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Mein gro├čer Bruder

Rezensionen

Jens Riedel in: Der Eppendorfer:
So erschreckend der Satz klang, so wohltuend war er f├╝r Tina B├╝hler Stehl├ę: Der diensthabende Psychiater der Uniklinik Bern erkl├Ąrte ihr, dass er noch nie ÔÇÜeinen solchen Fall menschlichen Leidens gesehenÔÇÖ habe und auch nur aus B├╝chern kenne. Gemeint war ihr Bruder. ÔÇô Der literarische Stil macht das Buch nicht nur inhaltlich fesselnd, sondern spannend wie einen Roman. Bis zum Schluss f├Ąllt es schwer, das Buch aus der Hand zu legen.

Sabine K├╝hner in: Blechtrommel:
Tina B├╝hler Stehl├ę wollte Worte finden f├╝r das jahrelange Schweigen. Empfehlung: Eine unter die Haut gehende Geschichte.

Gerald K├Âhn in: Gegenwind:
Der implizite Wunsch der Autorin ist, dass Verh├Ąltnisse geschaffen werden, in denen sich eine solch fatale Geschichte nicht wiederholen kann. Die Macht eines einzelnen Menschen ├╝ber einen anderen darf nie so gro├č sein, wie es in diesem Buch vorgestellt wird. Das Buch ist eine beeindruckende Mahnung zur Menschlichkeit.

Rebekka Marthaler in: Thuner Tagblatt:
Ein lesenswertes Buch, nicht f├╝r jemanden, der einfach nur Unterhaltung sucht. Die Geschichte bleibt auch nach der letzten Seite haften.

Monika Zaugg in: pro mente sana aktuell:
Ich w├╝nsche diesem Buch eine breite Leserschaft und Anteilnahme und empfehle es Menschen in Beh├Ârden, Fachleuten aller Art sowie an Lebensgeschichten Interessierten. Wem ich es nicht empfehle, sind Menschen, die selber in einer Krise stecken, die nicht die Kraft haben, ein solches Buch zu Ende zu lesen und alles nur negativ sehen.

Heike Marino in: TABU:
Ein lesenswertes Buch, das betroffen macht, nicht leicht verdaulich ist, aber auch als Appell an die LeserInnen verstanden werden darf, nicht alles, was im "trauten Heim" geschieht, als Familienangelegenheit abzutun, sondern die Augen zu ├Âffnen und mitzuhelfen, Missbrauch und Gewalt zu beenden.

Sibylle Prins in: Soziale Psychiatrie:
Mutiger Erfahrungsbericht ├╝ber zerst├Ârerische Familie
Dieses Buch packt einen bereits auf den ersten Seiten. Dabei habe ich das normalerweise gar nicht gern, wenn der Ausgang einer erz├Ąhlten Geschichte bereits zu Anfang vorweggenommen wird. Hier ist es hilfreich, zum Verst├Ąndnis, auch, um die nun folgende Lekt├╝re fortzusetzen, die nicht gerade ÔÇ×leichte Kost" ist. Die Autorin berichtet von einem Familienhorror, der seinesgleichen sucht. Opfer dieses Szenarios ist f├╝r sie in allererster Linie ihr zwei Jahre ├Ąlterer Bruder Swen , der nach jahrzehntelanger Isolation in grenzenloser Verwahrlosung in der Psychiatrie landet ÔÇô
ÔÇ×um wahrgenommen zu werden, musste wohl oder ├╝bel einer von uns verr├╝ckt werden" (S.77), Als Leser/in dieses ersch├╝tternden Erfahrungsberichtes kann man sich kaum entscheiden, wer von den beiden Geschwistern das schwerere Leid zu ertragen hatte. B├╝hler-Stehl├ę schildert zun├Ąchst in kurzen Abschnitten, die als eine Art Briefe an den Bruder gerichtet sind, ihre gemeinsame Kindheit und Jugend. Anfangs ist der Bruder ihr geliebter Gef├Ąhrte und bester Freund, ihr Vertrauter, Besch├╝tzer. Innerhalb sehr kurzer Zeit ├Ąndert sich das alles: der Bruder wird zu einem grausamen, unleidlichen Tyrannen, der seine ganze Familie, insbesondere aber die j├╝ngere Schwester bis ins Letzte kontrolliert und zu bestimmen versucht. Alles kommt in dieser Familie vor: Gewalt, Vernachl├Ąssigung, sexueller, seelischer und sozialer Missbrauch. Dabei werden keineswegs die in manchen Kontexten hier├╝ber ├╝blichen Klischees bedient, sondern es werden zum Teil ÔÇ×unerwartete Wahrheiten" sichtbar gemacht ÔÇô erschreckend, und doch erleichternd, denn wann werden solche Geschichten erz├Ąhlt? In sp├Ąteren Jahren vegetiert der Bruder ohne irgendwelche Kontakte zur Au├čenwelt dahin. Alle Versuche der Schwester, zu ihm zu gelangen, etwas f├╝r ihn zu tun, scheitern. Bis dann die Ereignisse den Weg freimachen f├╝r ÔÇô f├╝r eine Aufnahme des Bruders in die Psychiatrie.
Das Buch r├╝hrt auch an ÔÇ×Familienthemen", die man aus weniger schrecklichen (?) Familien kennt: nach au├čen hin muss alles einen guten Eindruck machen, wie es intern zugeht, geht niemanden etwas an. Im Umgang mit der Au├čenwelt geben sich die Familienmitglieder auch ganz anders als untereinander. ├ťber bestimmte, ja ├╝ber die bestimmenden Themen darf nicht, um keinen Preis, gesprochen werden. Schon gar nicht mit Au├čenstehenden. Ein Mitglied wird von den anderen verraten, daraufhin aber selbst von der Familie als Verr├Ąter/in bezeichnet. Einer oder eine bestimmt, was wirklich ist, was die Wahrheit der Familie und der Welt ist. Da darf man sich hier und da auch in der eigenen, ganz anderen Biografie und Familiengeschichte ber├╝hrt f├╝hlen.
Welchen Sinn macht es, solch ein Buch zu lesen? Ist es mehr als blo├č ein voyeuristischer Blick auf das, was sich hinter gut- bzw. gro├čb├╝rgerlichen Gardinen abspielen kann? Auf jeden Fall: Beim Lesen hat man manchmal das Gef├╝hl, man m├Âchte in die geschilderten Situationen eingreifen, dem Schrecken endlich ein Ende bereiten. Den in der Realit├Ąt anwesenden Personen ging das, wie oben geschildert, offenbar nicht so. Wieso ist das so? Handelt vielleicht jede/r von uns in seinem Bereich, auf seine Weise genauso? Ferner: Schreckensgeschichten verlegen wir gern anderswohin- in ferne L├Ąnder, in andere Zeiten. Das solche Dinge auch zu unserer hiesigen Wirklichkeit geh├Âren, wollen wir nicht gern wissen. Sollten wir aber. Und schlie├člich: nicht an der Geschichte von Swen und seiner Schwester, wohl aber an der Gestaltung einer Welt, in der solche Lebensgeschichten m├Âglich sind, sind wir alle beteiligt. Ein Buch f├╝r Leser/innen, denen man auch einmal etwas zumuten darf.


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