen" die große Motivation dazu, meinen "Überschuss an Freizeit" (Seite 69) "sozial in meine Bedeutung für andere abzubinden"? Da gibt es sicher bei unseren Zeitgenossen auch ganz andere Präferenzen. Nicht immer leicht nachvollziehbar sind Dörners kongruente Motivations-Konstrukte bei Helfenden, Hilfsbedürftigen und Profis, wenn man das Reziprozitätstheorem zu Rate zieht. Schließlich befremdet auch seine Polemik gegen das Ehrenamt als "Begriff aus feudaler Zeit": Woraus besteht denn schließlich Dörners vor allem in der Nachbarschaft verankerter "dritter Sozialraum" im Wesentlichen sonst?

Fazit
Ein notwendiges, nobles und humanes Buch mit einem unabweisbaren Fingerzeig zu einer menschenwürdigeren Altenpflege, wie wir sie uns sicherlich alle für uns selbst und für all unsere Weggenossen wünschen. Dörners Einsatz für eine Lebenswelt-Pflege hat den Vorteil, dass er aus eigener Anschauung kennt, wovon er handelt. Und er ist so offen, sich nicht darauf zu versteifen, dass es so kommt, wie er es für unabweisbar hält.

Rezensent: Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreut derzeit den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen


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