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Angehörige sind Erfahrene

Rezensionen

Prof. Asmus Finzen in: Psychosoziale Umschau:
Fritz Bremer und Hartwig Hansen, als Profis und als Verleger selbst „psychiatrieerfahren“, haben ein Buch vorgelegt, das aufmerken lĂ€sst. Sie haben 16 Angehörige von psychisch Erkrankten angeregt, ĂŒber ihre Erfahrungen mit ihren kranken Familienmitgliedern, mit sich selber und der Psychiatrie zu berichten. Sie haben die BeitrĂ€ge sorgfĂ€ltig ediert. Sie haben das Buch mit einer nachdenklichen EinfĂŒhrung – in der sie auch ĂŒber dessen Entstehungsgeschichte berichten und einem klugen zusammenfassenden Schlusskapitel versehen. Was ihre Autorinnen und Autoren reprĂ€sentieren, ist durchweg lesenswert – und vor allem gut lesbar. Es sind keine Selbsterfahrungsberichte im klassischen Sinne. Es sind Berichte darĂŒber, wie die Familien versucht haben, die Familienkatastrophe psychische Erkrankung zu bewĂ€ltigen, welche Tiefen und – seltener – Höhen sie dabei durchlebt haben und welche Hilfen sie dabei erfahren haben. Die kamen eher von anderen Angehörigen als von den Profis.
Die Psychiatrie kommt nicht besonders gut dabei weg. Die Vorbehalte sind konkret: Schuldzuweisungen an Angehörige scheinen immer noch nicht ausgestorben zu sein. AufklĂ€rung ĂŒber die Krankheit der Betroffenen wird Angehörigen nach wie vor nur widerwillig erteilt – auch nicht, wenn die Angehörigen die Kranken nach der Klinikentlassung betreuen und damit große Verantwortung ĂŒbernehmen. Partnerschaftliche Behandlung und Begegnung auf Augenhöhe sind nach wie vor anscheinend die Ausnahme in der Begegnung der Profis nicht nur mit den Angehörigen sondern auch mit den unmittelbar Betroffenen. Kann man nach 30 Jahren Angehörigen-Selbsthilfe-Bewegung, nach 40 Jahren Psychiatriereform anderes erwarten? Man sollte können. Aber wer als Profi, wie ich, im Studium gelernt hat, dass Angehörige nachgerade „Ungehörige“ seien, so einer meiner Professoren in einer Vorlesung. Wenn man in der Ausbildung gelernt hat, man solle die Angehörigen besser auf Distanz halten. Sie störten nur die Behandlung. Wenn man in der Ausbildung gar, obwohl wissenschaftlich seit Ende der Sechzigerjahre widerlegt, von der „schizophrenogenen“ Mutter gehört hat, dann kann man wohl auch nach anderthalb Generationen Psychiatriereform nicht allzu viel Gutes erwarten. Die Kritik an der Psychiatrie ist fast immer konkret und selten ĂŒbertrieben. Psychiatrie-Profis sollten sie zur Kenntnis nehmen – also das Buch lesen.
Es macht keinen Sinn, auf die EinzelbeitrĂ€ge einzugehen. Wichtig ist: Sie sind nicht monoton, schon gar nicht monotone Klagen. Alle berichten von ihren individuellen Schicksalen und davon, wie sich bewĂ€ltigt haben – viele erstaunlich gut, andere nur mĂŒhsam. Auch diese Vielfalt macht den Reiz des Buches aus. ErwĂ€hnt sei, dass zwei der Autorinnen eigene Blogs zur Schizophrenie und zu Angehörigenarbeit betreiben, dass eine, Janine Berg-Peer, zwei anrĂŒhrende BĂŒcher zum Thema geschrieben hat – bei Fischer und bei Kösel erschienen. ErwĂ€hnt seien auch die beiden BeitrĂ€ge von Ärzten/Ärztinnen, deren Erfahrungen sich kaum qualitativ von denen anderer Angehöriger unterscheiden. ErwĂ€hnt sei schließlich der Beitrag des Vorsitzenden des Hamburger Landesverbandes der Angehörigen seit 2003, Hans Jochim Meyer – selber Arzt –, der erklĂ€rt „Warum wir uns in der Selbsthilfe engagieren“ – ich möchte hinzufĂŒgen sollen. Sein Statement: „Nur wer sich zu Wort meldet, wird wahrgenommen,“ ist möglicherweise die wichtigste Botschaft des Buches. Sie ist zugleich ein Memento: eine weitere positive Entwicklung der psychiatrischen Behandlung und Versorgung ist ohne die Mitwirkung der unmittelbar unter mittelbar Betroffenen, also der Psychiatrie-Erfahrenen und ihrer Angehörigen, undenkbar.

Rezension von Prof. Josef BĂ€uml:
Dieses „Ermutigungs-Buch“ fĂŒr Angehörige und Betroffene ist eine ernĂŒchternde „Rosskur“ fĂŒr alle professionell in der Psychiatrie TĂ€tigen, die nicht ganz zu Unrecht „ihr Fett“ dafĂŒr abkriegen, dass sie - immer wieder und immer noch! - unter Berufung auf die Schweigepflicht auch ganz banale AuskĂŒnfte „triumphierend“ verweigern, obwohl die Angehörigen ohnehin meist tausendfach besser ĂŒber die Erkrankten Bescheid wissen als die engagiertesten Therapeuten! Elisabeth Richter kann sich hierbei den ironischen Stoßseufzer nicht verkneifen, dass eben Klinik und Angehörige fast „natĂŒrliche Feinde“ seien. Eine Reihe sehr beeindruckender Erfahrungsberichte, die in ihren Aussagen und Empfehlungen teilweise nicht widersprĂŒchlicher sein könnten und dennoch eine in sich stimmige Botschaft vermitteln: Psychotische Erkrankungen gehören zu den unglaublichsten und gleichzeitig faszinierendsten Extremsituationen des menschlichen Lebens! Insgesamt wirkt es fast beklemmend, mit welcher Entschiedenheit die einen Angehörigen (Janine Berg-Peer und Angelika Bardelle) berichten, dass erst durch ihr „Loslassen“ sich die Situation der Erkrankten letztlich gebessert habe, wĂ€hrend Elisabeth Richter und Barbara Mechelke sich diese „Abgrenzungs-Empfehlung“ geradezu „verbitten“! Der dadurch aufgerissene tiefe Graben mĂŒsse im Falle einer erneuten psychotischen Dekompensation, wenn dann in der Regel oft keine Profis in Sicht seien, von den Angehörigen wieder mĂŒhsam ĂŒberwunden werden, um die Erkrankten nicht ihrem Schicksal zu ĂŒberlassen. Es scheint eben keine allgemeingĂŒltige Patentempfehlung zu geben! Familie Rast rĂ€umt in diesem Kontext ihrem Sohn trotzdem das Recht ein, „wieder auf die Nase zu fallen“, allerdings erst nach seiner „Wendung“ mit zunehmender Krankheitseinsicht und selbstĂ€ndiger Medikamenteneinnahme 

Besonders bedrĂŒckend wirkt aus Sicht eines Arztes fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie der fĂŒr Angehörige oft selbstverzehrende Ambivalenzkonflikt des FĂŒr und Widers gegenĂŒber einer medikamentösen Behandlung. Immer wieder wird diese schmerzhafte Zerreißprobe beschrieben, das geliebte Kind vor diesem „Teufelszeug“ (Sandra Bischoff) beschĂŒtzen zu mĂŒssen. Gleichzeitig endet aber fast keine der 16 Fallgeschichten ohne die oft beilĂ€ufig wirkende Bemerkung, dass es dem Familienangehörigen jetzt, nach der weitgehenden Akzeptanz seiner Krankheit mit „regelmĂ€ĂŸiger Einnahme seiner Medikation“, wieder leidlich gut gehe.
Wer weiß, wie viel Leid den einzelnen Familien und vor allem den Betroffenen selbst erspart geblieben wĂ€re, wenn es frĂŒhzeitig gelĂ€nge, die nach heutigem Wissensstand fĂŒr das Gros der Patienten sehr hilfreiche Medikation nicht nur als „billige Ruhigstellung“ sondern bei intelligenter Dosierung als „unverzichtbare Basis fĂŒr eine weitgehende Gesundung“ nahe zu bringen! Warum schaffen es die psychiatrischen Einrichtungen nach wie vor nicht, den Angehörigen vor allem zu Beginn einer psychotischen Erkrankung rasch und unmittelbar psychoedukative Angehörigengruppen anzubieten? Durch eine basale Information ĂŒber die HintergrĂŒnde der Erkrankung und die erforderlichen Behandlungsmaßnahmen bei gleichzeitigem Erfahrungsaustausch untereinander kann eine sehr hilfreiche BewĂ€ltigungskompetenz aufgebaut werden! In nahezu allen BeitrĂ€gen wird die fast einer Erlösung gleich kommende Erfahrung geschildert, wie nach einer laiengerechten AufklĂ€rung und/oder einem befreienden Austausch mit Schicksalsgenossen die bisherige VerĂ€ngstigung und LĂ€hmung gewichen seien. Nur so kann das protektive Potential der Angehörigen geweckt und frĂŒhzeitig in einen Recovery-orientierten Genesungsprozess integriert werden!
Es ist ein Genuss zu lesen, mit welcher unverwĂŒstlichen Treue sich die allermeisten Angehörigen fĂŒr ihre erkrankten Familienmitglieder einsetzen und ihnen beistehen, wenn viele Profis bereits resigniert abwinken. Das wertvollste Kapital aller Schwerkranken ist der unverbrĂŒchliche Glaube und die nie erlahmende Hoffnung der Verwandten an eine Besserung! Barbara Mechelke beschreibt diesen Kampfgeist sehr anschaulich mit den Worten: „Wem das Wasser bis zum Halse steht, der darf den Kopf nicht hĂ€ngen lassen!“ Sehr viel besser kann man die Überlebensphilosophie vieler „Lebensabschnittsangehöriger“ (Christina Hanus), die stĂ€ndig „auf Abruf in Hilfsbereitschaft“ stehen, nicht charakterisieren! Und das Ehepaar Rast schĂ€mt sich nicht, hierbei ganz einfach auch die „elterliche Liebe“ als primum movens fĂŒr ihre unerschĂŒtterliche UnterstĂŒtzungsbereitschaft anzufĂŒhren.
Dieses Buch sollte zur PflichtlektĂŒre fĂŒr alle Profis werden, um jenseits aller Theorie ein GefĂŒhl dafĂŒr zu bekommen, wie verzweifelt Angehörige oft sind, wie sehr sie sich von den Profis in Stich gelassen fĂŒhlen und wie einfach es eigentlich wĂ€re, mit etwas „Herz und Verstand“ - und allerdings auch einem entsprechenden Zeitkontingent! - die Angehörigenseelen fĂŒr sich und eine vernĂŒnftige Zusammenarbeit zum Vorteil aller Erkrankten zu gewinnen!
Ich wĂŒnsche diesem Buch bei allen trialogischen Parteien eine sehr weite Verbreitung mit der Hoffnung, dass auch interessierte Laien sich in diese Zeilen „verirren“ um dann den Erkrankten, ihren Familien und vielleicht sogar der Psychiatrie mit grĂ¶ĂŸerem Wohlwollen und VerstĂ€ndnis zu begegnen.

Alexandra Chuonyo in: unbeirrbar – InfoForum fĂŒr Angehörige psychisch Kranker in Bayern
Viele Angehörige fĂŒhlen sich so als könnten sie ganze BĂŒcher ĂŒber ihr Schicksal, ihre Erlebnisse mit einem psychisch kranken Menschen und dessen Begleitung schreiben. Die meisten tun es nicht. Und nun hat der Paranus Verlag diese Idee aufgegriffen und hat Berichte von 18 Angehörigen in dem Buch „Angehörige sind Erfahrene. Ein Ermutigungsbuch" zusammengefasst. Dieses Mal liegt also ein richtiges Selbsthilfebuch in schriftlicher Form, zur Besprechung vor vor mir.
Berechtigterweise stellte sich der Herausgeber Fritz Bremer in seinem Vorwort die Fragen. „Wer will das lesen? Wollen 'ProïŹs' und 'Psychiatrie-Erfahrene' tatsĂ€chlich etwas von den Angehörigen wissen? Und die Angehörigen kennen ihre eigenen Geschichten und die der anderen in den Angehörigengruppen. Wollen sie selbst das alles noch mal lesen? Wer sucht so ein Buch?" Er und sein Herausgeberkollege Hartwig Hansen kamen zu der Überzeugung. dass fĂŒr ein Angehörigen-Erfahrungsbuch durchaus ein Bedarf bestehen könnte, wenn es den Autoren gelingt, nicht ĂŒber das Leid und BewĂ€ltigungsversuche des kranken Menschen zu schreiben, sondern wirklich nur ĂŒber sich selbst, ĂŒber ihre eigenen GefĂŒhle.
Und dies ist den Verfassern der KurzbeitrĂ€ge gelungen. Sie beschĂ€ftigen sich aus den unterschiedlichen Perspektiven, als Vater, Mutter, Kind, Schwester, Partner eines psychisch kranken Menschen, mit Fragen wie zum Beispiel, was die Erkrankung fĂŒr sie selbst, ihre eigene Entwicklung und Lebensgeschichte bedeutet, wodurch sie sich ermutigt fĂŒhlen, worin sie Entlastung finden.
Und daher trĂ€gt das Buch auch mit Recht den Untertitel „Ein Ermutigungsbuch". In den einzelnen Erfahrungsberichten wird jeweils eine selbstbewusste Haltung spĂŒrbar. Dieses Selbstbewusstsein
ermöglicht ein verĂ€ndertes RollenverstĂ€ndnis, das innerhalb der Familie, aber auch in anderen sozialen BezĂŒgen, in der Selbsthilfe und in der Öffentlichkeit, neue Möglichkeiten eröffnet.
Zu einem selbstbewussten Umgang mit dem Schicksal „Angehöriger eines psychischen kranken Menschen" will und kann das Buch ermutigen. Das ist auch das Ziel jeder Selbsthilfe, sich von den GefĂŒhlen Schock, Ohnmacht, Schuld, Angst und Hilflosigkeit zu befreien und neues Selbstbewusstsein und neue LebensqualitĂ€t zu erlangen. Lesen Sie selbst und holen sich Anregungen fĂŒr Ihre eigene Selbsthilfe, lassen Sie sich Mut machen.

Rezension von Dr. Margit Schmolke, MĂŒnchen, in: Sozialpsychiatrische Informationen:
Endlich ein Buch von Personen, die einen psychisch erkrankten Angehörigen haben, sei es der Ehepartner, die Tochter oder der Sohn. Die Herausgeber haben 17 Angehörige eingeladen, ĂŒber sich zu erzĂ€hlen. Und es ist ein Buch entstanden, das Raum gibt fĂŒr ihre subjektive Sicht, in dem die persönlichen Geschichten und Erfahrungen aus ihrer Perspektive zum Ausdruck kommen. Und das ist ein sehr mutiger Schritt der Angehörigen in die Öffentlichkeit, heraus aus der oftmals verzweifelt erlebten Isolation. Denn oft ziehen sich Angehörige von psychisch erkrankten Menschen immer mehr zurĂŒck aus ihren sozialen BezĂŒgen aus Scham- und SchuldgefĂŒhlen oder Resignation, oder sie werden von anderen zunehmend gemieden und ausgegrenzt, ein Ausdruck einer sekundĂ€ren Stigmatisierung in der Gesellschaft. Eine klare Antwort dagegen stellen die in den letzten Jahrzehnten entstandenen gut organisierten Angehörigengruppen und –verbĂ€nde dar, in denen sich Angehörige austauschen und informieren ĂŒber die Ursachen, Entwicklung und Behandlung von psychischen Erkrankungen. Sie ringen um einen direkten Austausch mit den behandelnden Ärzten und Therapeuten vor allem in stationĂ€ren Einrichtungen und darum, als Angehörige und als Partner in der Behandlung eingebunden zu werden. Denn nach einer Akutbehandlung sind sie die Hauptbezugspersonen, die die Last der Erkrankung im tagtĂ€glichen Alltag zu tragen und auszuhalten haben. Sie möchten mit der Last der Verantwortung nicht alleine sein.
Und diese Themen spiegeln sich in den Geschichten und in den persönlichen Erfahrungen wider: der Schock und die Ratlosigkeit, die Ohnmacht und die Angst, wenn plötzlich oder schleichend ein wichtiger Mensch in der Familie an einer psychischen Erkrankung leidet. In den einzelnen Geschichten werden ihre Erfahrungen von persönlicher Verwicklung und emotionaler Verstrickung mit ihren Angehörigen hautnah spĂŒrbar, aber auch individuelle Wege und Lösungen aus dieser Verstrickung wieder hin zu einem eigenen Leben. Und das ist das Besondere an den Geschichten, dass die Angehörigen oftmals nach langen Leidenswegen und nach wichtigen Erkenntnissen einen Lösungsweg finden, sich aus der Schuld- und Resignationsspirale zu befreien und ihre eigenen BedĂŒrfnisse wieder wahrzunehmen und umzusetzen. Daher ist es zu Recht ein Ermutigungsbuch.
Die Herausgeber baten die Angehörigen, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Es ging nicht um die Frage „Wie leidet der andere?“, sondern „Was belastet mich?“, es ging auch nicht um die Frage „Was hat dem anderen geholfen?“, sondern „Was hat mir geholfen?“ und „Welchen Sinn hat diese Erfahrung in meinem Leben?“.
Hier eine Erfahrungsgeschichte, die stellvertretend fĂŒr viele Geschichten ist und das Dilemma zwischen Verantwortung und Wunsch nach einer guten wechselseitigen Ablösung verdeutlicht. Eine Mutter, deren erwachsener Sohn sich nach langem Leidensweg erstmalig in professioneller Behandlung befand, berichtet ĂŒber die Begegnung mit einer anderen Mutter wĂ€hrend eines Kuraufenthalts, sie sprechen ĂŒber ihre kranken Söhne und beide glaubten: „Wir dĂŒrfen nicht glĂŒcklich sein, nicht lachen, wĂ€hrend unsere Kinder doch so leiden. Heute kann ich auch die zweite HĂ€lfte des Gedankens aussprechen: Was wĂ€re ich denn dann fĂŒr eine Mutter
?!“ Und weiter. „Ich blieb in der Kur, auch wenn es Höllenqualen fĂŒr mich bedeutete. Doch von Tag zu Tag wurde es leichter. Ich gewöhnte mich daran, meinen Sohn anderen Menschen anzuvertrauen und vor allem sich selbst. Und es fĂŒhlte sich gar nicht so schlecht an, langsam aber sicher wurden die Last und das Loslassen leichter
“ Die Mutter kam lange Zeit nicht auf die Idee, dass es auch UnterstĂŒtzung fĂŒr sie als Mutter geben wĂŒrde. Sie wĂŒnschte sich Hilfe fĂŒr ihren Sohn, und das war vorrangig. Sie ging einen langen Weg, bis sie UnterstĂŒtzung in einer Selbsthilfegruppe in einem Angehörigenverband gefunden hat, wo sie sich schließlich spĂ€ter selbst engagierte. Sie hat erkannt, dass Eltern dazu neigen, schnell alles in die Hand zu nehmen, weil sie denken, das mĂŒsse so sein, und weil es ihnen selbst dadurch vermeintlich besser geht. Dass sie ihrem Sohn damit auch die Verantwortung fĂŒr sich und sein Leben aus der Hand genommen hat, das wurde ihr erst viele Jahre spĂ€ter klar.
In einer anderen Geschichte mit dem Titel „Von der aufgeregten zur gelassenen Mutter“ sagt eine Mutter der damals 17-jĂ€hrigen Tochter, die gerade die Diagnose Schizophrenie erhalten hat: „Ich vertraute blind der Meinung der Ärzte und erwartete Hilfestellungen von ihnen. Aber diese Hoffnung zerschlug sich schnell: Psychiater sind nicht fĂŒr Angehörige da, sie haben keine Zeit und verstecken sich hinter der Ă€rztlichen Schweigepflicht.“ Nach vielen Jahren des Bangens und der Sorgen sowie der Angst vor der nĂ€chsten Krise ihrer Tochter konnte sie schließlich ihre Aufopferungshaltung ihr gegenĂŒber aufgeben. Als Wendepunkt in der Beziehung zur Tochter gibt sie an, dass sie nicht mehr weinte, sondern „endlich eine gesunde Reaktion“ zeigte, sie wurde wĂŒtend. Heute resĂŒmiert die Mutter: „Meine BefĂŒrchtungen nach der Diagnose haben sich nicht bewahrheitet. Ich sehe meine Freunde wieder, ich koche, lese und schreibe wieder gern und fahre vergnĂŒgt ins Garten-Center, um mir viel zu viele Pflanzen fĂŒr die Terrasse zu kaufen. Meine Tochter ist jetzt 35 Jahre alt und managt ihre Krankheit selbstĂ€ndig: Sie nimmt Hilfe von Fachleuten an, verhandelt ihre Tablettendosis mit ihrem Arzt, akzeptiert die Hilfe von ihrer Soziotherapeutin, geht in Gruppen, hat Freunde und macht eine Weiterbildung, weil sie unbedingt wieder arbeiten will.“
Die Ehefrau eines schwer depressiven Partners beschreibt in eindrĂŒcklicher Weise ihre Geschichte. Was ihr geholfen hat, waren ihr Glaube und die GesprĂ€che in einer Angehörigengruppe, die sie entlastet und ihr wieder Kraft und Zuversicht gegeben haben. Sie schreibt: „Unser Leben ist anders als vorgestellt verlaufen. Aber auch unerwartete, schwierige Abschnitte mĂŒssen und können im Leben bewĂ€ltigt, gemeistert werden. Ich habe das große Vertrauen meines Mannes nicht enttĂ€uscht. Ich bin stĂ€rker geworden, weil ich mit ihm getragen und ertragen habe. Unsere Gemeinschaft ist inniger geworden. Das Schönste, was mein Mann mir immer wieder sagt, ist der Satz: ‚Ohne dich gĂ€be es mich nicht mehr.‘ (
) Dank meiner UnterstĂŒtzung hat mein Mann Schritte gewagt, die ihm seine Lebensfreude, sein Selbstbewusstsein ein StĂŒck zurĂŒckgegeben haben. (
) Wir sind dafĂŒr dankbar und schĂ€tzen unser Zusammensein als nicht selbstverstĂ€ndlich. Ich vergleiche uns mit einer Seilschaft, die sich vertraut. Einer sichert den anderen ab. FrĂŒher sind wir beide sorglos oben geklettert.“
Schließlich kann eine Mutter heute berichten, dass ihr und ihrem Ehemann die professionelle Hilfe eines sozialpsychiatrischen Dienstes geholfen hat, mit ihrer erwachsenen Tochter inzwischen entspannter umzugehen. Vorausgegangen waren viele Zuspitzungen und dramatische Verstrickungen mit der Tochter, die Eltern waren zerrissen zwischen hohem VerantwortungsgefĂŒhl und Loslassen der Tochter in ihre Autonomie mit allen Ängsten, die damit verbunden waren. Durch trialogische GesprĂ€che, d.h. zwischen Mutter, der Tochter und den Ärzten, gelang es schließlich, die Entscheidung der Tochter ĂŒber ihr eigenes Leben endgĂŒltig zu ĂŒberlassen. Den Ängsten folgte das Vertrauen auf beiden Seiten, dass auch wieder Wege aus Krisen gefunden werden können.
Als ResĂŒmee kann ich sagen, dass die Herausgeber und die Angehörigen mit diesem Buch ein wichtiges Ziel erreicht haben, nĂ€mlich die hoffnungsvolle Botschaft zu vermitteln, dass es sich lohnt, Hilfe anzunehmen und zu kĂ€mpfen, um aus der Isolation und Tabuzone einer psychischen Erkrankung herauszutreten und die damit verbundene Stigmatisierung in der Gesellschaft zu reduzieren. Ein offenes Sprechen ĂŒber die eigenen Belastungen und ein bewusstes Aufeinander-Zugehen von Angehörigen und Professionellen auf Augenhöhe im psychiatrischen Klinikalltag kann zu einer konstruktiven Beziehungsgestaltung und zu neuen Lösungswegen sowohl fĂŒr den psychisch kranken Angehörigen sowie fĂŒr die Angehörigen fĂŒhren. Dass man sich nicht lebenslang aufopfern muss und ein Recht auf eigenes Leben hat, ist eine wichtige Bewusstwerdung fĂŒr den Angehörigen und eine Entlastung fĂŒr den kranken Partner oder das kranke Kind. Dazu ist jedoch auf Seiten der Professionellen die Bereitschaft notwendig, ein neues RollenverstĂ€ndnis zu entwickeln, d.h. die Begegnung und Austausch auf einer partnerschaftlichen Ebene statt in einem hierarchischen MachtgefĂ€lle, hier der hilflose Patient und der Angehörige und dort der Experte, der weiß, was der andere braucht. AngehörigenverbĂ€nde, Selbsthilfegruppen, psychotherapeutische Angebote sowohl fĂŒr Angehörige als auch fĂŒr Patienten, Ex-In-Ausbildung und -AktivitĂ€ten, trialogischer Austausch, Recovery-Orientierung in der Versorgungslandschaft sind wichtige innovative Bausteine in diese Richtung. Das ist ein engagiertes Buch, das ich Professionellen empfehlen kann, die in diese Richtung gehen möchten, ebenso Angehörigen und Patienten.

Martin Osinski in: Soziale Psychiatrie:
Wir sind auch noch da!
SpĂ€testens seit dem flĂ€chendeckenden Durchbruch der EX-IN-Bewegung, seit der Quasiprofessionalisierung des Erfahrungswissens ist – so will mir scheinen – die dritte Gruppe im Trialog ein wenig ins Hintertreffen geraten. Die Psychiatrie-Erfahrenen, naja‚ jedenfalls eine wachsende Zahl selbstbewusster Vertreterinnen, drĂ€ngen ins Profi-Lager, wollen ihre Erfahrungen einbringen und fordern dafĂŒr mindestens Mindestlohn. ZurĂŒck bleiben scheinbar die Angehörigen, die frĂŒher immer einen Schritt vor den Erfahrenen durch die TĂŒr traten.
Oder ist das subjektive Wahrnehmung eines Profis, der gerade etwas außerhalb des Trialogfeldes steht? Wie auch immer, ich finde, dieser neue Sammelband aus dem Paranus-Verlag kommt gerade recht, um der Angehörigenbewegung Wind unter die FlĂŒgel zu fĂ€cheln.
"Ein Ermutigungsbuch" verspricht der Untertitel. Der richtige, wichtige Gedanke dahinter: Auch Angehörige haben Erfahrungswissen; und dieses Erfahrungswissen steht zuallererst ihnen selbst zu beziehungsweise anderen Angehörigen in Àhnlicher Lage.
FĂŒr sie also ist das Buch gemacht: Angehörige melden sich zurĂŒck im Geschehen, stellen ihre Erfahrung anderen Angehörigen zur VerfĂŒgung. Das geradezu revolutionĂ€r Neue daran: Es geht endlich mal nicht um dieses instrumentelle Denken – der Angehörige muss gesund, fit, wissend sein, um "seinem Patienten" helfen zu können, jetzt und in Ewigkeit. Es geht nicht um die nĂ€chste Ratgebervariante "Psychose verstehen fĂŒr Mitbetroffene".
Neu also ist, dass Angehörige das eigene Leben, die eigene Gesundheit in den Mittelpunkt stellen. Dass sie ihr Leben nicht unter den Generalverbehalt des Angehörigendaseins stellen, sondern ein Leben trotz, neben, nach der Angehörigen-Rolle fĂŒr sich reklamieren. Und das ihren Leserinnen als erlaubten Entwurf anbieten‚ entgegen allen Selbst- und Fremderwartungen, wie selbstlos und uneigennĂŒtzig Angehörige zu sein hĂ€tten.
Fritz Bremer erlĂ€utert im Vorwort die Entstehungsgeschichte des Buchs. Mit einem Schreibaufruf hatten sich Hansen und Bremer an ihnen bekannte Angehörige, aber auch an die LandesverbĂ€nde der Angehörigenbewegung gewandt. Die Resonanz sei riesig und ĂŒberwiegend positiv gewesen. Auch kritische und zurĂŒckweisende Reaktionen seien vorgekommen, so Bremer. Er ordnet diese aber so feinfĂŒhlig in den Kontext des Trialogs ein, dass bereits die LektĂŒre des Vorworts ein Gewinn ist.
Es folgen sechzehn BeitrĂ€ge von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Wer das Buch nicht von vorn nach hinten durchlesen möchte, kann sich vom Inhaltsverzeichnis inspirieren lassen, das neben Autorinnen/Autoren und Überschriften auch die ersten Worte des Textes enthĂ€lt – eine schöne Idee, die neugierig auf die Texte macht. Die sind in Stil und Inhalt so facettenreich, wie man es bei dieser bunten Mischung von Autorinnen und Autoren erwarten darf.
Abgerundet wird die Textsammlung mit einem Beitrag von Hartwig Hansen, der ein Phasenmodell des Angehörigenseins vorschlĂ€gt. "Verwirrung, Angst und Ohnmacht" herrschen, solange noch nicht wirklich klar ist, was das Familienleben zu verĂ€ndern beginnt. Drei weitere Phasen folgen‚ deren letzte Hansen mit "Akzeptieren und Gestalten" bezeichnet. Wie die Situation akzeptiert, das Leben trotz alledem gestaltet werden kann, davon handeln die BeitrĂ€ge in diesem Buch. Eine empfehlenswerte Bereicherung der trialogischen Bibliothek!

Judith Reiss in: Kontakt – Zeitschrift der HPE Österreich (Hilfe fĂŒr Angehörige psychisch Erkrankter):
„Angehörige psychisch erkrankter Menschen haben so viel zu erzĂ€hlen. Sie haben etwas zu sagen. Aber wo ist ihr Wissen aufgeschrieben und nachzulesen? Wo wird es wirklich zur Kenntnis genommen?“
Diese Fragen beschĂ€ftigten Fritz Bremer und Hartwig Hansen, als sie beschlossen, ein Buch herauszugeben‚ das die Erfahrungen von Angehörigen in den Mittelpunkt stellt. In einem Schreibaufruf baten sie Angehörige von psychisch erkrankten Menschen, ihre Erfahrungen niederzuschreiben. Dabei sollten nicht die Not und das Leiden des psychiatrieerfahrenen Menschen aus der Sicht der Angehörigen dargestellt werden, sondern die eigene Situation, die eigene Belastung und der eigene Weg der BewĂ€ltigung.
Das Ergebnis dieses Schreibaufrufs ist ein Buch, das sechzehn Erfahrungsberichte von Eltern und Partnerinnen von psychisch erkrankten Menschen umfasst – ein „Ermutigungsbuch“, wie der Untertitel in Aussicht stellt. Dieser Untertitel weckt vielleicht die Erwartung, dass ausschließlich positive VerlĂ€ufe berichtet oder schmerzhafte Erfahrungen beschönigt werden, doch das ist nicht der Fall.
Die Angehörigen schildern offen ihre persönlichen Erlebnisse des Schocks, der VerzweiïŹ‚ung und der Erschöpfung. Sie erzĂ€hlen von ihrer Hilflosigkeit im Angesicht der Erkrankung, von den Auswirkungen auf das Familienleben, von frustrierenden Begegnungen mit professionellen HelferInnen in der Psychiatrie, von Stigmatisierung und enttĂ€uschten Hoffnungen.
Doch es steckt nicht nur Leidvolles in den Geschichten. Sie handeln ebenso von positiven Überraschungen, heilsamen Entwicklungen und gegenseitiger UnterstĂŒtzung. Sie zeigen auf, dass selbst schwere Krisen ĂŒberwunden werden können und dass es möglich ist, im Lauf der Zeit Vertrauen und Gelassenheit zu gewinnen. Mehrmals wird die entlastende Wirkung von Selbsthilfeangeboten betont.
Die Autorinnen und Autoren beschreiben in ihrem jeweils eigenen Stil, in eigenen Worten und Metaphern ihre ganz persönlichen Wege der Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Sie benennen, was sie als hinderlich und was sie als hilfreich empfunden haben.
Die vielfĂ€ltigen Erfahrungen haben letztendlich etwas Verbindendes: Sie machen Mut, indem sie Möglichkeiten der Weiterentwicklung und Neuorientierung aufzeigen – insofern wird das Buch seinem Untertitel durchaus gerecht. Nicht zuletzt ermutigt dieses Buch zu einem selbstbewussten Umgang mit den eigenen Erfahrungen, denn, wie Hartwig Hansen unterstreicht, „Angehörige sind Erfahrene!“

Verena Liebers in: Der Eppendorfer
Den Angehörigen anhören – Ein Ermutigungsbuch von Fritz Bremer und Hartwig Hansen
Jede Krankheit verĂ€ndert und beschwert das Leben, nicht nur das der Betroffenen selbst, sondern auch das ihres Umfeldes. Wer im Rollstuhl sitzt, mag den Fußweg vielleicht nicht vermissen, aber Partner, Verwandte und Freunde sind dann auch gefordert, barrierefreie RĂ€ume zu entdecken. Nicht anders ist es, wenn psychische Beschwerden den Radius einer Person einengen. Gerade Eltern befinden sich hier in einer großen ZwickmĂŒhle gegenĂŒber ihren Kindern. Wann endet die Verantwortung fĂŒr die Nachkommen, wenn diese sich im Leben nicht zurechtfinden? Die Grenze zwischen loslassen und fallen lassen ist schmal und muss stĂ€ndig neu gefunden werden.
Die pĂ€dagogisch und psychologisch geschulten Herausgeber Fritz Bremer und Hartwig Hansen haben Angehörige sehr gezielt danach gefragt die psychische Krankheit ihres Angehörigen in ihrem eigenen Leben verĂ€ndert hat. Interessant daran ist, dass es zwar schon einige BĂŒcher von Angehörigen gibt, aber im Regelfall steht dabei der Erkrankte im Fokus. Das „Ermutigungsbuch“ von Bremer und Hansen hat dagegen das Ziel, die Angehörigen anzuhören und deren persönliches Erleben in den Mittelpunkt zu stellen.
In den einzelnen Erfahrungsberichten wird allerdings deutlich,dass sich oft nicht so ganz klar trennen lĂ€sst, wo das eigene Problem beginnt und das des Erkrankten aufhört. Die Mehrzahl der 17 Berichte stammen von weiblichen Angehörigen. Das wirft die Frage auf, ob Frauen eher bereit sind, Auskunft zu geben oder ob die Erfahrung mit dem psychisch erkrankten Familienmitglied fĂŒr sie eine grĂ¶ĂŸere Bedeutung hat als fĂŒr die MĂ€nner.
Das Thema Abgrenzung vom Kind wird in mehreren BeitrĂ€gen angesprochen und ist seit jeher auch in gesunden Familien fĂŒr MĂŒtter eine besondere Herausforderung. Janine Berg-Peer, die auch bereits ein eigenes Buch zum Thema geschrieben hat‚beschreibt sehr nachvollziehbar, wie schwer es ist, sich vom strauchelnden Kind abzugrenzen. Immer wieder auftretende Krisen als ErfahrungsrĂ€ume zu akzeptieren, statt sie mit aller Kraft zu vermeiden, ist ihr wichtigstes ResĂŒmee.
Insgesamt wird in den ErzĂ€hlungen vor allem klar, dass die liebenden Familienangehörigen mit ihren Problemen vielfach sehr allein gelassen wurden und werden. WĂ€hrend sich Arzt und Therapeut um den Patienten kĂŒmmern und Freunde sich erschrocken zurĂŒckziehen, bleiben die Fragen und Nöte der Angehörigen oft angehört, ihr Wissen ungenutzt. Gerade diejenigen, die tagaus tagein mit dem Psychotischen, dem Depressiven oder Verzweifelten zusammenleben, bekommen wenig RĂŒstzeug an die Hand, um mit dieser schwierigen Situation umzugehen.
Soll der Sohn zur Mitarbeit im Haushalt angetrieben werden oder ist er damit ĂŒberfordert? Soll man den Ehemann zur Arbeit ermutigen oder eher zur Berentung? Sollen Medikamente lebenslĂ€nglich akzeptiert werden oder sind Krisen eher zu akzeptieren als die Gewichtszunahme?
In allen BeitrĂ€gen wird deutlich, dass die Selbsthilfegruppen und speziellen Angehörigen-VerbĂ€nde sehr bedeutend sind. Durch die gemeinsamen Aktionen und den Austausch fließen wichtige Informationen und entstehen Halt gebende Beziehungen.
Ein Buch, das nachdenklich macht und zeigt, dass es sich lohnt, den Mut nicht zu verlieren. Die LebensqualitĂ€t der Betroffenen und ihrer Familien entwickelt sich mitunter weit besser, als das die Diagnosen der Ärzte vermuten ließen. Dennoch wird auch klar, dass im Angesicht psychiatrischer Diagnosen viel Leichtigkeit des Lebens verloren geht. Einander zuzuhören ist der wichtigste Schritt, um diese BĂŒrde auf viele Schultern zu verteilen.

Stefanie Hubert, Deutsche Gesellschaft fĂŒr Bipolare Störungen, im DGBS-Newsletter:
Buchempfehlung fĂŒr Angehörige, aber keinesfalls nur fĂŒr Angehörige
Ein ambitioniertes Projekt mit mutigen und sehr differenzierten BeitrĂ€gen: 17 Angehörige berichten ĂŒber ihre Erfahrungen und ihr Leben mit einem bipolaren oder schizophrenen, meist erwachsenen Kind oder einem erkrankten Partner bzw. Partnerin. Die LektĂŒre ist erschĂŒtternd, aufrĂŒttelnd und, ja, auch ermutigend.
Wen interessiert schon die Not der Angehörigen? Wen interessieren die oft völlig aus der Bahn geworfenen Biografien der Angehörigen? Wir selbst schweigen oft viel zu lange und ertragen die Last, weil wir gar nicht anders können. Wir fragen uns selbst, was haben wir falsch gemacht, wo haben wir den rettenden Pfad verpasst, was haben wir ĂŒbersehen? Wir beïŹnden uns in einem stĂ€ndigen Ausnahmezustand, in stĂ€ndiger Überforderung und versuchen mit aller Kraft, alles am Laufen zu halten. Oft fĂŒhlt es sich in Krisenzeiten so an, als wĂŒrde es nie mehr besser werden. Alles konzentriert sich auf die Erkrankung und den oder die Erkrankten. Alles ist davon beherrscht. Wo bleiben wir Angehörigen? Zum Innehalten bleibt oft keine Zeit. Und Hilfe fĂŒr Angehörige gibt es nach wie vor wenig, geschweige denn Sympathie oder Anerkennung.
Von alledem spricht das Buch. Angehörige sind in der Tat Erfahrene und haben viel zu erzĂ€hlen. In dieser außergewöhnlichen Textsammlung stehen ĂŒberaus lebendige, lebenskluge und schonungslos ehrliche Berichte. Bisweilen auch selbstkritische. Die Angehörigen, in der Mehrzahl MĂŒtter von schizophrenen Söhnen, nehmen uns mit in die AbgrĂŒnde ihrer Ängste, VerzweiïŹ‚ung, SchuldgefĂŒhle, Überforderung und Einsamkeit.
Und viele berichten zu irgendeinem Zeitpunkt von einer Art SchlĂŒsselerlebnis, das es ihnen ermöglichte, ihren Kurs zu Ă€ndern, die eigene Einstellung zu justieren oder bisher rĂ€tselhafte Dinge und Verhaltensweisen plötzlich zu verstehen. Den meisten Eltern in diesem Buch gelingt es schließlich, die Erkrankung ihres Kindes anzunehmen als Teil ihres Lebens. Bei Partnerschaften sind die Wege wieder etwas andere.
Das Buch steht in einem gewissen Gegensatz zum VorgĂ€ngerbuch „Der Sinn meiner Psychose“, worin Psychiatrieerfahrene in spannenden BeitrĂ€gen darĂŒber berichten, was sie als positiv an ihren Psychosen erleben und erlebt haben. Die Angehörigen finden in diesem VorgĂ€ngerbuch interessanterweise ĂŒberhaupt keine ErwĂ€hnung. Umgekehrt sind die Betroffenen in dem jetzt erschienenen Buch naturgemĂ€ĂŸ allgegenwĂ€rtig. Die Angehörigen, die hier berichten, erkennen in der Regel keinen „Sinn“ in ihren Erfahrungen als Angehörige. Doch sie schreiben darĂŒber, wie sie nach und nach lernen, die Situation anzunehmen und die guten Zeiten bewusster und intensiver als zuvor zu erleben. Sie schreiben auch darĂŒber, wie wichtig es ist, sich selbst nicht zu vergessen und zu verlieren. Ob es wirklich ein „Ermutigungsbuch“ ist, wie der Untertitel besagt, da bin ich mir etwas unschlĂŒssig. Zumindest ist es gleichzeitig auch ein ErnĂŒchterungsbuch, denn es beschönigt nichts. Es ist aber auch ein Trostbuch, weil wir uns verstanden fĂŒhlen.
Mich wĂŒrde interessieren, ob auch Betroffene oder „ProïŹs“ mit diesem Buch etwas anfangen können und wollen. Sie mĂŒssten sich darauf einlassen und zuhören, ganz im trialogischen Sinne.
Dem Buch ist zu wĂŒnschen, dass es viele, viele Leser ïŹndet. Es schließt eindeutig eine LĂŒcke, und es bleibt zu hoffen, dass es weitere Projekte dieser Art gibt, wo vielleicht auch Kinder ĂŒber ihre Erfahrungen mit bipolaren und psychotischen Eltern schreiben oder auch weniger nahe Verwandte oder Freunde, die in vielen FĂ€llen (mit)leiden‚ obwohl sie weniger eng verstrickt sind. Erst die Vielfalt der Erfahrungen und Lösungsversuche fĂŒhrt die Situation der Angehörigen wirklich plastisch vor Augen und zu hoffentlich mehr gegenseitigem VerstĂ€ndnis.
Stefanie Hubert, Co-Leiterin des DGBS-Referats Angehörige

Andreas Manteufel, Bonn, in Zeitschrift fĂŒr Systemische Therapie und Beratung:
Bei Paranus sind zwei BĂŒcher erschienen, die in bester Verlagstradition die Stimme subjektiver Erfahrung zu Wort kommen lassen. Das erste Buch vereinigt BeitrĂ€ge von Angehörigen psychisch Kranker, im zweiten Fall geht es um das „Stimmenhören“, aber keineswegs nur unter dem Aspekt, „Symptom einer schizophrenen Psychose“ zu sein.
Es ist den Herausgebern gelungen. sehr persönliche und prĂ€gnante Texte einzuholen, ĂŒber deren Inhalte man hĂ€uïŹg nur staunen kann. Einerseits darĂŒber, was sich in mancher Lebensgeschichte Unglaubliches an Belastungen anhĂ€uft. Andererseits, wie es Menschen gelingen kann, aus schwierigsten Bedingungen heraus eine lebenswerte Lage zu schaffen.
In diesem Sinne dienen beide BĂŒcher als „Ermutigung“.
WĂ€hrend sich die Bedeutung von uns „Professionellen“ im Lichte dieser Berichte erheblich relativiert, wird von beiden Autorengruppen der Austausch untereinander, also mit Menschen, die Gleiches oder Ähnliches erleben und bewĂ€ltigen mĂŒssen, hervorgehoben. FĂŒr Angehörige psychisch Kranker sind diese Kontakte hĂ€uïŹg der SchlĂŒssel fĂŒr eine Neubesinnung, bei der dann das Thema der eigenen Belastungsgrenzen in den Vordergrund rĂŒckt. Das „Loslassen-Können“ (nicht Fallen-Lassen) eröffnet neue SpielrĂ€ume fĂŒr EigenstĂ€ndigkeit und LebensqualitĂ€t. Das gilt ĂŒbrigens auch fĂŒr die kranken Angehörigen. Mich beeindruckt die Schilderung einer Mutter, die sich die allergrĂ¶ĂŸten Gedanken darĂŒber machte, wie sie ihrer erwachsenen, psychisch kranken Tochter klar machen könne, dass sie dieser nun nicht mehr immer und ĂŒberall zur VerfĂŒgung stehen wolle und dass ihre Tochter Verantwortung fĂŒr sich selbst ĂŒbernehmen mĂŒsse. Als sie diese Botschaft endlich formulieren konnte, reagierte die Tochter ĂŒberraschend gelassen, denn: „Das sei in Ordnung, meinte sie, ich hĂ€tte Recht“ (S. 122).
In allen BeitrĂ€gen wird nichts beschönigt, es sind keine Geschichten wundersamer Heilungen. Es geht nur darum, was gelingen kann, wenn GefĂŒhle wie Ohnmacht, Schuld und Scham nicht mehr verdrĂ€ngt, sondern offen ausgesprochen oder aufgeschrieben werden.
Dass Stimmenhören nicht nur ein zu beseitigendes Symptom von Psychosen ist, verraten die BeitrĂ€ge im Band "Höllenqual oder Hi1nmelsgabe?". Auch hier spielen Ärzte, Therapeuten und Medikamente eine Nebenrolle, manchmal eine hilfreiche, manchmal eine dauerhaft abschreckende. Erstaunlich ïŹnde ich, wie viele Stimmenhörer sich offenbar ihrer Gratwanderung zur Psychose bewusst sind. Sie schrecken auch nicht davor zurĂŒck, sich zeitweise mit Medikamenten oder Klinikaufenthalten helfen zu lassen, fĂŒhlen sich aber dennoch eher als aktive Stimmenhörer und nicht als Patienten.
FĂŒr mich als psychologischen Klinikmitarbeiter geben die Autoren selbst die entscheidenden Hinweise, wo therapeutische Ansatzpunkte liegen können. Den einen gelingt es durch viel Übung, ihre Konzentration vom Stimmenhören wegzulenken, z.B. durch Meditation oder AchtsamkeitsĂŒbungen. Anderen gelingt es, sich im offenen Dialog mit ihren Stimmen selbstbewusster von deren EinïŹ‚uss abzugrenzen. Manche akzeptieren die Stimmen in ihrer Funktion als „unbequeme Ratgeber“, einer der Autoren tritt mit ihnen in Verhandlungen, an deren Ende „Regeln fĂŒr die Stimmen“ stehen, an die sich die akustischen Begleiter auch halten können. Einigen gelingt ein akzeptierender, ja „spielerischer“ Umgang mit ihnen. Nicht die Stimmenhörer, wir Therapeuten mĂŒssen mehr hinhören, was Stimmen zu sagen haben. Dann öffnen sich die TĂŒren zu solchen kreativen BewĂ€ltigungsmöglichkeiten.
Die BĂŒcher des Paranus-Verlags erweisen sich wieder einmal als Geburtshelfer fĂŒr den Dialog ĂŒber das, was schwer zu sagen ist. Wer diese BĂŒcher liest, wird mit Sicherheit ermutigt werden, noch aufnahmebereiter und interessierter zuzuhören.

Johannes Jungbauer auf socialnet.de:
Thema
Im Mittelpunkt des vorliegenden Buchs stehen die Angehörigen psychisch kranker Menschen, die ihrerseits vielfĂ€ltige Belastungen erleben: Ängste, Sorgen, Hilflosigkeit, SchuldgefĂŒhle, Scham, Verzweiflung und (Selbst-)Überforderung. Aus wissenschaftlichen Studien ist bekannt, dass diese Belastungen nicht spurlos an den Angehörigen vorbeigehen – das Risiko fĂŒr gesundheitliche BeeintrĂ€chtigungen ist bei ihnen deutlich erhöht, vor allem fĂŒr psychische und psychosomatische Beschwerden und Störungen. Umso wichtiger sind Möglichkeiten der Entlastung, der UnterstĂŒtzung und der Hilfe zur Selbsthilfe. In diesem Sinne ist das vorliegende Buch als „Ermutigungsbuch“ fĂŒr Angehörige konzipiert: „Was hilft, ist, sich der eigenen, besonderen Erfahrungen bewusst zu werden und den Austausch mit anderen zu suchen. Dann kann es auch gelingen, sich von SchuldgefĂŒhlen und von dem Empfinden zu lösen, stĂ€ndig zum Tragen schwerer Verantwortung verpflichtet zu sein.“ (Umschlagtext).

Entstehungshintergrund
Die Herausgeber beschĂ€ftigen sich bereits seit Jahren mit der Frage, wie die Erfahrungen von Angehörigen psychisch kranker Menschen in angemessener Form dokumentiert und der Öffentlichkeit sowie insbesondere anderen Angehörigen zugĂ€nglich gemacht werden können. Der vorliegende Band sollte Raum schaffen fĂŒr das „Erfahrungswissen“ von MĂŒttern und VĂ€tern sowie Partnerinnen und Partnern von psychisch kranken Menschen. In einem „Schreibaufruf“ luden Herausgeber Angehörige dazu ein, sich als Autorinnen und Autoren an einem Buchprojekt zu beteiligen. Dort hieß es u.a.: „Es geht uns in diesem Buchprojekt nicht um die Beschreibung der Not und des Leidens der psychiatrieerfahrenen Menschen aus Sicht der Angehörigen. Es geht uns um die Angehörigen-Erfahrung selbst“ (S. 11). Die Resonanz auf diesen Schreibaufruf war offenbar sehr groß und vielfĂ€ltig, doch nicht alle Angehörigen waren offenbar spontan begeistert davon, ihre Erfahrungen niederzuschreiben. Am Ende dieses Prozesses standen 16 Texte, die etwa zur HĂ€lfte unter Pseudonym und zum grĂ¶ĂŸten Teil von MĂŒttern verfasst waren (drei VĂ€ter und eine Ehepartnerin beteiligten sich ebenfalls an dem Buchprojekt).

Aufbau
Das Buch umfasst 182 Seiten mit den von den Angehörigen verfassten BeitrĂ€gen. 15 der 16 BeitrĂ€ge stammen von Eltern erwachsener Kinder, die von unterschiedlichen psychischen Störungen betroffen sind (Schizophrenien, bipolare Störungen, Borderline-Persönlichkeitsstörungen). Ein Beitrag wurde von der Ehepartnerin eines an einer Depression erkrankten Mannes verfasst. In einem Vorwort von Fritz Bremer wird das Anliegen und die Entstehungsgeschichte des Buchs erlĂ€utert; Hartwig Hansen steuert ein zusammenfassendes Nachwort bei („Das Verbindende zum Schluss“).

AusgewÀhlte Inhalte
Die 16 Kapitel sind sehr persönliche Erfahrungsberichte und umfassen jeweils ca. 10 Seiten. Im Inhaltsverzeichnis sind die einzelnen Buchkapitel mit ihrer Überschrift und den ersten einleitenden SĂ€tzen aufgefĂŒhrt. Exemplarisch fĂŒr das Spektrum der BeitrĂ€ge seien einige davon in dieser Weise wiedergegeben:
Achterbahnfahrt: Kein Ausstieg auf der Strecke (Elisabeth Richter). Es war wohl nach meinem ersten Besuch des Psychoseseminars, als mich eine Frau fragte, wie viele Psychosen mein Sohn schon gehabt habe. Auf meine Antwort „Eine“ guckte sie mich etwas geringschĂ€tzig an. Da kannst du gar nicht mitreden, hieß der Blick

Die Last, die wir tragen (Michaela Reeger). „Heute habe ich sie gesehen, Mum 
 in der Straßenbahn habe ich sie erkannt. Und sie sind ĂŒberall, diese SeelenfĂ€nger, wir mĂŒssen jetzt ganz genau aufpassen!“ Mit diesen Worten meiner 16-jĂ€hrigen Tochter begann eine fĂŒr mich und meine Familie leidvolle Entwicklung

Mein langer Weg der Neuorientierung (Angelika Bardelle). Vor zehn Jahren erkrankte meine Tochter – es war ein schleichender Prozess. Ich erlebte ihre Krankheit traumatisch – als ob mir der Boden unter den FĂŒĂŸen weggezogen wĂŒrde

MitgefĂŒhl ist in Ordnung, Mitleid brauche ich nicht (Barbara Mechelke). Inzwischen bin ich Rentnerin. Mein Leben verlĂ€uft in ruhigen Bahnen. Das war nicht immer so. Ereignisteiche Jahre liegen hinter mir. Ich habe meinen Weg gefunden, mich kann so schnell nichts mehr erschĂŒttern

So lange durchhalten, wie es irgendwie geht? (Damir Buljan). Vor die Aufgabe gestellt, unser Leben mit dieser rĂ€tselhaften Krankheit „Psychose“ unseres Sohnes angemessen zu beschreiben, stellt sich mir zuerst die Frage: Wie anfangen? 

Von der aufgeregten zur gelassenen Mutter(Janine Berg-Peer). Die Diagnose traf mich wie ein Schock. Durch meinen Kopf wirbelten die schrecklichen Bilder ĂŒber Schizophrenie, die uns Medien und Literatur anbieten


Diskussion
Die in dem vorliegenden Buch versammelten Erfahrungsberichte verdeutlichen eindrucksvoll und zum Teil bewegend die großen Belastungen und das Leid der Angehörigen, aber auch ihre Liebe, ihre Kraft, ihre Beharrlichkeit und nicht zuletzt auch ihre FĂ€higkeit, mit der psychischen Erkrankung ihres erwachsenen Kindes (bzw. ihres Partners) umgehen und leben zu lernen. Deutlich wird auch, dass in vielen FĂ€llen nicht nur die psychische Erkrankung belastend fĂŒr die Angehörigen ist. Oft genug ist es auch der Umgang mit denen, die eigentlich hilfreich sein sollten: Psychiater, Psychotherapeuten, Pflegepersonal und Sozialarbeiter, die die HilfebedĂŒrftigkeit der Angehörigen nicht sehen oder sich nicht zustĂ€ndig fĂŒhlen, die Angehörigen als lĂ€stigen Störfaktor wahrnehmen oder sie sogar beschuldigen. Auf der anderen Seite sind es gerade die „guten“ Psychiater, Ärzte, Therapeuten und Sozialarbeiter, die von vielen Angehörigen und oft mit großer Dankbarkeit als Helfer in der Not erlebt werden.
Das Buch zeigt einerseits das Gemeinsame und Verbindende der Erfahrungen, die Angehörige psychisch kranker Menschen machen. Andererseits sind diese Erfahrungen auch höchst individuell und persönlich, und nicht alle erleben die gleichen Dinge in gleichem Maße als belastend, hilfreich oder richtig. Aus diesem Grund sind auch die Wege, die die Angehörigen fĂŒr sich gefunden haben, sehr individuell.
Besonders hervorzuheben ist auch die respektvolle und wertschĂ€tzende Haltung der Herausgeber, die den „Erfahrungsschatz“ der Angehörigen in einem umfassenden Sinne ernst nehmen. Hierzu gehört auch, dass nichts zensiert oder beschönigt wird – auch GefĂŒhle der Trauer, der Resignation und der Verbitterung haben ihren Platz in den Erfahrungsberichten. AusfĂŒhrlich wird indes auch darĂŒber berichtet, was in Phasen großer Verunsicherung und Verzweiflung wichtig wurde und geholfen hat. Bemerkenswert ist auch die selbstbewusste Haltung der Angehörigen, die in vielen der Erfahrungsberichte spĂŒrbar wird und die von den Herausgebern ausdrĂŒcklich begrĂŒĂŸt wird.

Fazit
Dem vorliegenden Buch sind viele Leserinnen und Leser zu wĂŒnschen: Ein „Ermutigungsbuch“ ist das vorliegende Buch in dem Sinne, dass Angehörige psychisch kranker Menschen (insbesondere Eltern) sich in ihrer Not nicht allein fĂŒhlen und vielfĂ€ltige ermutigende Anregungen erhalten, um ihren eigenen Weg zu finden. DarĂŒber hinaus kann das Buch allen empfohlen werden, die beruflich oder mit psychisch kranken Menschen und ihren Angehörigen zu tun haben. Auch fĂŒr Studierende der Psychologie und der Sozialen Arbeit bietet das Buch reichhaltiges Material, z.B. fĂŒr Fallbesprechungen und Diskussionen in Lehrveranstaltungen. Nicht zuletzt ist das Buch fĂŒr Ärzte und Ärztinnen in der psychiatrischen Facharztausbildung eine ausgezeichnete Möglichkeit, die Perspektive der Angehörigen besser kennenzulernen.

Rezensent: Prof. Dr. phil. habil. Johannes Jungbauer
Diplom-Psychologe; Supervisor (BDP). Professor fĂŒr Familien- und Entwicklungspsychologie an der Kath. Hochschule NRW in Aachen

Rezension in: Der ParitÀtische:
Mit „Angehörige sind Erfahrene“ haben Fritz Bremer und Hartwig Hansen ein Ermutigungsbuch herausgebracht, das an Angehörige psychisch erkrankter Menschen appelliert, sich ihrer eigenen, besonderen Erfahrungen klarer bewusst zu werden, diese stĂ€rker wertzuschĂ€tzen und den Austausch mit anderen Angehörigen zu suchen. 16 Eltern und Partner berichten anschaulich und bewegend, vor welche Herausforderungen sie die psychische Erkrankung ihres Angehörigen gestellt hat und was sie bei der BewĂ€ltigung als hilfreich erlebt haben. Dabei geht es unter anderem um die Auseinandersetzung mit dem GefĂŒhl, eine Mitschuld daran zu tragen, dass der Partner/die Partnerin oder das Kind erkrankt sind. Oder um das Empfinden, stĂ€ndig Verantwortung fĂŒr den psychisch kranken Angehörigen tragen zu mĂŒssen ohne im psychiatrischen Behandlungssystem als Angehörige angemessen eingebunden zu werden. Deutlich wird vor allem, wie wichtig, aber auch, wie schwer es ist, im Umgang mit der Erkrankung des Angehörigen seinen eigenen Weg zu finden. Eine empfehlenswerte LektĂŒre nicht nur fĂŒr Angehörige, sondern auch fĂŒr Betroffene und vor allem professionell in der Psychiatrie TĂ€tige.

Svenja Bunt auf: www.verrueckte-buecher.de:
Das Buch enthĂ€lt 16 Erfahrungsberichte von Angehörigen, ĂŒberwiegend geschrieben von MĂŒttern psychosekranker Kinder. Alle Berichte sind von sehr engagierten Eltern verfasst, die viel fĂŒr ihre Kinder getan haben und immer noch leisten. Sie berichten bewegend, wie schockierend die Erkrankung des Kindes fĂŒr sie war. Wie sich die Perspektive verschob: Nicht mehr waren Enkelkinder, ein harmonisches Familienleben, eine berufliche Karriere fĂŒr das Kind zu erwarten, sondern plötzlich ging es um Krisenintervention, Medikamente, SelbstĂ€ndigkeit und ein StĂŒckchen Hoffnung. Die Angehörigen beschreiben, was das mit ihnen gemacht hat, wie sie damit umgegangen sind und wie sie ihren Weg gefunden haben.
Sowohl als Betroffene als auch als Wohnbetreuerin weiß ich, dass die Ablösung vom Elternhaus bei Psychose oft nicht gut gelingt. Das erwachsene Kind wĂŒrde gerne selbstĂ€ndig sein, vielleicht auch gerne weniger Kontakt mit den Eltern haben, aber es gibt immer wieder Not und Schwierigkeiten, die Hilfe von den Eltern verlangen. Auch die Eltern können nicht gut loslassen, sie machen sich Sorgen und glauben, dass ihre Hilfe immer wieder gefordert ist. Das Resultat sind ambivalente und auch schwierige familiĂ€re Beziehungen, die auch oft einer guten Entwicklung der Betroffenen nicht so zutrĂ€glich sind. So beschreibt Janine Berg-Peer in dem Buch, dass es sehr förderlich fĂŒr alle Beteiligten war, als sie eine gewisse Gelassenheit erlernte und nicht mehr stĂ€ndig ihrer Tochter hilfreich zur Seite sprang.
In dem Buch wird vor allem die emotionale Not der Angehörigen sichtbar, die oft sogar in Verzweiflung mĂŒndet. Alles scheint verfahren und hoffnungslos und man selbst fĂŒhlt sich hilflos, der Situation nicht gewachsen, ohne Möglichkeiten, alles zum Guten zu wenden. Dazu Scham und SchuldgefĂŒhle angesichts der VerhaltensauffĂ€lligkeiten und der bislang ungeahnten Situationen, in die man verstrickt ist. Diese große emotionale Not wird in vielen Bildern beschrieben und teilt sich dem Leser unmittelbar mit. Und genau darin, in diesem sich schwach fĂŒhlen, liegt die StĂ€rke des Buches.
Ich hoffe, viele Professionelle werden das Buch lesen, damit sie lernen besser mit den Angehörigen ihrer Klienten umzugehen. Ich hoffe, viele Betroffene werden das Buch lesen, damit sie sich berĂŒhren lassen und vielleicht auch ihre eigenen Angehörigen besser verstehen. Ich hoffe, viele Angehörige werden das Buch lesen, damit es fĂŒr sie ein Ermutigungsbuch sein kann, nicht nur stark ihren Weg zu gehen, sondern auch schwach diese emotionale Not mit anderen zu teilen.
Fritz Bremer sagt im Vorwort, dass diese persönlichen Berichte ein Geschenk sind. Auch von mir ein Dankeschön fĂŒr dieses Geschenk!


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