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Seitenwechsel

Rezensionen

Jürgen Blume in: Gegenwind:
Dieses Buch ist eine wirkliche Neuheit. Hier berichten Menschen, die selbst als Patient Psychiatrie-Erfahrung hatten, über ihren Alltag in psychiatrischen Einrichtungen. Diesmal als Profis. Die Herausgeberin Sibylle Prins hat sie einfühlsam interviewt. Deutlich wird in diesem Buch, wie hilfreich die eigene Psychiatrie-Erfahrung bei der Betreuung psychisch erkrankter Menschen sein kann. (...) Ich bin Sibylle Prins und den Interviewten dafür dankbar.

Claus Räthke in: Irrturm:
Ich kann dieses Buch sehr empfehlen und hoffe, dass Betroffene, Profis und betroffene Profis darauf neugierig werden.

Arnhild Köpcke in: Sozialpsychiatrische Informationen:
Niemand der Interviewten macht sich selbst zum Maßstab für andere, keiner meint, den Heilsweg für alle gefunden zu haben, was sich sicher aus der Beidseitigkeit der Erfahrungen ergibt. Sibylle Prins lenkt die Befragungen mit so viel Geschick, dass ein spannendes Buch daraus geworden ist, dem es gelingt, die manchmal so tiefen Gräben zwischen Psychiatrieerfahrenen und Professionellen zu überwinden.

Ursula Talke in: Soziale Psychiatrie:
Man kann Sibylle Prins und den psychiatrieerfahrenen professionellen Mitarbeitern zu diesem gelungenen Buch nur gratulieren – und ermuntern zu einer Fortsetzung mit der Fragestellung: Wie erleben die "Nur-Profis" und die "Nur-Betroffenen" diese "doppelte Qualifizierung"?

Christine Theml in: Nicht ohne uns:
Endlich hat sich mal jemand dieses Themas angenommen (...) Ich kann die Fülle der sehr praktischen Vorschläge zur Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses hier nicht aufführen. Lesen Sie das Buch.

„Handeln und helfen“, Sozialforum Tübingen:
Das Buch besteht neben einer Einführung der Herausgeberin aus Interviews, in denen acht Frauen und zwei Männer Auskunft geben. Prins ist es wichtig, nicht nur eine isolierte Berufsbiografie oder Krankengeschichte zu erfragen, sondern beides in das Lebensgefüge der Gesprächspartnerinnen und -partner eingebettet zu wissen. Jedes Interview beginnt so mit einer längeren Erzählung der Lebensgeschichte, erst später werden spezielle Erlebnisse mit dem Thema Doppelerfahrung erfragt. Sie arbeitet mit einem Interviewleitfaden, der nach einem Vorgespräch noch einmal genauer auf die jeweilige Person zugeschnitten wurde. Die Fragen sind jeweils ähnlich: „Hat sich durch die berufliche Tätigkeit deine eigene Sicht auf psychische Krisen, deine Selbstwahrnehmung oder dein Selbstbild verändert?“ „Soll man bewusst Psychiatrieerfahrene als Mitarbeiter einstellen?“ „Was hast du für Wünsche und Forderungen an die Psychiatrie?“ „Was sollte in Aus- und Fortbildungen unbedingt berücksichtigt werden?“
Die Antworten auf diese und die anderen Fragen sind spannend, berührend, teilweise auch bedrückend. Sie beleuchten diesen wichtigen und umstrittenen Bereich aus individueller Perspektive und Erfahrung. Ein Buch nicht nur für Betroffene, Angehörige und Profis, sondern für alle, die sich für dieses Thema interessieren.

Christian Zechert in: Psychosoziale Umschau:
Wider den Hochmut – Doppelerfahrung als Qualifikation
Ein Chirurg verletzt sich beim Schneiden der Rosen, ein Internist zieht sich eine Fischvergiftung zu – Geschichten aus dem Alltag, über die man schmunzelt. Was aber, wenn die Ärztin der Psychiatrischen Klinik depressiv erkrankt, wenn nach schwierigen Jahren der Krise sich ein Psychiatrieerfahrener um die Leitungsstelle im Wohnheim bewirbt? Solche Seitenwechsel zwischen Therapeuten und Patienten, zwischen Betreuerin und Klientin, Privatem und Beruflichem finden statt – in beide Richtungen. Welcher Professionelle erinnert sich nicht mit ambivalenten Gefühlen an für immer verschwundene, „dekompensierte“ Kollegen und Kolleginnen? Tabuisiert und doppelt stigmatisiert sind sie.
Herausgeberin Sibylle Prins stellt in diesem 190-Seitenbuch zehn „psychiatrieerfahrenen Professionellen“ Fragen, lässt berichten, hört aufmerksam zu, lenkt Leserin und Leser geschickt auf die zentralen Aussagen: Wie kam es zu der Krise, welche Erfahrungen mit der Psychiatrie hast du gemacht, wie hat sich Ihre Selbstwahrnehmung geändert, sollte man sich outen oder lieber nicht, wie war der Weg als Patient und später als Mitarbeiter in die Psychiatrie? Fragen, die sich stets den schwierigen biografischen Erfahrungen annähern und nie in einer Schwarz-Weiß-Malerei enden. Und höchstpersönliche Antworten, über die eigene Biografie hinausgehend, grundsätzliche Botschaften an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beinhaltend: Mehr zuhören, mehr Kompetenzen sehen, widersprüchliche Wahrnehmungen aushalten, nie – auch nicht nur zur spontanen emotionalen Entlastung - Klienten vor Kollegen diskriminieren, stattdessen die Logik der Krise und Psychiatrieerfahrung versuchen zu erkennen. Ihre Erfahrung zulassen und als Kompetenz einbringen. Aber auch Grenzen erkennen, das „Management“ mit sich selber verbessern, die Vielfältigkeit der Erfahrungen nutzend.
Als Professionelle haben wir uns gut eingerichtet: wir behandeln, wir entscheiden. Der psychiatrieerfahrene Kollege jedoch - wo gehört er oder sie hin? Kollege? Ja, darauf gibt das Buch klare Antworten. Psychiatrieerfahrene können sehr gute Kollegen sein, bringen eine andere, tiefere Sensibilität ein. Die Befragten haben dies ausgehandelt, haben mehrheitlich offen darüber sprechen können.
Die Botschaft dieses Buches ist überfällig. Ein Signal wider den Hochmut der Professionellen, für eine neue Qualität im Dialog zwischen Psychiatrieerfahrenen und Professionellen. Es ist ein Lehrbuch des Dialogs und ein Lehrstück gegen jegliche professionelle Einseitigkeit. Es ist die Aufforderung zu mehr Sensibilität und Respekt und Wahrnehmung der Kompetenzen der Erfahrenen. Dass dies so unaufgeregt nachhaltig und ohne die Beschwörung von Feindbildern gelingt, ist der Herausgeberin und ihrem Lektor Hartwig Hansen zu verdanken.
Ohne Zweifel und im Ernst: Das Buch gehört auf den Lehrplan der Universitätspsychiatrie. Aber nicht nur dort.

Andreas Manteufel in: systhema:
Die beiden Bücher (Eigensinn und Psychose von Thomas Bock sowie Seitenwechsel, d. Red.) stellen, in Treue zum Konzept des Verlags, Lebensgeschichten psychisch kranker Frauen und Männer in den Vordergrund. Prins interviewte Menschen, die die Doppelrolle von Psychiatrieerfahrener und professioneller Helferin (Ärztinnen, Psychologinnen, Pädagoginnen) einnehmen. Deren Erzählungen werden ausführlich, in alltagsnaher Sprache und nur spärlich durch Interviewfragen unterbrochen widergegeben. Bock gibt dem Phänomen der „Noncompliance“ eine positive Wendung und zeigt anhand von elf Krankengeschichten beispielhaft, wie man dem „Eigensinn“ der Patienten, ihrem Hadern mit professionellen Anordnungen oder Empfehlungen besser folgen kann.
Immerhin kann sich Bock auf Forschungsbefunde stützen, die Patienten mit abweichenden, individuellen Krankheitskonzepten langfristig eine höhere Lebensqualität zusprechen. Er plädiert für einen kooperativen Begriff von Compliance als „Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen“, statt als „Unterwerfungsritual“. Uns Professionelle erinnert er an unsere Verantwortung für die Art der Aufklärung über Krankheit und Behandlung und für die Sprache, mit der wir den Patienten gegenübertreten. Und er wünscht sich mehr Bereitschaft von Professionellen, auf die Komplexität der Patientengeschichten und ihren „subjektiven Sinn“ ein zu gehen. Man mag denken, dass Bock bei den meisten Professionellen offene Türen einrennt. In Konferenzen und Teambesprechungen oder gar auf Tagungen, frei vom täglichen Handlungsdruck, sind dies alles gerne gehörte, absolut zustimmungsfähige Thesen. Worauf es ankommt ist, ob der Leser sein alltägliches Handeln mit „schwierigen“, weil „widerspenstigen“ Patienten, einer ehrlichen Prüfung unterzieht und sich von den Beispielen des Buches anregen lässt, neue Ideen um zu setzen. Dann erst hätte die Lektüre einen echten Sinn erfüllt. Bocks Darstellungsweise ist engagiert, ermutigend, und sie ist ausreichend differenziert, weil auch die Grenzen des Machbaren nicht geleugnet werden. Systemische Kolleginnen und Kollegen werden merken, dass systemischer Geist durch das Buch weht, etwa dort, wo Bock auf die Bedeutung der Kontexterweiterung, des Einbezugs von Angehörigen und der Bereitschaft, positiven Sinn auch unangenehmer Verhaltensweisen von Patienten anzuerkennen, fokussiert. Und zum Glück ist er weit davon entfernt, mit Rezepten zu locken, wie man es denn nun im Konkreten anders machen sollte. Michaela Amering verfasste ein Kapitel über das „Recovery-Konzept“, bei dem es um „die Entwicklung aus den Beschränkungen der PatientInnenrolle hin zu einem selbstbestimmten Leben“ (S. 146) geht. Ein Gespräch mit Dorothea Buck über ihre „eigensinnigen Erfahrungen mit der eigenen Psychose“ runden das Buch ab.
Sibylle Prins hat sich mit Menschen unterhalten, die in ihrer Biographie sowohl die Erfahrung eigener psychiatrischer Behandlung als auch die Ausübung eines psychosozialen Helferberufs aufweisen. Besonders interessant an diesem „Seitenwechsel“ sind die Spuren, die eigene Krankheits- und Behandlungserfahrungen in der Auseinandersetzung mit Patienten über Krankheitskonzepte hinterlassen. Eine Autorin sagt: „Ich schreibe ganz bewusst nicht in meinen Arztbrief: „Die Behandlung war schwierig, weil der Patient keinerlei Krankheitseinsicht zeigte.“ Ob ich das schreibe, oder: „Es gelang während der Behandlung nicht, ein ausreichend stabiles gemeinsames Krankheitsmodell zu entwickeln“, sind zwei verschiedene paar Schuhe.“ (S. 69) Alle Erfahrungsberichte sind ein Appell an mehr Respekt für das Erleben der Patienten, für Geduld und Zuhören, und für die Fähigkeit, zum gedanklichen „Seitenwechsel“. „Ich habe einen schönen Spruch von Einstein entdeckt[…]: „Die Theorie bestimmt, was wir wahrnehmen“. Wenn ich von einer Theorie der Stoffwechselstörung ausgehe, dann ist klar, was ich wahrnehme. Und letztlich heißt dieser Begriff nur, dass es mir als Psychiaterin nicht gelungen ist, genügend Einsicht in das Krankheitserleben des Patienten zu nehmen.“ (ebd.).
Beide Bücher zielen auf ihre Weise darauf ab, die subjektive Seite in der Patientenbehandlung stärker wert zu schätzen. Beiden Büchern gelingt das, ohne die Moralkeule zu schwingen. Ich empfehle ihre Lektüre gerade Kolleginnen und Kollegen, die wie ich im psychiatrischen Akutbereich arbeiten, wo wir der Zeit und unseren neuen digitalen Dokumentationssystemen hinterherlaufen und immer die Gefahr besteht, dass wir uns diese eigentlich guten therapeutischen Tugenden abgewöhnen. Und ich empfehle diese Bücher als Alternative zum pseudowissenschaftlichen Einheitsbrei, der vorgibt, schon zu wissen, was für die Patienten gut und richtig ist.

Martin Lenz in: therapie kreativ
Bewirbt sich eine Musiktherapiestudentin oder ein Student für ein Praktikum bei mir in der psychiatrischen Klinik, gehört es zu einer meiner Standardfragen im Vorgespräch, ob sie oder er im Laufe des bisherigen Lebens psychische Krisen durchlebt hat und ob es Menschen im näheren Umfeld gibt, die psychisch krank sind. Wichtig ist mir dabei, darüber ins Gespräch zu kommen, wie und mit wessen Hilfe diese Krisen und diese Belastung bewältigt wurden und werden. Es ist für mich keine Frage, dass Menschen, die vielleicht selbst schon PatientInnen in einer psychiatrischen Klinik waren, MusiktherapeutInnen werden können. Aber es ist wichtig für mich, zu wissen, dass sich potentielle KollegInnen nicht aus Scham davor verstecken, oder vor sich selbst so tun, als sei das nicht gewesen.
Ein Buch, in dem Sibylle Prinz Gespräche mit Professionellen veröffentlicht, die selbst psychiatrieerfahren sind, gibt mir Recht. Die Offenheit und Klarheit bezüglich der eigenen Bewältigungsstrategien und Ressourcen von zukünftigen KollegInnen kann ein Praktikum „auf der anderen Seite“, also nicht mehr als PatientIn, sondern als Therapeutin, zu einem wertvollen Prozess für uns beide werden lassen.
Was das Buch „Seitenwechsel“ allerdings in mir auch bewegt, sind die Schilderungen langer und zum Teil unvorstellbarer Leidenswege von KollegInnen im weitesten Sinne, die manchmal eine Psychiatrie erleben mussten, wie ich sie mir kaum noch vorstellen kann. Und dennoch und machmal auch gerade deshalb sind diese Frauen und Männer engagierte MitstreiterInnen für eine humane Psychiatrie, wie man sie eigentlich überall erwarten dürfte.
Die Scham, von der immer wieder berichtet wird, macht sich eher bei mir bemerkbar. Ich schäme mich, dass es offensichtlich immer noch ein Problem sein kann, als Psychiatrieerfahrene/r in Berufen arbeiten zu können, die mit psychisch kranken Menschen zu tun haben, also als Ärztin, als Sozialarbeiterin, als Psychologe, Pflegemitarbeiter oder Musiktherapeutin.
Das Buch hebt sich für mich etwas von Veröffentlichungen anderer Psychiatrieerfahrener ab. Es erinnert mich nicht nur daran, meine eigene therapeutische Haltung immer und immer wieder zu reflektieren, sondern es mahnt mich, nie zu vergessen, dass auch ich Patient sein könnte. Und so hoffe ich, dass ein Satz einer Mitautorin dieses Buches in absehbarer Zukunft nicht mehr lauten muss: „Vor der Tatsache des Krankwerdens habe ich keine Angst mehr. Nur vor der Tatsache, so behandelt zu werden, habe ich Angst.“
Ich empfehle dieses Büchlein gern, weil es bei aller Kritik kein Rundumschlag ist, sondern sehr differenziert und engagiert Veränderungen in der psychiatrischen Landschaft anstößt. Mich auch.

Tobias Holthusen in: Kieler Fenster:
Für die Autorin war folgende Begebenheit ein Schlüsselerlebnis: Eine ihrer Arbeitskolleginnen hatte eine nahe Verwandte, die im sozialpsychiatrischen Krisendienst einer Kreisstadt arbeitete. Diese erkrankte an einer schweren Depression, hielt sich nur noch im Bett auf und wollte sterben. Ihre Angehörigen hingegen waren tief besorgt und ratlos. Die Betroffene selbst aber verweigerte jegliche psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe – ein Verhalten, was viel Raum gab für Fragen und Spekulationen.
Ausgehend von diesem Erlebnis begab sich Sibylle Prins nun auf die Suche nach Profis mit sogenannter doppelter Psychiatrieerfahrung. Einige davon kannte sie bereits, bevor sie mit dem Buch begann, andere traten über Dritte an sie heran oder meldeten sich direkt bei ihr, als sie von dem Projekt erfuhren. Hierdurch ergab sich auch die Beschränkung auf den Personenkreis derjenigen, die im stationären oder ambulanten Bereich psychiatrischer Einrichtungen tätig waren. In den Interviews sprach sie dann mit den Betroffenen über Fragen, ob Profis mit doppelter Psychiatrieerfahrung gezielt in psychiatrischen Einrichtungen als MitarbeiterInnen eingestellt werden sollen, ob diese überhaupt noch oder vielleicht sogar besser in der Lage sind, psychisch kranken Menschen helfen zu können, wie sich die eigenen Sichtweisen mit dem Rollenwechsel geändert haben und wie die so oft beschworene Abgrenzungs- u. Rollenproblematik erlebt wurde.
Sibylle Prins verzichtet dabei strikt auf Wertungen und Kommentare und überlässt es den LeserInnen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Die betroffenen Personen geben dazu in den Interviews aufschlussreiche Antworten, die, wie es die Autorin sieht, helfen können, das „Lagerdenken“ innerhalb der Psychiatrie zu überwinden.


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